Alkoholindoxikation

An Tagen wie diesen … ho – jeh – jemmer-jammer – ALLERDINGS ~ *kurz nachgedacht* ~ ALSO FRÜHER WAR ES SCHLIMMER! DEFINITIV.

Früher als nämlich in Kneipen viel geraucht wurde, früher, als man selbst noch rauchte und daher in gleicher Situation am “Day After” sich selbst roch. Als Stinker sozusagen. Und: Was für ein Glück, dass wir inzwischen keinen Schnaps dazu trinken!

* * *

Zerschnarchter Mund, trocken total. Ich begebe mich zum Kühlschrank, finde die gestern von mir hierin präventiv deponierte Büchse Bier, derweil mein Unterbewusstsein den obligatorischen Gottesbeweis

– die Existenz von Bier beweist: Es gibt einen Gott! –

liefert. Und nach dem ersten Zug der labenden Flüssigkeit – Ahhh! – ergänzend dazu die Frohe Botschaft.

– die Existenz von Bier beweist: Gott liebt uns! –

* * *

Jedenfalls war Christi Himmelfahrt. Wir kehrten ein und lieferten uns hierzu belangloses Gesprächs-Zeugs. Nach drei Bier erklärte ich meinem geschiedenen Kumpel die Menopause, was nachlassende endokrine Funktion der Eierstücke für das innerfamiliäre Zusammenleben bedeutet und nach dem achten Bier rezitierten wir gemeinsam, dabei blöde lachend, den “Hasen im Rausch” …

“… geradezu in Strömen floss der Wein
Die Nachbarn gossen ihn sich gegenseitig ein.”

… und stritten uns, ob es “den Löwen her!” heißt oder “das Löwenheer” heißt. Wobei ich mich entweder durchsetzen konnte oder nicht.

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Binationaler Ehekrieg

39. Tag

Je t’aime … moi non plus”, das berühmte Duett von Serge Gainsbourg mit Jane Birkin aus dem Jahr 1969 erklingt aus meinem Telefon – “ja?” – am anderen Ende vernehme ich eine aufgeregte Lara, die mit dringlichster Stimme spricht.

“Hole mich bitte schnell ab! Schnell, schneller, also soschnellesgeht!”

Okay. Ich. Pedal to the Metal ~ schon bin ich da.

Lara geriet durch einen dummen Zufall – erfahre ich nun – in kriegerisches Gebiet.

Seit Anfang März, genau genommen: seit dem achten März, redet die alte russische Freundin nicht mehr mit mit dem zugehörigen deutschen Bettgenossen (und|oder) umgedreht: der Deutsche verweigere jedwede Kommunikation.

“… und während wir beide beim Yoga waren, hat der Blödmann alle Plinsen aufgegessen. Wir kamen gerade bei denen in der Wohnung an, da sehen wir, wie er sich gerade die allerletzte Plinse reingestopft …”

Das ist eine Untat. Lara hat extra Plinsen für ihre Freundin gebacken. Nach einem familiären ukrainischen Geheimrezept, mit viel Halb-und-Halb und sehr scharf.

“… einfach so. Ohne zu fragen. Und ohne auch nur das kleinste Krümelchen übrig zu lassen!”

Die Frage nach der Ursache drängt sich geradezu auf. So erfahre ich, dass beide gemeinsam einkaufen waren, beim Discounter. An die Kasse sollten beide für den Einkauf 120 Euro betragen haben, weshalb er “ein richtiges Theater gemacht” haben soll und seither spricht er nicht mehr. Zumindest mit ihr.

Erfahrung lehrt: Diese Geschichte ist unvollständig. Daher erzähle ich Lara nun die von mir vermutete Version. Also welches Ereignis nach meiner Vermutung zum Ausbruch des Krieges führte:

Der achte März ist nämlich Frauentag und dieser ist in Russland ebenso bedeutend wie bei uns Weihnachten oder Ostern. Ein von russischen Frauen herbeigesehntes Machofest. Die gelebte Feminismus-Karikatur. Die slawische Seele der Freundin wird wohl auch in diesem Jahr auf ein Geschenk bestanden haben, derweil er, der Deutsche, den ganzen russischen Frauentagsmist – ganz im Sinne von Clara Zetkin übrigens – abgelehnt haben wird. Weshalb sie wird es sich selbst besorgt hat. Bei Lidl. Und zwar ALLES, was ihr zusteht: Teurer Alkohol, Geschenk und Blumen.

