Freundinnen-Mobbing

Liebesschwüre sind unter iOS 7 deutlich einfacher geworden: Man berührt einfach einen Text, der sich hierauf wie von selbst markiert, derweil die Markierung sinnvolle Textgrenzen bereits ahnt. Man könnte bei Puschkin kramen, finden, berühren …

Я помню чудное мгновенье:
Передо мной явилась ты,
Как мимолетное виденье,
Как гений чистой красоты.

… und simsen.

Meine Übersetzung hierzu:

Ich erinnere mich an den wunderbaren Moment
Da du mir erstmals erschienest.
Es war wie eine flüchtig-vergängliche Vision
Allerreinster Schönheit.

Notabene: “Allerreinste Schönheit”! – ~ – Ich habe, bevor ich dies schrieb, einige Zeit nach passenden Vokabular gesucht.

Doch machte ich mir unnötige Mühe? Immerhin hat jede Nation eine eigene Ästhetik, welche nur innerhalb des Kulturkreises “so richtig” funktioniert. Wenigen ist es vergönnt, Empfindung aus der Tiefe der Seele eines Volkes hervorzukramen, nur solchen wie Puschkin beispielsweise.

Anyway: Russisch ist nicht Deutsch.

Ich simse Puschkin:

2013-09-30 07.13.19

“Du bist mein Puschkin”, simste sie zurück – Lara kennt den wahren Verfasser.

Aber vielleicht bestimmt hat sie diese SMS ihrer Freundin gezeigt – derjenigen, die ich nicht leiden kann, die ich für eine blöde Kuh halte und die ich – sollte ich zufällig zugegen sein – extrem gern mobbe.

Die von mir extrem ungeliebte Freundin ist mit einem Deutschen verheiratet und darüber sehr unglücklich.

Ihr Credo lautet:

“Die Deutschen verstehen uns einfach nicht!”

Auf die Idee, dass sie selbst die Doofe sein könnte, kommt eine Doofe nicht. Und so kann ich mir gut ihr Gesicht gut vorstellen, wenn sie meine – DIESE – SMS an Lara liest.

