Russisch-ukrainische Logik

Der deutsche Stabilisator trägt den Namen Zweifel.

Die Deutschen haben – glücklicherweise – zwei gewaltige Kriege verloren, dergestalt dass denen bei allem gestalterischen Denken stets ein „NIE WIEDER!“ dominiert. Unterbewusst bei jeder Entscheidung, die eine Struktur zur Folge hat.

Die Russen – dagegen – durften sich seit der Eroberung von Kasan durch Iwan dem IV (Grosny, falsch übersetzt: dem Schrecklichen, richtig übersetzt: dem Furchteinflössenden) immer als Sieger der Geschichte fühlen.

– Randnote: Ausgerechnet der Tag, an dem die Russen offensichtlich wie Hasen von den Schlachtfeldern türmten, wurde zum Tag der Roten Armee und wird heute mit viel Pomp gefeiert. RUHM UND ERDE – PATHOS! –

Immer gewonnen zu haben ist kontraproduktiv, weil es Zweifel verhindert. Zweifel ist aber ein substanzielles Element von Struktur. Die gedankliche Gegenprobe zum anstehenden Handeln.

Zu Zeiten, da die meisten Deutschen noch glaubten, gleich hinter Polen beginne bereits Russland, schrieb ich zahlreiche unbeachtete Beiträge zur Ukraine. Insbesondere in den Jahren 2004 und den folgenden wunderte ich mich, dass dieses Land nicht auseinander bricht, so wie es damals logisch wäre und heute geschieht.

Reisende soll man nicht aufhalten. Es macht kein Sinn gegen Emotionen zu regieren, Hass ist stets größer als jeder Gestaltungswille und unter Brüdern ist meist der Hass am größten. Zu versöhnen sind sie jedenfalls nicht.

(Was im Übrigen nichts mit Putin zu tun hat.)

Werbeanzeigen

Total egal

11. Tag, in den Abendstunden

Wir spazieren durch die Abendstunden, derweil mein Phon erklingt. Ich sehe eine unbekannte Nummer im Display, höre:

“Priwet-priwet. Hier spricht Nikolai. Ein gewisser Herr Strelnikow gab mir Ihre Telefonnummer. Können wir uns vielleicht treffen? Am kommenden Dienstag? In Berlin?”

“Wer ist es denn?” fragt mich Lara von der Seite.

Ich halte das Mikro zu und flüstere:

“Es ist ein gewisser Nikolai. Er will sich mit mir treffen.”

Es ist komisch zu flüstern, wenn das Mikrophon bereits zugehalten ist. Menschliche Reflexe reagieren langsam auf die Technik der Neuzeit.

Gleichwohl fällt mir ein, dass am Dienstag vielleicht das Auto in einer Werkstatt oder beim Sergej, dem Wundertäter, ist. Vielleicht – überlege ich – könnten wir beide uns am Dienstag vor der Fahrt nach Berlin in Potsdam treffen? Könnten so eine Fahrgemeinschaft bilden? Sollte er aus dem Süden oder Westen nach Berlin fahren, könnte ich irgendwo zusteigen.

“Wo kommen Sie her?”, frage ich.

“Ich komme aus der Ukraine”, antwortet Nikolai.

Auch Lara, die zwar meine Frage hörte, nicht aber die zugehörige Antwort, will wissen woher der Anrufer kommt.

“Und? Woher kommt er?”

Wieder halte ich die Sprechmuschel zu, repetiere Nikolais Antwort, allerdings in der dritten Person:

“Er kommt aus der Ukraine.”

Damit gibt sie sich nicht zufrieden.

“Aus der West- oder aus der Ostukraine?”

“Aus der West- oder aus der Ostukraine?”, frage ich reflexiv und höre:

“Eigentlich sollte UNS das doch egal sein!”

Wieder halte ich die Sprechmuschel zu.

“Er kommt aus der Ostukraine”, sage ich.

Jetzt guckt Lara, als würde sie sagen:

“Schade zwar, aber eigentlich kann uns das egal sein”.

Frühschoppen

Moin-moin,

und: gesundes neues Jahr!

Ich wünsche allen LeserInnen einen guten Rutsch gehabt zu haben, derweil ich hier – allein – im Arbeitszimmer hocke und – allein-allein – Reste trinke.

