Emotionale Nachbereitung

5. Tag

Tränen hatte ich in den Augen – so gerührt war ich gestern.

Amir Katz – den Namen wird bald jeder wissen, der zu Genuss fähig ist und dessen Ohren nicht verschlossen. … ~

Der Abend, längst vorbei, fühlt sich immer noch pathetisch an.

russischer_reisser

Heute stelle ich mir die Frage: Was empfinden in Deutschland Leute in russischen Konzerte, wenn sie – objektiv (genetisch) – die Tiefe einer russischen Seele nicht nachvollziehen können? Schon allein die Benennung “Russischer Reißer” für Musik von Rachmaninow (Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op.30), Prokofjew (Sinfonietta A-Dur op. 5/48) und Ljadow (Der verzauberte See op. 62) irritiert. Und Rachmaninows 3. Klavierkonzert witzelnd “Rach 3” zu nennen, halte ich für respektlos.

Auch wenn ~ möglicherweise ~ nicht zum Kern vorgedrungen, das Publikum zeigte sich beeindruckt. Ich selbst hatte Tränen in den Augen UND SCHÄME MICH DERER NICHT.

„Es hat sich einfach von selbst komponiert“, sagte einst Rachmaninow.

Amir Katz finde ich nicht bei iTunes, so pumpe ich mir ersatzweise Vladimir Ashkenazy mit dem London Symphony Orchestra aus dem Netz, höre und staune wieder. Eigentlich hätte man DANACH alle Komponiererei sein lassen können, denke ich kurz.

😉

So lange, bis mir Schostakowitsch einfällt, auch ein Russe.

Ach-ja und: All diese schöne Musik von gestern stammt also aus dem Jahre 1909, acht Jahre vorm Zusammenbruch des Russischen Imperiums. Große Kunst aus dem Schoß einer modernden – Fuck the Korrekturprogramm! – maroden Gesellschaftsformation.

Auch in der DDR gab es große Kunst – das beste deutsche Theater – unmittelbar vorm Mauerfall. Denkt man an Heiner Müllers “Wolokolamsker Chaussee”, an Volker Brauns “Übergangsgesellschaft” und an die viele wertvolle Kleinkunst der zahlreichen Kulturhäuser.

Steckt dahinter etwa eine Gesetzmäßigkeit?

* * *

Der konzertante Anlass gibt mir Gelegenheit ein Zitat aus den Texten zu polken, welches ich immer noch mag:

… . Also keineswegs Entsagen vom Genuß, sondern Entwickeln von power, von Fähigkeiten zur Produktion und daher sowohl der Fähigkeiten, wie der Mittel des Genusses. Die Fähigkeit des Genusses ist Bedingung für denselben, also erstes Mittel desselben und diese Fähigkeit ist Entwicklung einer individuellen Anlage, Produktivkraft. …”

(Karl Marx, Grundrisse, MEW 42, S.607)

* * *

Jeden Montag faste ich. Heldenmäßig. Dass es mir gut dabei geht, lüge ich mir regelmässig in die Tasche. In Wirklichkeit – aber bitte nicht weitersagen – habe ich Hunger. Was meist passiert, wenn man nichts ist.

“Hunger haben” klingt übrigens witzig. Ist man satt, könnte man demnach sagen: “Ich vermisse meinen Hunger!” oder “mein Hunger fehlt mir aber gewaltig!”.

Jacke wie Hose. Immer wenn ich zum Mülleimer gehe muss ich an Ingwer-Drops von Hussel vorbei.

