Das Lutherfilm-Gleichnis

In einem Lutherfilm aus dem Jahre 2003 bekommt Friedrich der III. von Sachsen für seine noch zu leistenden Dienste vom Papst eine künstliche Rose geschenkt. Ein Geschenk, welches er artig annimmt.

Wenig später, als der Bote bereits auf dem Heimritt Richtung Rom, sagt Sir Peter Ustinov mit dem allertraurigsten Blick in die Kamera:

“Es ist doch beschämend, mit wie wenig man in Rom glaubt, mich bestechen zu können”.

Oder so ähnlich.

* * *

Jedenfalls hat sich das mit dem Job erledigt, der nämlich darin bestehen sollte, dass ich mir mein Geld selbst verdiene, indem ich auf Provisionsbasis “Spenden” einwerbe. Ein kriminelles Steuersparmodell zum “gegenseitigen Vorteil”, bei dem der Staat, sollte er blöde sein, benachteiligt wird. Die Provision werde mir aus einer gewissen “schwarzen Buchhaltung” zur Verfügung gestellt, die es mir wiederum – weil natürlich niemand nichts weiß ~ pscht! – ermögliche, gewisse staatliche Zuwendungen, wie Wohngeld zum Beispiel, zusätzlich in Anspruch nehmen zu können.

Wie seinerzeit Friedrich der Weise bedankte ich mich artig.

Bin ja auch dankbar, denn so kann ich die Vokabel “Chuzpe” am besten lernen. Und zwar “Chuzpe” in der Urfassung – die Grenzen von Höflichkeit und Anstand sind überschritten. Und große Vorfreude gehabt zu haben, ist unbezahlbar.

Sturfrau und Kapitän

16. Tag, Heimweg

Wir laufen nach Hause, denn das Auto *seufz* ist in Berlin geblieben.

schrauberbox

Hier, in dieser Box, entscheidet sich in den nächsten Tagen ein Schicksal, WORUM ES ABER JETZT NICHT GEHT, … , obwohl …, @!? … , na-ja … , jedenfalls … (es gäbe Einiges zu ergänzen) … sondern darum, dass sich bestimmtes Rollenverhalten immer wieder reproduziert.

Normalerweise bin ich der Fahrer und sie ist Beifahrer.

“Ich Tarzan – du Jane!” Wozu “Beifahrer” auf Russisch “штурман” heißt und auch bedeutet.

Ein “Sturman”, gesprochen: Sturm-Mann, ist ein vor Jahrhunderten aus dem deutschen Sprachraum ausgewandertes Wort, wahrscheinlich einst von “Steuermann” kommend, welches den Jenigen – 😉 – benennt, der Schiffe durch Sturm und Wind zu navigieren versteht.

Ein russischer “штурман” ist also Lotse mit Richtlinienkompetenz und weit entfernt von jener Übersetzung, die in Deutschland “Beifahrer” heißt.

Nomen est omen, sie bestimmt den Weg. Wider (meines) besseren Wissens. Und so trage ich Einwände vor:

“Wir können entweder “schön” laufen, also am Hirtengraben lang durch den Park. Oder “kurz”: über die Konrad-Wolf-Allee. Die im Übrigen ebenfalls hübsch begrünt ist. Doch was du vorschlägst ist weder das Eine, noch das Andere ~”

“~ aber es ist das Beste!”

Zweiter Versuch:

“Der kürzeste Weg von A nach B ist immer die Hypotenuse. Jeder Weg über Katheten MUSS Umweg sein.”

“Im Quadrat ist alles gleich!”

Touchè!

Sie ist weder “Sturmmann” noch “Sturman”, sie ist entweder eine “Stur-Männin” oder eine “Sturfrau”. Eine mathematisierende, darüber hinaus.

Luftblasen ans Amt

Warum Russen Briefen so große Bedeutung beimessen, kann ich nur vermuten. Vielleicht ist ihnen jeder Brief so eine Art “Materialisierung des Standpunktes”, vielleicht ist es aber auch ein Überbleibsel aus jener Zeit, da noch nicht jeder des Schreibens kundig war.

“Ну, пока! Пишите письма!” sagte einst Ostap Bender, der große Kombinierer – und seither schreiben Russen lange Sätze und kommen zu mir, um sich Endlosigkeit  übersetzen zu lassen. Wohl weil ich so schön Deutsch kann ward ich zum Keyboard-Sisyphos.

