Milchsuppe

3.Tag

Erstlesealter. Mitte der neunzehnhundertsechziger Jahre. Moskau. Das Buch, welches ich gerade lese, trägt den Titel “Kriminalkommissar K. erzählt”. Darin enthalten ist eine Geschichte von einem LKW-Fernfahrer, der durch dichten Nebel fahren muss und über dieses Wetter – den Nebel – schimpft.

“Diese verfluchte Milchsuppe!” sagt der Fernfahrer im Buch, von dem mir nur wenig in Erinnerung bleibt, außer jenes Wort. Milchsuppe kann ich mir nämlich beim besten Willen nicht vorstellen, weil alle Milch, die ich kenne, stets kalt ist – jede mir bekannte Suppe dagegen immer heiß ist. Milchsuppe müsste demnach kaltheiß sein, oxymoronisch sozusagen. Und damit komme ich nicht klar.

* * *

47 Jahre später ist der 29. März 2014. Ich stehe wie immer 4:30 Uhr auf, pfeife den Hund, sehe heute Nebel und denke “Milchsuppe”.

milchsuppe

Nun hole das Handy aus der Hosentasche und halte den Moment fest, insbesondere für die Ewigkeit des alltäglichen Netzes. Damit die Nachunskommenden wissen, was ich mit dem Bild meine, nenne ich es “Milchsuppe”.

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Google “Milchsuppe”, finde ein Rezept …

milchsuppe_rezept

und halte das für eklig.

Morgengelb im Nebel

Was für ein wunder-wunder-schönes Bild: Eine wilde Wiese vor Augen zu haben, aus der sich langsam Nebel erhebt. Vor aufgehender Sonne.

Eine Metapher – aber wofür?

„Alle Natur ist mit dem Gleichen beschäftigt.
Das zu denken ist schön.“
(Volker Braun)

Ein Eindruck, der treibt: Man müsste was tun! Man sollte das festhalten, für die Ewigkeit! Man sollte DAS fotografieren!

Schon habe ich das Handy in der Hand und bemerke gleichwohl, dass das internationale Netz voll ist mit morgendlichen Schönheiten, wie neblige Wiesen, Sonnenaufgänge, frühlingshafte Hänge und sonstig Vergänglichem. Derweil die eigentliche Wiese – die, um die es hier geht – bereits von einem Bauzaun in Besitz genommen. *seufz*

„So sind sie, die Menschen!“, sage ich zum Hund und zitiere Goethe:

„Alles Vergängliche ist denen ja doch bloß ein Gleichnis.“