Die Liebe der Anderen ist Öl im Feuer derjenigen, die im Unglück braten.

~~~

Heute fällt es mir schwer nachzufragen, ob sie … – und wie … – aber wenn doch: Es würde mich freuen.

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Ein unvollendeter Roman

Manchmal tut es gut, einen Klassiker zu lesen, manchmal tut Erinnerung gut, manchmal ist es Sucht nach schönen Worten. Da trifft es sich hervorragend, dass Puschkins “Gesammelte Werke” im iTunes-Store für ein Apfel und ein Ei zu haben sind …

Zorniges Asterisk: Der Preis für Puschkin ist eine Schande für das westliche Wertesystem. ~ Fast-Food-Sprache” ~ “Kultur ohne Sprache” ~ Absurd: Die Schreiberlinge der deutschen Wutbürger erfinden die dümmsten Sätze – wie “Wir sind Papst” zum Beispiel –, derweil man sich wahre Ästheten für nur 1,99 Euro oder gratis aus dem Netz pumpen kann.

… wozu auch “Dubrowskij” (Puschkins unvollendeter Roman, den er im Jahre 1832 begann) gehört.

dubrowskijDiesen Roman hatten wir meines Wissens seinerzeit in der russischen Schule behandelt, 1969, vor 44 Jahren, – aber ich kann mich nicht mehr so recht an den Inhalt erinnern. Irgendwas mit Leidenschaft, Liebe, Unglück oder so. …

Grund nachzufragen.

“Lara, hattet ihr, bei euch, damals, in der Schule eigentlich “Dubrowski”?”

“Aber klar doch: “Mascha, haben Sie keine Angst, ich bin Dubrowski!” – Erinnerst du dich wirklich nicht?”

Eigentlich nicht. Auch nicht an das von Lara leidenschaftlich deklamierte Zitat.

Erst beim Lesen, und zwar an der Stelle, da der sich als Deforge tarnende Dubrowskij den Bären abknallte, … – da kam langsam hoch, was neulich unter dem Staub von 44 Jahren Lebenszeit verborgen war.

Ich las aufmerksam und gebe nun schweren Herzens Anna Achmatowa Recht.

*seufz*

Dubrowskij ist Pfusch in dem ansonsten bedeutenden Meisterwerk eines großen Poeten. Wieso ausgerechnet dieser Roman damals in den russischen und ukrainischen Schulen behandelt werden musste, ist mir ein Rätsel.

Aber: So unlogisch wie die Russen in diesem Roman handeln – so handeln sie auch heute noch.

Ukrainisch-russisches Geschäftsverhalten

Eines Tages kommt ein Wanderer des Weges daher. Er sei auf dem Weg nach Russland, um dort Geschäfte zu machen. Was ich im raten könne, will er von mir wissen.

Um eine Antwort bin ich nicht verlegen – sie ist sofort parat. Viel zu oft hatte ich in jungen Jahren überlegt, wieso es gesetzmäßig scheint, dass auch die aller-aller-beste westliche Idee in einem östlichen Umfeld zum Scheitern verurteilt ist.

Ein Fremder sollte sich dem Thema behutsam nähern, Schritt vor Schritt. Hier sind die ersten drei Räte:

1. Lies die Klassiker!

Puschkin zum Beispiel:

“… wozu brauchst du Dokumente? Dafür gibt es Gesetze. Darin besteht ja die Macht, dass man jedem ohne jedes Recht sein Gut wegnehmen kann.” (aus “Dubrowskij”)

2. Interessiere dich für russische Helden!

1307 bender_denkmalOstap Bender zum Beispiel:

Dem große Kombinierer – «великий комбинатор» – , dem ideenreichen Kämpfer für monetäre Zeichen – «идейный борец за денежные знаки» – , der darüber hinaus vierhundert relativ ehrliche Methoden kennt, “Geld abzuführen” – знавший «четыреста сравнительно честных способов отъёма (увода) денег» – setzt man derzeit Denkmale in Russland.

Und in der Ukraine benennt man sogar Plätze nach ihm:

1307 bender_platz_odessa

3. Wisse, worüber dein Gegenüber lacht!

Über russische Komödien zum Beispiel:

“Russische Bärenjagd” – ein dortzulanden sehr populäres Filmchen aus der Jelzin-Zeit, welches im russischen und ukrainischen TV häufig wiederholt wird. Worin einfältige Amerikaner nach Russland reisen, weil sie glauben, hier Bären jagen zu können. Wofür sie immer und immer wieder in Dollar bezahlen, wären der gesamten Handlung nach Strich und Faden abgezockt werden und zum Schluss nur einen Zirkusbären zu sehen bekommen.

Besagter Wanderer hört aufmerksam zu und ahnt bereits jetzt, dass es möglicherweise einfacher ist, angestautes Kapital einfach so zu verbrennen. Das geht schneller mit gleichem Ergebnis.

Puschkins Kommentar

Dem Vater wurde bereits Pflegestufe 3 anerkannt, doch er bleibt in Familie. So lange es geht, geht es. “Mia san mia”, sagt man so. Oder “was wahr ist, ist wahr”.

Aber eine Last ist es wohl.

“Hauptrisikofaktor für eine Demenz ist das hohe Lebensalter”, schlaubergert die Wikipedia, derweil sich wohl jeder der Angehörigen bei solcher Krankheit seinen eigenen Reim macht.

“Genetisch bedingt” – dass ich nicht lache!

“Defekt im Glukose-Transport-Mechanismus” (siehe: “A Link Between Body Weight and Cognitive Function in Old Age”) erscheint mir als Ursache deutlich wahrscheinlicher. Was zu Vorurteilen führt.

“Der hat ja auch bis zu seinem fünfzigsten Geburtstag gequarzt wie ein Schlot. Dazu der viele Alkohol, wie seinerzeit in der DDR so üblich …”

Wiedemauchsei:

“Sein Beispiel – andern eine Lehre!”

Wer spricht?

Puschkin fällt mir also ein. “Его пример другим наука” – ein ansonsten schöner Text. Google hin, google her – Eugen Onegin gibt es sogar übersetzt – a-ja, da isser-ja:

“Wenn nur, o Gott, die Qual nicht wäre,
Vom siechen Greis bei steter Wacht
Nicht loszukommen Tag und Nacht!
Und diese Last gemeinster Pflichten:
Solch halbem Leichnam beizustehen,
Mit Arzenei zur Hand zu gehen,
Wehleidig ihm sein Pfühl zu richten –
Da seufzt man wohl und denkt für sich:
Wann endlich holt der Teufel dich!”

Oder für Freunde der russischen Sprache:

Вздыхать и думать про себя:
Когда же черт возьмет тебя!

Richtig vermutet: Jeder macht sich seinen eigenen Reim. Doch besser als es Puschkin auf Russisch sagte, kann ich es nicht ausdrücken.

Der große Dichter kommt mir heute wie ein Zeitreisender vor, der seinerzeit in die Zukunft reiste, nur um einen Blick auf meinen Vater zu werfen, von hier aus zurückzukehren, um ich hieraus den zitierten Reim zu machen. Derweil der meinige lautet: “man sollte nie mit Rauchen angefangen haben” oder: “hilfreich könnte gewesen sein, auf Alkohol verzichtet zu haben”. ~-> Im schönsten Zeitreisedeutsch.

Wir, die Willigen

Wir, die Willigen, von den Unwissenden geführt, tun das Unmögliche für die Undankbaren. Wir haben so lange so viel mit so wenig vollbracht, dass wir inzwischen in der Lage sind, alles mit nichts zu erreichen!
(Alexander Sergejewitsch Puschkin in Eugen Onegin 1833)