Influenza mit bakterielle Sekundärinfektion

Telefon läutet

Hallo, wie geht es denn so?

*hust* bin krank *hust*

Ach du liebe Güte! Was machst du denn da so den ganzen Tag?

Ich? – Ich *hust* bleibe heute im Bett (*hust*)²

Fein. Ich habe 13:00 Uhr einen Termin beim Zahnarzt, dann kannst du mich ja hinbringen.

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Die Diktatur der Ratschläge

Ist man krank, ist man Opfer und wird als solches von den verrücktesten Ratschlägen traktiert. Insbesondere innerhalb einer russischsprachigen Community, die felsenfest davon überzeugt ist, dass nur Wodka mit Pfeffer helfe, alternativ Wodka mit Salz. Oder Weinbrand – „Kanjakk“ – mit Zitrone. Derweil ich schon glaubte, verrückt zu werden: Sah ich doch vom ersten Husten an nur noch Ärzte.

Die Krönung war der Eier-Tipp einer Heilerin aus dem Nachbaraufgang, den Lara tatsächlich auszuprobieren wollte ~ ~~ was bedeutete, dass sie ein Ei kochte, es in ein Handtuch legte und mir auftrug, dieses Ei an meine Nase zu halten. Positiv wegen der Wärme (@???) oder positiver Energie (@???).

“Willst du zusätzliche Viren züchten?”, empörte ich mich. Und überhaupt: ICH BIN KEIN OPFER! ICH HABE GENUG EIER! ICH BRAUCHE KEINEN RAT!

Bei einer Erkältung helfen frische Luft, ausreichend Schlaf, Taschentücher zum Schutz der Mitmenschen und Hustenbonbons für den Hals. Fertig aus.

Kranke Dialektik

Zwei triviale Aussagen, die einander widersprechen, können nicht trivial sein – ich quäle mich durch philosophischen Text, heute total lustlos.

Nun beschließe ich auch noch – und zwar zum zichten Male – mein Leben zu ändern und melde mich aus einigen Facebook-Gruppen ab. Aus den DDR-Erinnerungsgruppen wie aus den Potsdam-wie-schön-bist-du-Gruppen. Und so habe ich plötzlich Lust, eine Wir-gemeinsam-zu-denen-du-aber-nie-gehören-wirst-Gruppe zu gründen.

Die Einheit von Integration und Selektion ist die eigentliche Triebkraft jeder Gesellschaftsformation. Ein Ausschluss macht die Gruppe stark – ein Austritt schwächt sie – scheinbare Unerreichbarkeit ist elitär. Facebook ist hervorragend geeignet, unser Primatendasein zu beweisen …

“Oh, ich hasse diesen Planeten!”

… derweil ich mich heute nicht klar ausdrücken kann, weil unter Fieber.

Nur den Nonsens-Gedanken, dass “triviale Aussagen, die einander widersprechen, nicht trivial sein können” notiere ich mir noch rasch, bevor ich ihn vergesse, schreibe “was wahr ist, ist wahr” dazu, wünsche mir selbst eine gute Besserung und schlafe wieder ein.

Irre Wahrnehmung

“Es ist nicht sinnvoll Leute daran zu hindern, verrückt zu werden”, sagt der Arzt Andrej Jefimytsch in Tschechows “gottgefälliger Anstalt”. Wobei das “Krankenzimmer Nr. 6” ist nur eines von vielen. Auch Büchners Woyzeck lässt sich so oder so inszenieren, derweil die alles entscheidende Frage bleibt: Wer von uns ist wirklich verrückt?

verr_krankentransport

Das wirkliche Leben basiert – eigentlich – auf dem simplen Kasus Wenn-Dann. Was unter anderem bedeutet: Wer sich die Zähne nicht putzt, bekommt Zahnschmerzen.

Eine Logik mit vielen Folgen. Eine davon: Wer sich die Zähne selbst nicht putzen kann, muss sie geputzt kriegen – wenn nicht, dann … .

Was unserem Opa vom Leben bleibt nennt sich “Pflegestufe 3”, er ist nicht transportfähig und hat Zahnschmerzen. Wozu die Oma sagt, dass sie an seine Zähne nie heran gekommen sei –

“er lässt se sich nich putzen!”

Womit zwar die Schuldfrage geklärt ist, deren Klärung aber – so oder so – den Schmerz nicht mindert.

Es ist nun anzunehmen, dass jeder Zahnarzt vor jeder Betäubung erst einmal prüfen wird, wie sich im geschwächten Körper eines Patienten der Pflegestufe 3 eine normalerweise übliche Zahn-Betäubung-Spritze zu den zahlreichen Mitteln der Neurologen verhält. Und nebenbei: Wie rechnet man eigentlich eine Sonderzahnbehandlung im Gebiss eines Verrückten gegenüber einer Krankenkrankasse ab?

“Das Zahnweh subjektiv genommen,
Ist ohne Zweifel nicht willkommen.”
(Wilhelm Busch)

Ergänzend hole ich uns einen Spruch aus anderem Zusammenhang:

„Eine Kleinigkeit, einverstanden, aber an solchen Kleinigkeiten geht die Welt zugrunde.“
(Tschechow, Briefe, 17. Oktober 1889)