Vor Jahren bemühte ich mich noch zu erklären, wie ein deutscher Beamter funktioniert. Was regelmäßig zu Diskussionen führte. Bis ich endlich erkannte: Man fühlt sich besser, wenn man sich so verhält, wie aus eigenem Kulturkreis gewohnt. Ob es Sinn macht oder nicht.

Und ich bin schneller fertig, wenn ich den aufgeblasenen Kram einfach übersetze. Denn macht man es richtig, kann man nur verlieren: Der Übersetzer trägt immer die Schuld für eine Ablehnung, wird jedoch bei Zustimmung vergessen.

TV-Gastlichkeit

Es schien mir Formsache zu sein, aber ich fragte sie dennoch:

“Wir sind eingeladen. Von Dem und Der. Soll ich absagen?”

Doch Laras Reaktion überraschte mich:

“Ach-nee. Wir waren sooo lange nicht weg. Lass uns doch wieder einmal was gemeinsam unternehmen.”

Meine Überraschung ob des dergestalt indirekt unterstellten Lebensmangels ist gleich mehrfach:

  • Erstens sind wir nahezu an jedem Tag, den Gott werden lässt, gemeinsam.
  • Zweitens: Seit ich ich den Eishockey entdeckte, bin ich deutlich unternehmenslustiger geworden.
  • Und Drittens: An Geselligkeit scheint auch ihr es nicht zu mangeln – weiß ich doch, dass jedes Mal wenn ich das Haus in Richtung Arena verlasse, ihre verhaltensauffällige Freundin auf der Matte steht, nur um mir meinen schönen trockenen Chianti wegzuschlabbern … ~

~ …aber natürlich verstehe ich Laras Anliegen.

Laras Bedürfnis hat einen Namen – Laras Bedürfnis heißt “Heimat”. Ein Teil der angesagten Gäste soll sich nämlich aus der Ukraine kommend in Deutschland angesiedelt haben. So könnte man sich was zu sagen haben.

~~~

Ich kann es abkürzen: Es kam genau so, wie ich vorher wusste, dass es kommen wird: Ein russischer Fernseher steht ununterbrochen unter Power. Man kommuniziert brüllend.

“Internet? – Brauchen wir nicht. Wir haben eine Satellitenschüssel. Für alles andere haben wir ein Telefon …”

Hmmm. ~ Ich schweige lieber. Gucke den ganzen Abend fern, um beschäftigt zu sein ohne dafür mitbrüllen zu müssen.

~~~

Planeta.ru berichtete live von der Probe zur ersten Generalprobe des Anzündens der olympischen Fackel. Später besangen alte Männer ihre erste Liebe. Ach ja und: Russland löste endlich den Syrien-Konflikt und Wladimir Putin ist in jeder Situation ein toller Hirsch.

stalingradIm Übrigen habe man weder Kosten noch Mühen gescheut, um einen neuen künstlerischen Film (“Художественный фильм”) auf die Leinwand zu bringen. Diesmal einen vom Großen Vaterländischen Heldenkrieg, diesmal in 3D.

Dazu lieferte das russische TV der Trailer … jedenfalls … ach … ja! … als die Veteranen ihre 3D-Brillen abnahmen, hatten sie doch tatsächlich Tränen in den Augen.

SLAWA!

Der russische TV-Sprecher mit staatstragendem Gesicht:

“В сентябре 2013 года Россия отправила “Сталинград” сражаться за премию “Оскар” в номинации “Лучший фильм на иностранном языке”.”

Übersetzt: “Im September 2013 schickte Russland “Stalingrad” in den Kampf um den Oscar in der Kategorie “Bester ausländischer Film”.”

Was sich tatsächlich – fast – so anhört, als sei der Große Vaterländische Heldenschinken haarscharf an einem Oskar vorbei geschrabbelt.