herausforderung

challenge_acceptedDas Ingwer-Foto nenne ich “Die Herausforderung” und überlege, ob ich mir ein T-Shirt bestellen sollte, mit dem Aufdruck “challenge accepted” …

~~~

… und verwerfe es wieder.

Werbeanzeigen

Entschleunigung

4. Tag

Ich bin putzmunter, fotografiere die Reste des Abends …

restalkohol

… und nenne das Bild “Restalkohol”.

Dazu erfinde ich einen Joke, den ich in das Jahr 1977 verlege. Irgendwelche Jungs sitzen zusammen und einer sagt:

“Stell dir vor, du hast eine Feier und niemand will Bier”.

*grööööhl* ~ *schenkelklopf* ~ ROFL!

Dazu passt ein Spruch aus dem Jahre 1968…

“Как говорит наш дорогой шеф, за чужой счёт пьют даже трезвенники… и язвенники!”

(“Wie sagt unser werter Chef: Auf andere Leute Kosten trinken sogar Alkoholgegner und Magenkranke.”)

… aus dem Kinofilm “Ein Arm voller Brillanten”.

Nichts davon ist inzwischen wahr.

* * *

Dieser Sonntag beginnt ruhig.

Demnächst – nehme ich mir vor – werde ich sonntags IMMER eine Stunde später aufstehen. Also nicht wie sonst 4:30 Uhr, sondern erst 5:30 Uhr. So könnte die Woche Struktur bekommen. Und: man spürt bereits so in den allerfrühesten Morgenstunden, dass Sonntag ist. Viel ausgeruhter beginnt solch Tag. Obwohl es heute – und somit isses wieder Quatsch – um 5:30 Uhr genauso spät ist wie gestern um 4:30 Uhr. Fuck the Zeitumstellung!

* * *

Ich pfeife den Hund UND LASSE DAS AUTO STEHEN. “Entschleunigung” ist das Motto des Tages.

Uns begegnen zahlreiche Trunkenbolde, die es nach durchzechter Nacht aus Berlin nach Hause spült. Lärm machen Potsdamer stets in der anderen Stadt, zu Hause kann man schlafen.

Der Nachtbus – fällt mir plötzlich ein – wird andernorts “Lumpensammler” genannt. Ein hübsches Wort – hier, in Potsdam, leider unbekannt. Auch kennt kaum noch jemand das Witzelchen aus der DDR, worin die Pforten der Betriebe erweitert werden mussten, damit die Zuspätkommenden nicht immer mit den Zufrühgehenden zusammenstoßen.

In der Konrad-Wolf-Allee sucht ein Mann seinen Schlüssel.

Derweil sich Mir, mein Unterbewusstsein, an Wilhelm Busch erinnert …

“Das Schlüsselloch wird leicht vermisst,
Wenn man es sucht, wo es nicht ist.”

… fängt der ehemalige Mensch an, zu urinieren.

Was mein Hund mit heftigem Bellen quittiert. Positiv denken heißt nun: Es ist gut, dass sich der junge Bursche nicht auch noch übergeben muss.

“Morning has broken …”

* * *

Granny erzählt beim Frühstück, wie es ihr gestern ging. Diesmal ging es ihr <ironie> ausnahmsweise einmal </ironie> schlecht, aber sie habe sich extra nichts anmerken lassen. Nur um uns nicht die Feier zu verderben.

Unser Geheimnis wird bleiben: Lara und ich hatten es wohl bemerkt, doch wir reagierten nicht. Aus dem selben Grund. Erfahrung lehrt. Egozentrik ist Stimmungskiller.

* * *

Zurück, in der Wohnung, finde ich den iTunes-Gutschein, den mir meine Tochter zum Geburtstag geschenkt hatte und pumpe mir Peer Gynts “Suite No. 1 Op. 46” aus dem Netz. Dazu auch “The First Cut Is the Deepest” von Rod Stewart.

Cat Stevens “Morning Has Broken” wollte ich ebenfalls kaufen, hatte ich aber schon.

Beginne nun, mein Tag!

* * *

Letzteres tippe ich, derweil Lara den Kopf ins Arbeitszimmer steckt:

“Immer hockst du vorm Computer! Hast du nichts besseres zu tun?”

Das habe ich wohl. Der anstehende Termin war sogar langfristig vereinbart. Was ich aber sooo nicht darstelle, sondern:

“Du hast recht. Jetzt suche ich mir aber wirklich eine sinnvolle Beschäftigung!”

Zische ab. Denn ein Russe Ukrainer braucht im Streit mit seiner Hausverwaltung meine Hilfe, weil <zitat> ich so hübsch Deutsch kann</zitat>. Einen Brief soll ich schreiben, der die beknackte Verwaltung wissen lässt, dass er seine TV-Schüssel von der Hauswand entfernen wird. Ich soll den Vermieter schriftlich zum XYZ schicken. Dazu will er sich mit mir extra treffen, obwohl man sich auch hätte einfach nur mailen können …