Sooo allein…

Restetrinken
Am Morgen danach

* * *

Es ist Silvester.

Gegen 22:00 Uhr frage ich sie, was sie sich wünscht. „Eigentlich möchte ich jetzt nach Hause“, antwortet sie und „eigentlich möchte ich das auch“ sage ich.

So fahren wir nach Hause und kommen gerade noch rechtzeitig, um via Webcam die Silvesterfeier in Kiew, der ukrainischen Hauptstadt, zu sehen. Sie deckt den Tisch, ich öffen eine Flasche „VEUVE MONNIER“, derweil Oppositionsführer Vitali Klitschko auf dem Unabhängigkeitsplatz „lasst uns unsere Nationalhymne singen!“ ruft.

Und so singt das ukrainische Volk auf dem Kreschtschatik, wie auch dem Maidan der Unabhängigkeit schaurig-schön

„Ще не вмерла України …“

Wir sind beide gerührt, derweil sie die Situation – wie mir scheint – mittels Kommentar überhöht.

„Wo gibt es das schon, dass ein Volk dergestalt inbrünstig die eigene Hymne singt?!“

Ihr Nationalstolz drängt geradezu danach, relativiert zu werden. Weshalb mein Gesicht Gleichgültigkeit spielt. Aus meinem Mund kommt: „Überall“.

Und: „Bei uns, zum Beispiel, bei uns in Deutschland. Wir singen, wenn ein Spiel beginnt“.

Die nationalstolzen Amerikaner halten sich bei derer Hymne sogar die Hand aufs Herz, denn offenbar sehnen sich Menschen nach Integration.

„Hymnen sind überall das kleinste gemeinsame Vielfache an Gemeinsamkeit“, sage ich auch noch – und merke dabei prompt, dass dies – zumindest in Bezug auf die Hymne der Ukraine – eigentlich Unsinn ist.

*kurz nachgedacht*

„Hast du übrigens einmal auf euren Text geachtet?“

Душу, тіло ми положим за нашу свободу.
І покажем, що ми, браття, козацького роду.

(Deutsch: Seele und Körper geben wir für unsere Freiheit. Und bezeugen, dass wir Kosakenbrüder sind.)

„Ihr Ukrainerinnen wollt Brüder [sic!] eines Kosakengeschlechtes sein?“

Klar ist das fies. Darüber hinaus sollte man einer Ukrainerin nicht die Ukraine erklären. Auch dann nicht, wenn man im Recht.

ABER RECHT HABE ICH WOHL, denn …

  • Erstens waren Kosaken auf dem Territorium der Ukraine stets in der Minderheit, sind daher (und aus anderen Gründen) ungeeignet eine Nation zu integrieren
  • Zweitens bildet „Kosakentum“ kein Alleinstellungsmerkmal (Kosaken gab es nämlich auch in Russland)
  • Drittens ist die Hymnen-Idee „noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben“ der polnischen Hymne entnommen – „geklaut sozusagen“
  • Viertens …

Sie sagt einfach nur „S nastupajuschtschim!“ – Prost Neujahr! – wirft mir einen zornigen Blick zu und verschwindet im Schlafzimmer.

* * *

Jedenfalls sitze ich daher immer noch allein-allein und trinke Reste. Total allein. Polarkreis-18-mässig.

Aaaaber: Diesjahr will ich mich bessern! Uhunbedingt!

Prost!

Der Freundschaftsalgorithmus

Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 1968. Auf dem Planeten namens Erde, in einer Stadt namens Moskau erklärt eine Lehrerin namens Tatjana Andrejewna Schülern die berühmte Freundschaftsregel:

“Der Freund eures Freundes ist euer Freund. Wäre es anders, würde Freundschaft nicht funktionieren. Wogegen die Feinde eures Freundes auch eure Feinde sind. – Und was, liebe Kinder, ist dann der Freund eurer Feinde? – Richtig: Das ist euer Feind!

Andererseits gibt es wahrscheinlich mit dem Feind eures Feindes gewisse Gemeinsamkeiten, über die sich reden ließe. In aller Freundschaft.

Was ich euch sagen will, ist: Minus (der Feind) mal Minus (der Feind) ergibt immer Plus (den Freund), Minus mal Plus – der Feind eurer Freunde – ergibt immer Minus ..”