Ich kenne die Freundin ein bisschen: Sie ist wie ein Mann, der zur Nutte geht, wenn er’s zu Hause nicht besorgt kriegt.

* * *

Mit “so wird’s gewesen sein” beende ich meine Vermutung, mit “ja. wahrscheinlich” gibt mir Lara Recht.

“Aber egal was war: Du hättest mir doch auch in solcher Situation nicht die Plinsen weggegessen?!”

In dieser Situation sicher nicht.

Aber nicht wie Lara meint, vorrangig aus Anstand und Höflichkeit, sondern eher aus Vorsicht oder aus Angst.

Frühlingsgefühle

Frühlingsgefühle sind offenbar bei alternden Menschen andere als bei jüngeren.

Während wir Alten den Frühling früher als Anfang einer großen linearen Unendlichkeit empfanden, als Aufbruch sozusagen, empfinden wir nun die selbe Jahreszeit als Fixpunkt eines virtuellen Hula-Hoop-Reifens, der darüber hinaus auch noch kurz vorm Fallen schneller zu werden scheint.

Hula Hoop beschreibt des Alten Kalenderrunde, darin den Frühling als kleinstes gemeinsames Vielfaches gewisser Periodizitäten. Verbunden mit Gefühlen, die plötzlich an “damals” denken lassen.

„Is This the Way to Amarillo?“, „komm gib mir deine Hand, denn heute feiern wir“, „Micha-ehe-la, aha!“ – So trifft man sich immer wieder gern und hat dabei den komischen Musikgeschmack von 1972 im Ohr.

Die große Ur-Liebe ist heute guter Kumpel, glücklicherweise, wohl weil damals aus den ersten Gefühlen nichts wurde. Denn wäre was geworden, wären wir heute geschieden, könnten uns überhaupt nicht mehr leiden und würden uns nie mehr treffen wollen. Da also absolut “nichts” war, bleibt uns der Konjunktiv und viel ungelebtes Leben.

Lara ist überrascht. Wenn sich ein Russe mit seiner Schulfreundin trifft, ist er vorher total verschwiegen, hinterher ist – normalerweise – dessen Portemonnaie leer, der Kerl total verkatert und bleibt schweigend.

So ist es aber nicht bei mir. “Wir aßen Ente”, gab ich zu.

* * *

Potsdam, 4:30 Uhr. Der Waage Display zeigt “77,6”.

“Verräterin!”, sage ich verächtlich, “blöde Kuh” und: “Ich will dich heute nicht mehr sehn!”

Komisch nur, dass man mehr zunehmen kann, als die Speise des Vortages wog.

Klimakterialer Dewischnik

Lara sagt beiläufig:

“… ich würde mir heute einmal das Auto nehmen, Natascha ist aus Kiew gekommen, wir sammeln uns zum Mädchenabend [sic!], zu einem Dewischnik, darüber hinaus erzähle ich dir noch dies und jenes …”

Die obligatorische Bemerkung in Bezug auf den Titel der Veranstaltung muss ich mir verkneifen. (Nurmalnebenbei: Man kann es ja wohl kaum Mädchenabend nennen, wenn sich Ü-50-Frauen versammeln, um über die Folgen nachlassender endokrine Funktionen der Eierstöcke zu bereden, Eheprobleme, Nach-Ehe-Knaatsch, oder darüber, dass – späte Lebenserkenntnis – eigentlich alle Männer doof sind.)