Solche Treffen sind immer unnötig lang. Daher drücke ich in den Skat, dass die Verwaltung im Recht ist. Guter Rat wird ohnehin selten bezahlt, schlechter Rat macht Kasse. Am lukrativsten ist ein langer Briefwechsel.

* * *

Eine Minute der 7. Symphonie von Schostakowitsch ist einer der Klingeltöne. It’s Granny.

“Wo bleibst du denn?”

@???

“Na wolltest du nicht …?”

Oh wie ich solche manipulativen Formulierungen hasse! Nicht ich, sondern sie wollte, dass ich – und sie hatte es mir darüber hinaus vergessen zu sagen.

20 Minuten später bin ich in im Garten, baue eine Wäschespinne auf und dazu ein Gartenzelt zum Kaffeetrinken nach Ostern und weitere 10 Minuten später …

Nun fällt mir zum ersten Male auf, dass es saukomisch ist, ausgerechnet dieses Posting “Entschleunigung” genannt zu haben.

… skypt mein Freund aus der Westukraine.

Verschiedenes passiert so, vor allem im Osten. Aber …

“… ich kann jetzt nicht, muss noch Wäsche hängen. Dann aber, skype ich dich an.”

Das die Ukrainer Skype so mögen!? Ich finde FaceTime ist besser, aber da niemand mit mir facetimen will, nützt mir das nichts.

* * *

Der nächste Anruf beginnt mit den Worten:

“Hast du heute schon was vor?”

* * *

1909. Am zauberhaften See. Dass sich Ljadow, Prokofjew und Rachmaninow getroffen haben mögen ist erwünschte Legende. In Potsdam wurde ein Konzert daraus gemacht..

Der Opern-Wendler

Jeder Künstler sollte auch ein bisschen Schauspieler sein. Dergestalt dass man als Publikum das typisch Narzisshafte sogenannter “schöpferischer Persönlichkeiten” nicht gleich merkt.

Nicht so Chworostowski: Ein Bariton ist kein Schauspieler.

Die Leute sollen ruhig wissen:

“Ich bin der größte Sänger aller Zeiten und eure Aufgabe ist, mir zuzujubeln!”

chworostowski

Vielleicht bin ich überempfindlich, aber 130 Euro für einen Saal voller alter Russen, derweil man sich auch für Fußball oder Eiskunstlauf entscheiden könnte, ist – finde ich – ein hoher Preis.

Andererseits: innerhalb eines Publikums zu den jüngsten Rezipienten zu gehören, ist “mir altem Mann” ein seltenes Gefühl – komisch fast.

Loriot als Zugabe: Zwei Reihen vor uns waren anfangs Plätze frei, weshalb sich eine Frau von weit hinten hierhin setzte und hier angezischelt wurde, weil manche Zuschauer plötzlich nicht mehr so gut sahen wie zuvor, als die Plätze leer waren. Eine Zischlerin setzte sich schließlich ebenfalls eine Reihe vor und blieb hier bis zum Ende des ersten Aktes sitzen – als die sich verspätet habenden rechtmäßigen Kartenbesitzer eingelassen wurden. Alles musste schließlich abgewickelt werden.

Hinter uns raschelte eine Chipstüte, Lara bemerkte etwas Knoblauchgeruch und ich tuschelte: “Jetzt fehlt nur, dass ein Handy klingelt.” Den Rest kann man sich denken.

Hinterher sollt ich uns den Abend kommentieren. Wobei mir der Inhalt in den Mund gelegt wurde.

“War es nicht schön, dass wir beide wieder einmal raus gegangen sind?”

Armenisches Radio. Im Prinzip ja, aber …

Würde ein Publikum tatsächlich in ein Konzerthaus gehen, um Musik zu hören, würde es sich vorher die Ohren putzen, nicht die Schuhe.

Finanzielles Konzert

Der Januar leidet – wie immer – unter Weihnachten. Jeder Februar sollte daher – eigentlich – konsolidieren. Doch Anfang März kommt unsere neue Küche *freu* mit Fußboden, Elektriker, Maler und sonstigem Dreck. Dies kombiniert mit Obsessionen, getragen vom Wunsch NIEMALS ins Minus zu geraten.

Ich sitze, rechne diesmal besonders sorgfältig und denke:

“Блинчики – Das wird aber verflucht knapp, diesmal!”

Da kommt plötzlich Lara des Weges daher.

“Mily, Guckema was ich habe:”

karten

“Uuund? – Freust-de dich?”

Chworostowski? Klar freue ich mich. Cool. Endlich haben wir einen wirklich-triftigen Grund an die Ersparnisse zu gehen.