Wir Schüler verstehen und werden (es|sie) nie mehr vergessen.

~~~

Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2013 und ~ uuund… ~ uuuuuund… ~

TROMMELWIRBEL!

~ … und ich habe einen neuen Freund!

Nun grüße ich grinsend alle Feinde der Welt. Seine wie meine.

freund_vitali

 

(Kleine Zusatzinformation: Vitali Klitschko hat die zweithöchste KO-Quote in der Geschichte des Profiboxens.)

Mein Freund Vitali ist aufgrund gewisser körperlichen Vorteile der aller-aller-beste Mann für ukrainische Politik. Er ist dazu in der Lage und auch bereit: Er ist nämlich der Vorsitzende der Partei Ukrainische demokratische Allianz für Reformen (UDAR), welche bei den jüngsten Wahlen, also am 28. Oktober 2012, 13,9 % der Wählerstimmen erhielt und im ukrainischen Parlament mit einer Fraktionsstärke von 42 Abgeordneten die  drittstärkste Parlamentsfraktion bildet.

Im August 2013 kündigte mein Freund Vitali an, im Jahre 2015 für das ukrainische Präsidentenamt kandidieren zu wollen. Danach  wollen wir sehen, wie es weiter geht.

Wahrscheinlich werden wir gemeinsam die Ukraine aus den Angeln heben. Wir werden die schlafende Schöne wachküssen und anschließend durchreformieren, kamasutramäßig, bis sie erschöpft abklopft und “Danke!” sagt – YES!

~~~

Spruch des Tages:

Sage mir wer deine Freunde sind – und ich sage dir, wer du bist.

Gnadenlos …

… sind ukrainische Richter.

Die Rechtsprechung in der Ukraine ist von Repression geprägt. Lediglich 0,2 % der Verfahren enden mit einem Freispruch.

Was in sich logisch ist, denn die ukrainische Staatsanwaltschaft und die ukrainische Polizei wird entsprechend dem Anteil aufgeklärter Fälle bezahlt und befördert. Gegenüber der Bezahlung der eine Seite ist die Unschuld der anderen machtlos.

Quelle: http://www.laender-analysen.de/ukraine/

Über die Dörfer

Eines von denen heißt Makarowka und befindet sich in der Nähe von Kiew. Hierdurch fahren wir mit unserem alten Skoda.

„Schneller!“, kommandiert sie plötzlich, „sonst verpasse ich noch meinen Flieger!“.

Die Uhr zeigt 11:00 Uhr vormittags – ihr Flieger geht 17:25 Uhr ab Tegel. Was im Übrigen beweist, wie absurd Träume sein können. Und: von nun an rasen wir durch ukrainische Dörfer, damit sie ihren Flieger von Berlin-Tegel über Amsterdam nach Kiew nicht verpasst.

An der nächsten Ecke begegnen wir einer Prozession. Die darf man – eigentlich – nicht überholen, weiß ich, es ist eine Beerdigung. DOCH SIE MUSS UNBEDINGT NACH TEGEL, also setze ich an, will überholen, da rennt mir ein Trunkenbold vors Auto und fällt hin.

Sie kommentiert prompt:

„Wenn die mitkriegen, dass wir deutsche Nummernschilder haben, wird das teuer!“

Und wenig später fällt ihr ein:

„Dabei hast du auch noch Bier getrunken!“

Blin. In der Ukraine gilt 0,0 Promille! Also bleibt mir nur, die Trauergesellschaft einzuladen.

Rasch ist ein Tisch gedeckt, ich erhebe mich zu einen Trinkspruch. …

„Wir in Deutschland sagen immer, dass eine Feier ohne Trinkspruch einfach nur ein Besäufnis ist …“

… worüber diese Gesellschaft schmunzelt, – „wir, in Deutschland!? @;-)“ – Immerhin handelt es sich um einen russischen Trinkspruch. Um einen urrussischen sozusagen.

Dann jault ein Hund. Ich merke, es ist unserer.

