TV-Gastlichkeit

Es schien mir Formsache zu sein, aber ich fragte sie dennoch:

“Wir sind eingeladen. Von Dem und Der. Soll ich absagen?”

Doch Laras Reaktion überraschte mich:

“Ach-nee. Wir waren sooo lange nicht weg. Lass uns doch wieder einmal was gemeinsam unternehmen.”

Meine Überraschung ob des dergestalt indirekt unterstellten Lebensmangels ist gleich mehrfach:

  • Erstens sind wir nahezu an jedem Tag, den Gott werden lässt, gemeinsam.
  • Zweitens: Seit ich ich den Eishockey entdeckte, bin ich deutlich unternehmenslustiger geworden.
  • Und Drittens: An Geselligkeit scheint auch ihr es nicht zu mangeln – weiß ich doch, dass jedes Mal wenn ich das Haus in Richtung Arena verlasse, ihre verhaltensauffällige Freundin auf der Matte steht, nur um mir meinen schönen trockenen Chianti wegzuschlabbern … ~

~ …aber natürlich verstehe ich Laras Anliegen.

Laras Bedürfnis hat einen Namen – Laras Bedürfnis heißt “Heimat”. Ein Teil der angesagten Gäste soll sich nämlich aus der Ukraine kommend in Deutschland angesiedelt haben. So könnte man sich was zu sagen haben.

~~~

Ich kann es abkürzen: Es kam genau so, wie ich vorher wusste, dass es kommen wird: Ein russischer Fernseher steht ununterbrochen unter Power. Man kommuniziert brüllend.

“Internet? – Brauchen wir nicht. Wir haben eine Satellitenschüssel. Für alles andere haben wir ein Telefon …”

Hmmm. ~ Ich schweige lieber. Gucke den ganzen Abend fern, um beschäftigt zu sein ohne dafür mitbrüllen zu müssen.

~~~

Planeta.ru berichtete live von der Probe zur ersten Generalprobe des Anzündens der olympischen Fackel. Später besangen alte Männer ihre erste Liebe. Ach ja und: Russland löste endlich den Syrien-Konflikt und Wladimir Putin ist in jeder Situation ein toller Hirsch.

stalingradIm Übrigen habe man weder Kosten noch Mühen gescheut, um einen neuen künstlerischen Film (“Художественный фильм”) auf die Leinwand zu bringen. Diesmal einen vom Großen Vaterländischen Heldenkrieg, diesmal in 3D.

Dazu lieferte das russische TV der Trailer … jedenfalls … ach … ja! … als die Veteranen ihre 3D-Brillen abnahmen, hatten sie doch tatsächlich Tränen in den Augen.

SLAWA!

Der russische TV-Sprecher mit staatstragendem Gesicht:

“В сентябре 2013 года Россия отправила “Сталинград” сражаться за премию “Оскар” в номинации “Лучший фильм на иностранном языке”.”

Übersetzt: “Im September 2013 schickte Russland “Stalingrad” in den Kampf um den Oscar in der Kategorie “Bester ausländischer Film”.”

Was sich tatsächlich – fast – so anhört, als sei der Große Vaterländische Heldenschinken haarscharf an einem Oskar vorbei geschrabbelt.

Mehrfach zeigte das russische TV Veteranen in ordenbehängten Armeejacken, Tränen wischend, derweil ich mich frage, ob die Bilder wahr sind. Wer als Rotarmist den Stalingrader Winter 1942/1943 und den Rest des Krieges überlebte, müsste heute 90 Jahre alt sein. Oder älter. Wer also (bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 62,8 Jahren für russische Männer) ein Kino mit Veteranen der Stalingrader Schlacht füllen konnte, hat ein Wunder vollbracht. Oder sich Komparsen bedient.

~~~

Wir sind bereits auf dem Heimweg. Lara ist verstört.

“Kannst du mir sagen, wieso mich die blöde Kuh vorhin so angegiftet hat?”

Ich deeskaliere:

“Dass sie dich angebrüllt hatte, war nicht von inhaltlicher Bedeutung. Sie hat sich lediglich bemüht, den Fernseher zu übertönen.”

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Autor: Alex

Heute so, morgen so ...

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