Mehrfach zeigte das russische TV Veteranen in ordenbehängten Armeejacken, Tränen wischend, derweil ich mich frage, ob die Bilder wahr sind. Wer als Rotarmist den Stalingrader Winter 1942/1943 und den Rest des Krieges überlebte, müsste heute 90 Jahre alt sein. Oder älter. Wer also (bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 62,8 Jahren für russische Männer) ein Kino mit Veteranen der Stalingrader Schlacht füllen konnte, hat ein Wunder vollbracht. Oder sich Komparsen bedient.

~~~

Wir sind bereits auf dem Heimweg. Lara ist verstört.

“Kannst du mir sagen, wieso mich die blöde Kuh vorhin so angegiftet hat?”

Ich deeskaliere:

“Dass sie dich angebrüllt hatte, war nicht von inhaltlicher Bedeutung. Sie hat sich lediglich bemüht, den Fernseher zu übertönen.”

Die Komik danach

Alles ist vorbei und ich habe das Bedürfnis einfach einmal “raus” zu gehen. Irgendwohin weg. Nur um allein zu sein. Allein-allein. Total allein.

Doch das Bedürfnis nach Einsamkeit – Единочество* – ist einer Ukrainerin nur schwer zu vermitteln. Also denke ich mir hilfsweise fiktive, mich begleitende Umstände aus:

“Du Lara, wir wollen uns heute treffen, ein paar Jungs und ich …”

Sie guckt als wüsste sie Bescheid, sagt anteilnehmend “schon gut” und spricht ausgerechnet in diesem Moment den nervigsten Satz aller nervstmöglichen Sätze:

“По этому поводу есть анекдот…”

Auf Deutsch: “Zu diesem Anlass gibt es eine Anekdote.”

*kurz nachgedacht*

Ja! Stimmt – Anders kann man diesen Satz tatsächlich nicht übersetzen ~ @und doch ~ …

Deutsch ist nicht gleich Deutsch. Dieser Satz ist mit dem Spruch “grüner wird’s nicht mehr” an deutschen Ampeln zu vergleichen. Inflationsmist sozusagen.

Aber so sind Osteuropäer: Erklären sich die Welt in Anekdoten. Was dem Deutschen die Regel, ist dem Ukrainer der Witz.

По этому поводу есть анекдот” – hier also der zugehörige Witz, in welchem sich ein Mann von seiner Frau verabschiedet.

“Du Frau, wir wollen uns heute treffen, ein paar Jungs und ich …”.

“Gut, aber du kommst mir unbedingt nüchtern nach Hause!”

“Einverstanden und tschüss! – <pause>…</pause> – Wir sehen uns also frühestens übermorgen?”

————–

* Единочество – schwer zu übersetzender Neologismus, welcher in der russischen Sprache Einzigartigkeit und/oder Einigkeit (Единство) mit Einsamkeit (Одиночество) verbindet.

Interkulturelle Managementkompetenz

Ein Text mit scheinbar endlos aneinander gereihten Fremdworten – YES!

Cool!
Klingt sauwissenschaftlich.

Und: Damit es beginnen kann, sollten “wir” es erst einmal definieren. Nämlich das, was andere (noch) nicht verstehen. Um schließlich hochwichtige Fragen stellen zu können. Wir uns selbst.

WTF is kulturelle Heterogenität?

Wäre der zu übersetzende Text gedruckt ~ ich tät die Seiten zerreißen und in Schnipsel die Ecke schmeißen. So aber streike ich einfach.

Wer es nicht klar und einfach sagen kann soll so lange schweigen, bis er es klar und einfach sagen kann! (Dann klappt’s auch mit dem Übersetzer.)

~~~

Bissel Zeit ist vergangen. Es wurde hin und her telefoniert. Ich bleibe sauer und biete vorerst eine Deutsch-Deutsch-Übersetzung an.

“Polychrones Zeitverständnis der Ukrainer” bedeutet: Kommt ein Ukrainer zu spät, ist ihm dies scheißegal.

Binationale Ambivalenz

Man(n) kann in einer deutsch-ukrainischen Partnerschaft zwar deutlich besser den Ton angeben als in einer deutsch-deutschen, wird dafür aber auch stärker in die Pflicht genommen.

So saß ich gestern “ewig” lange mit und für Lara im Vorzimmer eines Amtes, nur um gemeinsam mit ihr auf die Herausgabe ihres [sic!] Führerscheines zu warten. Was mir in meiner ersten Ehe – mit einer Deutschen – nie und nimmer passiert wäre.

Und überhaupt: Ich könnt’ den Brüderle machen.

Aufenthaltstitel?

Wer hat’s gemacht? – Ich hab’s gemacht!

Mietvertrag?

Wer hat’s gemacht? – Ich hab’s gemacht!

Arzttermine?

Wer hat’s gemacht? – Ich hab’s gemacht!

Wozu übrigens anfangs sogar ihr Frauenarzt gehörte. Erst als sie eine russischsprachige Ärztin fand, sah ich mich plötzlich ausgeschlossen.

Aber egal: Im Prinzip habe ich Recht. Solcherart binationale Lebensform liefert den Klassiker:

“Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie.”*

Und: Als im Jahre 1762 Jean-Jacques Rousseau zu eben jener Erkenntnis kam, verwendete man Mensch und Mann noch gleichbedeutend.

——

* Quelle: “Vom Gesellschaftsvertrag”, Buch I, Kapitel 1, Jean-Jacques Rousseau, 1762