Ein sarkastischer Puschkinismus

Jeder Russe kennt das Zitat –

Ein ungebetener Gast ist schlimmer als der Tatare.

Es soll – sagt man – von Puschkin sein.

Aber trotz der Technik des Jahres 2014 mit superschnellem Hochstrahldüsen-Internet, Wikiquote, Äpfeln und Google find ich nicht die Quelle. Und oft ist der Zusammenhang wichtiger als das Zitat selbst.

* * *

9. Mai 2014. Potsdam.

Hier, bei uns, lebt noch eine echte „Veteranin des Großen Vaterländischen Heldenkrieges“. Diese betagte Dame ist über 90 Jahre alt und hat seinerzeit als Funkerin an diversen Kampfhandlungen teilgenommen, die letztendlich dazu führten, dass das Deutsche Volk vom … @? … @!! … – jedenfalls haben sie gewonnen.

Heldenmässig.

RUHM UND EHRE!

Die alte Dame besann sich in den 1990er Jahren auf ihre jüdischen Wurzeln und übersiedelte in Feindesland, wo sie, wie an jedem anderen 9. Mai auch, erst an Heldendenkmälern Blumen niederlegt und anschließend bei sich zu Hause zu einer kleinen Siegesfeier einlädt.

Lara, die ihr hin und wieder beim Haushalt hilft, ist stets eingeladen. Und: sie möge doch bitte auch ihren Mann mitbringen, von dem sie bereits viel Gutes gehört habe. Tag des Sieges wäre doch ein guter Grund, sich kennenzulernen.

Diese Einladung konnte ich bisher mit dem heiteren Hinweis, ich käme – genetisch bedingt – aus dem Lager der Feinde, umschiffen.

Mein Bedarf an Kommunikation mit älteren Menschen ist gedeckt und der Ruhm der Großen Heldenarmee ist relativ. Je mehr man weiß desto mehr zweifelt man.

* * *

Jacke wie Hose: Lara war dort, als plötzlich ungebeten eine Tatarin aufkreuzte. Eine Spätaussiedlerin, die den Rest ihres Lebens – so scheint es – vor dem Fernseher verbringt. Putin-TV, dank Sputnik-Schüssel auch in ‚tschland empfangbar.

Die Tatarin sah Laras slawische Gesichtszüge, ihre Sprache und fragte prompt, woher sie käme. Die Antwort – Sie ahnen es bereits – kann nur „Kiew“ sein.

„Aus Kiew? Du liebe Güte! DA MARSCHIEREN JA JETZT NUR NOCH FASCHISTEN AUF DEN STRASSEN.“

* * *

Lara kommt nach Hause.

Sie zu mir:

„Jetzt, endlich, verstehe ich was es für dich bedeutete, dass du in Moskau von deinen Mitschülern immer nur Faschist genannt wurdest!“

Ich zu ihr:

„Was ist eigentlich wirklich schlimmer: ein ungebetene Gast oder der Tatare?“

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Autor: Alex

Heute so, morgen so ...

Ein Gedanke zu „Ein sarkastischer Puschkinismus“

  1. Diese Sprichwort scheint recht geliebt zu sein, auch bei Sprechwissenschaftlern: „Nezvanyj gost‘ chuže tatarina – Ein ungebetener Gast ist schlimmer als ein Tatar. Vom Wesen und Nutzen sprichwörtlicher Redensarten im sprachbezogenen Landeskundeunterricht. In: Lojová, Gabriela; Kostelníková, Mária (eds.): Studies in Foreign Language Education, Volume 3, S. 94-110“.

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