Hrywnja, Kupons und Karbowanzen

Zuvor sorgte meine Unwissenheit für Heiterkeit im Kollegenkreis. Ich hatte unmittelbar nach Anreise im Kiewer Büro Geld bekommen, aber noch keine Ahnung, was es bedeutet. Ging in ein Freiluft-Pinte, orderte ein Bier, fragte, was ich zu zahlen habe und der Kellner sagte „Achthundert“. Offenbar war er es leid, an jeden noch so kleinen Betrag auch noch die „Tausend“ anzuhängen. Derweil ich – der Ahnungslose – einen Eintausend-Karbowanzen-Schein aus dem Portemonnaie polkte, den ich ihm mit einem freundlich gemeinten „Stimmt so!“ übergab.

Wieder einmal waren wir bei Granny Kaffee trinken. Diesmal präsentierte sie uns bei der Gelegenheit diverse Erinnerungsstücke, auf die sie beim Aufräumen gestoßen war. So staunten wir dann gemeinsam über Lebensmittel- und Kleidermarken aus den letzten Kriegsjahren und danach. Wir lasen Karten, welche Onkel Kurt aus britischer Gefangenschaft an meine Mutter schrieb und schmunzelten schließlich über Opas deutsch-russische „Удостоверение“ – eine Art Bescheinigung, dass sein Fahrrad auch wirklich seins ist und nicht “eingezogen” werden darf.

Eine solche Bescheinigung kostete seinerzeit eine oder zwei Flaschen Schnaps. Opa hielt sie für nötig, auf dass sein Fahrrad nicht unter „Reparation“ falle. 

Lara zeigt sich gerührt: so viele Erinnerungen.

„Трогательно“, sagte sie hinterher zu mir, was mit „rührend“ übersetzt werden kann, allerdings innerhalb der russischen Sprache, insbesondere SO wie sie es aussprach, viel-viel rührender klingt, als jedes deutsche Rührend.

Und dann sagte sie: “Ach wie gut, dass du die Karbowanzen aufgehoben hast!”

Das habe ich wohl – aber leider ist meine Sammlung unvollständig. Mir fehlen jeweils ein 200.000-Karbowanzenschein, einer für 500.000 und einer für eine Million. Womit der Sammlung, wäre sie eine Briefmarke, 3 Zacken fehlen würden – was sie nahezu wertlos macht.

karbowanze

Wenn ich mich recht erinnere, bekam man im März 1995 für einen US-Dollar 180.000 Karbowanzen, wenig später sogar mehr.

Schwupps! bin ich wieder in der alten Zeit. Sehe den bettelnden Bomsch am Kiewer Straßenrand.

Höre ihn sagen:

„Nun sind wir tatsächlich Millionäre. Aber dass man als Millionär so beschissen lebt, hätte ich früher auch nicht gedacht!“

Zuvor sorgte meine relative Unwissenheit für Heiterkeit im Kollegenkreis. Ich hatte unmittelbar nach Anreise im Kiewer Büro etwas Landesgeld bekommen, aber noch keine Ahnung, was es bedeutet. Ging in eine Art Freiluft-Pinte, orderte ein Bier, fragte, was ich zu zahlen habe und der Kellner sagte „Achthundert“.

Offenbar war er es leid, an jeden noch so kleinen Betrag auch noch die „Tausend“ anzuhängen. Derweil ich – der Ahnungslose – einen Eintausend-Karbowanzen-Schein aus dem Portemonnaie polkte, den ich ihm mit einem freundlich gemeinten „Stimmt so!“ übergab. Eine Unterdeckung von 799.000 Geldeinheiten gönnerhaft präsentiert.

Ja, ja. „Verschiedenes passierte so“.

Bis eines schönen Tages in der Ukraine der Griwna – Hrywnja – eingeführt wurde, und zwar dergestalt, dass man den Karbowanzen einfach nur 6 Nullen strich. So wurden im September 1996 100.000 Karbowanzen zu einem Griwna, welcher heute – am 18.2.2013 – genau 0,09205 Euro wert ist. Eine Million Karbowanzen entsprächen 90 Eurocent …

„… unn dafür kriegste niche-ma ’ne Bockwurscht“.

Lara holt mich plötzlich zurück in die Wirklichkeit.

„Und? Wo hast du sie?“

Hmmm. Schwierige Frage. Irgendwo in einer Kiste?

kisten

Ich versuche Zeit zu schinden:

„Karbowanzen kannst du dir doch auch in der Wikipedia angucken!?“

Ihr Blick verrät mir, dass das ein blöder Vorschlag ist, ihr Ton gerät militärisch:

„Finde sie! – Ich will sie anfassen!“