Statt einer Bemerkung sage ich mit der liebenswürdigsten Stimme, die sich denken lässt:

“Ich kann euch doch zu Nataschas Wohnung bringen. Ich würde euch auch gern wieder abholen, Anruf genügt, und ich würde euch auch jeweils nach Hause fahren. Was dir gegenüber den anderen Mädels einen Vorteil verschaffen würde. Im Weiteren könntest du den anderen Mädels Tipps geben, wie Männer zu manipulieren sind und überhaupt: Von da an, hätte dein Wort unter den Mädels deutlich mehr Gewicht.”

Sie ist freudig-erstaunt:

“Das würdest du für mich tun?!”

Ja. Das würde ich tatsächlich tun. Für sie und unser Auto.

Gestörte Denkverhältnisse

Wir müssen das gescheiter machen
Eh‘ uns des Lebens Freude flieht.

So spricht der Teufel zu Faust im Studierzimmer UND DER KERL HAT RECHT: Unser Menschen Lebenszeit ist nun einmal sehr-sehr befristet, niemand sollte daher das Wirklichkostbare – die Zeit – verplempern. Doch „welch sonderbares Ding sind die Verhältnisse“ (Braun)*, die uns vorrangig zwingen, Dinge zu tun, die wir möglicherweise innerlich ablehnen. Die Kategorie „Produktionsverhältnis“ bekommt, dergestalt bedacht, neuen Sinn, weitere Wortspiele wie „Denkverhältnisse“ sind demnächst beabsichtigt …

* * *

Gestern. Telefon. Lara nimmt an.

„… oh-ja, prima, gern, wir kommen mit Vergnügen, gleich sind wir da.“

Ich höre und staune: „Wir?“

Was zum Teufel ist das für ein Wir? Ein Pluralis Majestatis? Oder der Bescheidenheitsplural? Oder gar … – ach nee: Laras „Wir“ ist ist ein Familienplural – Pluralis Familiaris – von ihr angewandt, um dem Teilnehmer innerfamiläres Einverständnis zu suggerieren. Wogegen ihr mir gegenüber eine kurze Order genügt: 

„Wladik ist in der Stadt. Wir sind ins Restaurant Pharos eingeladen und: Er ist bereits dort UND WIR GEHEN HIN.“

Blöd, dass ich nicht immer gleich ans Telefon gehe, denn UNS wäre sicher eine Ausrede eingefallen.

Nun gehen WIR hin, ziehen UNS an, obwohl WIR noch unheimlich viel zu lesen hätten, obwohl Servus-TV das Spiel der Pinguine gegen die Eisbären live und in voller Länge überträgt und obwohl nicht eine E-Mail gecheckt ist.

Früher bot sich mir manch Restaurantbesuch die Alternative Trunkenheit. Nun aber – seit ich kaum noch Alkohol trinke – ist die anstehende Langeweile alternativlos. Russen lieben nämlich Mystizismus und reden gern darüber.

Wladik glaubt zwar nicht „so richtig“ an Gott, kennt aber eine Frau, die für ihn betet. Als die eines Tages schwer krank wurde, habe er es genau gemerkt. Ach-ja und: Russland scheint den Glauben wieder gefunden zu haben, den Leuten geht es besser, „das hängt alles irgendwie zusammen“. Neulich, als eine seiner vielen Bekannten in Wladiwostok verunglückte, habe er das ganz genau gemerkt, mitten in Potsdam, habe dort angerufen und just in dem Moment sei sie gestorben. Man kann sich eben immer noch nicht alles erklären, doch wer wirklich sein Glück sucht, sollte unbedingt alte Kirchen aufsuchen, die sind nämlich bereits „abgebetet“, so dass der Weg zu Gottes Ohr schneller vonstatten gehe.

Ich blieb die ganze lange Zeit sehr-sehr höflich und sehr-sehr geduldig. Schwieg meist. Und manchmal gelang es mir sogar, hinter einem aufmerksamen Gesichtsausdruck richtig schön wegzuhören.

Zu Hause wollte Lara unbedingt ein Feedback. Er ist schließlich ein alter Freund. Und früher – vor dessen abstrus-mystischer Phase – hatten wir viel gemeinsam –

„na? War doch gar nicht sooo schlecht, wie von dir befürchtet?“

– und dafür, dass wir dem Mann moralisch verpflichtet sind (er half uns einst in einer komplizierten Situation über einen Berg) lief es ausgezeichnet.

