Gestörte Denkverhältnisse

Wir müssen das gescheiter machen
Eh‘ uns des Lebens Freude flieht.

So spricht der Teufel zu Faust im Studierzimmer UND DER KERL HAT RECHT: Unser Menschen Lebenszeit ist nun einmal sehr-sehr befristet, niemand sollte daher das Wirklichkostbare – die Zeit – verplempern. Doch „welch sonderbares Ding sind die Verhältnisse“ (Braun)*, die uns vorrangig zwingen, Dinge zu tun, die wir möglicherweise innerlich ablehnen. Die Kategorie „Produktionsverhältnis“ bekommt, dergestalt bedacht, neuen Sinn, weitere Wortspiele wie „Denkverhältnisse“ sind demnächst beabsichtigt …

* * *

Gestern. Telefon. Lara nimmt an.

„… oh-ja, prima, gern, wir kommen mit Vergnügen, gleich sind wir da.“

Ich höre und staune: „Wir?“

Was zum Teufel ist das für ein Wir? Ein Pluralis Majestatis? Oder der Bescheidenheitsplural? Oder gar … – ach nee: Laras „Wir“ ist ist ein Familienplural – Pluralis Familiaris – von ihr angewandt, um dem Teilnehmer innerfamiläres Einverständnis zu suggerieren. Wogegen ihr mir gegenüber eine kurze Order genügt: 

„Wladik ist in der Stadt. Wir sind ins Restaurant Pharos eingeladen und: Er ist bereits dort UND WIR GEHEN HIN.“

Blöd, dass ich nicht immer gleich ans Telefon gehe, denn UNS wäre sicher eine Ausrede eingefallen.

Nun gehen WIR hin, ziehen UNS an, obwohl WIR noch unheimlich viel zu lesen hätten, obwohl Servus-TV das Spiel der Pinguine gegen die Eisbären live und in voller Länge überträgt und obwohl nicht eine E-Mail gecheckt ist.

Früher bot sich mir manch Restaurantbesuch die Alternative Trunkenheit. Nun aber – seit ich kaum noch Alkohol trinke – ist die anstehende Langeweile alternativlos. Russen lieben nämlich Mystizismus und reden gern darüber.

Wladik glaubt zwar nicht „so richtig“ an Gott, kennt aber eine Frau, die für ihn betet. Als die eines Tages schwer krank wurde, habe er es genau gemerkt. Ach-ja und: Russland scheint den Glauben wieder gefunden zu haben, den Leuten geht es besser, „das hängt alles irgendwie zusammen“. Neulich, als eine seiner vielen Bekannten in Wladiwostok verunglückte, habe er das ganz genau gemerkt, mitten in Potsdam, habe dort angerufen und just in dem Moment sei sie gestorben. Man kann sich eben immer noch nicht alles erklären, doch wer wirklich sein Glück sucht, sollte unbedingt alte Kirchen aufsuchen, die sind nämlich bereits „abgebetet“, so dass der Weg zu Gottes Ohr schneller vonstatten gehe.

Ich blieb die ganze lange Zeit sehr-sehr höflich und sehr-sehr geduldig. Schwieg meist. Und manchmal gelang es mir sogar, hinter einem aufmerksamen Gesichtsausdruck richtig schön wegzuhören.

Zu Hause wollte Lara unbedingt ein Feedback. Er ist schließlich ein alter Freund. Und früher – vor dessen abstrus-mystischer Phase – hatten wir viel gemeinsam –

„na? War doch gar nicht sooo schlecht, wie von dir befürchtet?“

– und dafür, dass wir dem Mann moralisch verpflichtet sind (er half uns einst in einer komplizierten Situation über einen Berg) lief es ausgezeichnet.

Aber zu Hause und unter vier Augen formulierte ich meine neue Lebensmaxime:

Wir sollten uns von nun an bemühen, mit der verbleibenden Lebenszeit sparsamer umzugehen.

* * *

Ach-ja, und … – klar, wie sollte es auch anders sein? – die Eisbären bezwangen natürlich in meiner Abwesenheit die Krefelder Pinguine, und zwar mit 7:3.

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* Volker Braun, Berichte von Hinze und Kunze:

“Welch sonderbares Ding ist die Vernunft, sagte Kunze. Immer wieder versuchen Leute, ihre Vernunft einzusetzen. Aber immer wieder raten ihnen die Verhältnisse, vernünftig zu sein. – Welch sonderbares Ding sind die Verhältnisse, sagte Hinze.”

Die Lebenszeit

Wahrscheinlich war es eine ur-ur-uralte Fabel. Notiert – und daher den Deutschen bekannt – wurde sie eines Tages von den Grimm-Brüdern.

“Als Gott die Welt geschaffen hatte und allen Kreaturen ihre Lebenszeit bestimmen wollte, kam der Esel … “

Kurz und knapp: Man bezweifelte in jener Fabel den großen göttlichen Plan, der allen irdischen Kreaturen gleiche Lebenszeit vorgab. Dem Menschen war es beispielsweise zu wenig, dem Esel zu viel. Tohuwabohu. Die größtmögliche Unordnung. Man feilschte so lange mit Gott, bis der klein beigab. Bis ER sich schließlich genötigt sah, sein Urteil zu korrigieren.

So nahm ER die Zeit des einen und gab sie dem anderen.

“… Also lebt der Mensch Siebzig Jahr. Die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre, die gehen schnell dahin; da ist er gesund, heiter, arbeitet mit Lust und freut sich seines Daseins. Hierauf folgen die achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach der andern aufgelegt: er muss das Korn tragen, das andere nährt, und Schläge und Tritte sind der Lohn seiner treuen Dienste. Dann kommen die zwölf Jahre des Hundes, da liegt er in den Ecken, knurrt und hat keine Zähne mehr zum Beißen. Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre des Affen den Beschluss. Da ist der Mensch schwachköpfig und närrisch, treibt alberne Dinge und wird ein Spott der Kinder.”

Nach dieser Rechnung – überlege ich mir heute früh – müssten meine Eselsjahre längst vorbei sein.

Hallo, Ihr Engel da oben! – Hier bin ich! – Hier! – Ich will mich endlich in die Ecke legen dürfen und knurren! – Aber nee: Mir wird eine Last nach der anderen aufgebürdet.

Notabene: Die Fabel scheint ungenau. Der menschlichen Lebenszeit fehlen zwischen Hund und Affe noch die Jahre des Oberlehrers und die des Polizisten.

Ach-ja und: Menschliches Verhalten ist hormonell gesteuert. Die biologische Uhr gibt die Muster vor. Das Ende der Lebenszeit ist vom Bedürfnis nach Nachhaltigkeit dominiert. Die Bilder der Enkel sind offenbar Haltegriffe in einer Schnellbahn namens Leben ~

~ hui, nun werde ich doch tatsächlich noch sentimental.