Aber zu Hause und unter vier Augen formulierte ich meine neue Lebensmaxime:

Wir sollten uns von nun an bemühen, mit der verbleibenden Lebenszeit sparsamer umzugehen.

* * *

Ach-ja, und … – klar, wie sollte es auch anders sein? – die Eisbären bezwangen natürlich in meiner Abwesenheit die Krefelder Pinguine, und zwar mit 7:3.

———

* Volker Braun, Berichte von Hinze und Kunze:

“Welch sonderbares Ding ist die Vernunft, sagte Kunze. Immer wieder versuchen Leute, ihre Vernunft einzusetzen. Aber immer wieder raten ihnen die Verhältnisse, vernünftig zu sein. – Welch sonderbares Ding sind die Verhältnisse, sagte Hinze.”

Das jüngste Testament

Die 11. Plage

Und Mose sprach: So spricht der Herr: Von nun an will ich durch die Lande gehen, und alle Menschen sollen sich gegenseitig Ratschläge geben, vom ersten Sohn des Pharao an, der auf seinem Thron sitzt, bis zum ersten Sohn der Magd, die hinter ihrer Mühle hockt.

😉

Lara ist auf der Suche nach einer neuen Küche unvorsichtig genug gewesen, dies ihrem Freundinnenkreis und Teilen der Sippschaft mitzuteilen. Seither werde sogar ich – der nun überhaupt nichts damit zu tun hat – mit blöden Tipps gequält. Bei Boss sein Küchen billiger als bei Porta. Bei Ikea muss man selbst schrauben und meist ist alles nach Weihnachten viel-viel billiger als davor.

Mich betrifft das Thema nicht unbedingt, ich könnte einfach nur mit den Augen rollen oder zum Selbstschutz Sprüche klopfen, wie:

Vor Weihnachten ist immer – ebenso wie danach.

Oder:

Für einen Mann ist die Küche nur der Ort, wo der Kühlschrank steht – für alles andere gibt es den Lieferservice.

Doch unabhängig davon gilt es nun, Lara zu schützen, da traf es sich hervorragend, dass zufällig die wichtigsten Ratgeber beim Kaffee zusammen saßen.

Diese klärte ich auf:

“Lasst sie in Ruhe kaufen. – Schönes Einkaufen ist wie schöner Sex. Es kommt bei dem einen wie bei dem anderen mehr auf den Prozess an als auf das Ergebnis.”

Bestimmt habe ich Recht. Suche und was man braucht gefunden zu haben – es also selbst erlebt zu haben – ist wahrscheinlich größeres Glück als die Kamasutra im Regal.

Die Diktatur der Ratschläge

Ist man krank, ist man Opfer und wird als solches von den verrücktesten Ratschlägen traktiert. Insbesondere innerhalb einer russischsprachigen Community, die felsenfest davon überzeugt ist, dass nur Wodka mit Pfeffer helfe, alternativ Wodka mit Salz. Oder Weinbrand – „Kanjakk“ – mit Zitrone. Derweil ich schon glaubte, verrückt zu werden: Sah ich doch vom ersten Husten an nur noch Ärzte.

Die Krönung war der Eier-Tipp einer Heilerin aus dem Nachbaraufgang, den Lara tatsächlich auszuprobieren wollte ~ ~~ was bedeutete, dass sie ein Ei kochte, es in ein Handtuch legte und mir auftrug, dieses Ei an meine Nase zu halten. Positiv wegen der Wärme (@???) oder positiver Energie (@???).

“Willst du zusätzliche Viren züchten?”, empörte ich mich. Und überhaupt: ICH BIN KEIN OPFER! ICH HABE GENUG EIER! ICH BRAUCHE KEINEN RAT!

Bei einer Erkältung helfen frische Luft, ausreichend Schlaf, Taschentücher zum Schutz der Mitmenschen und Hustenbonbons für den Hals. Fertig aus.