Retrospektive Reflektion

Autobahn. Ich und er.

Was ich gut fand, an der DDR, was an ihr schlecht, wurde ich unterwegs plötzlich gefragt und wusste in diesem Augenblick nicht, was man hierauf mit Vernunft sagen könnte.

Nun wache ich auf.

Die DDR – denke ich – ist wohl das objektive Ergebnis der Detonationen des letzten europäischen Krieges. Wäre die Sowjetarmee – beispielsweise – in Bayern einmarschiert, hätten die Bayern genau diese DDR gehabt und keine Bananen. So aber kam das System über Mitteldeutschland wie ein Naturgesetz.

Und Subjektiv ist auch objektiv, denn jeder Einzelne entscheidet sich schließlich für Integration oder Widerstand, alternativ ~ a bissel schwanger geht nicht – auch das ist ein Naturgesetz. Die hieraus folgende Wechselwirkung hebt oder staucht Charaktere, was inzwischen mit einem Experiment eindrucksvoll bewiesen.

Amboss oder Hammer sein ~ Wärter oder Häftling sein ~~~ ´… @andererseits: Unter Breshnew oder früher wäre jede andersartige – “sozialismusfremde” – Idee niedergewalzt wurden; säße ein starker Putin am Kohlschen Verhandlungstisch, würden wir “deutsche Einheit” als Luxus begreifen und heute noch zahlen.

Was mir allerdings peinlich ist: Dass ich seinerzeit eine Idee akzeptierte, welche Menschen klassifiziert wie zuvor im Mittelalter und dass der sogenannte “Klassenkampf” nur einer Legitimation diente, mehr nicht.

Was im Übrigen alles nicht von Bedeutung. Der Status quo ist heute einfach nur besser schlecht – mehr nicht.

Menschen sind so.

Späte Einsicht

Heute – endlich – gebe ich einen Antrages auf Akteneinsicht ab.

Unmittelbar nach Öffnung der Archive war das Interesse am größten. Doch Zeit ist knapp bemessen, wenn zugleich Fragen im Raum stehen.

Muss ich das wissen? – Brauche ich das wirklich?

Fast hätte ich meine persönliche Stasi vergessen, da kam ein gewisser Snowden des Weges daher. Die neuen Fragen waren bereits die Alten, und, und, und …

Gestern. Ich. Antrag.

131114 antrag stasi

Heute nehme ich mir also Zeit und fahre nach Berlin. Was aktenkundig muss man zwar nicht unbedingt wissen – aber man sollte sich wenigstens informieren. Und – so hoffe ich – heute kann ich es verkraften.

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen. Seither sind offenbar immer noch Gedanken unsortiert. Wohl weil es stets ein Einerseits und ein Andererseits gibt: Ist an einer Farce beteiligt gewesen, wer damals Linker war?

Und: Wieso zum Teufel hielt man einem Land die Treue, obwohl man ihm Einiges an Schweinerei zutraute?

Aber alles bleibt so lange Quark bis es nicht aufgeräumt ist.

Mal sehen, was die Stasi über mich dachte, denke ich nun, und fahre nach Berlin.

Andersartige Veränderung

In Anklam scheint die Zeit stehen geblieben.

Am Marktplatz könnte man zwar Kaffee trinken, doch dieser ist das Nebengeschäft zweier Backshops. “Normale” Cafés und Restaurants sind am Anklamer Marktplatz nicht zu sichten – wie damals auch, wie früher hier, wie in der DDR.

Wir wollen schick essen, ein Einheimischer schickt uns in eine Nebenstraße, wir folgen seinem Rat und betreten wenig später einen Gasthof über dessen Flur mit zahlreichen Verbotsschildern. Man darf hier nichts abstellen, lese ich. Und: das Klo ist nur für Gäste. Den Schlüssel hierfür, gibt es an der “Bar”.

Als “Fisch aus heimischen Gewässern” wird Lachs angeboten und aus den Restaurant-Boxen tönt Chris Doerk und Frank Schöbel.

Lieb‘ mich so, wie dein Herz es mag
Lieb‘ mich so und nicht anders, oh nein
Lieb‘ mich so, dann wird jeder Tag
Wunderbar an deiner Seite sein

“Hier ist die Zeit stehen geblieben”, sage ich und meine damit auch das Mobiliar.

Wenn die Menschen es so lieben, sollte man sie es SO lieben lassen”, sagt Lara.

Worauf ich Notizen-App öffne und mir diesen Satz diktiere. Frauen werden offenbar mit zunehmendem Alter immer aphoristischer.

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Einem innerstädtischen Hinweisschild entnehme ich, dass Anklam eine lange Zeit schwedisch war. “Wie Kiew” füge ich meiner Übersetzung hinzu, weshalb sie mich scherzhaft einen Schwätzer – “болтун” – nennt.

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Von Anklam bis Ahlbeck ist es nicht weit. So wundert mich nicht, auf ähnliche Verhaltensmuster zu treffen.

Am Strand ein Café mit Selbstbedienung. Drinnen, hinter dem Tresen das Personal dicht gedrängt, draußen formiert sich eine Gäste-Schlange. Man sollte sein Handtuch auf einen Platz legen, um diesen zu markieren. Sonst isser weg. Aber klar: “wenn die Menschen es so lieben, sollte man sie es SO lieben lassen.”

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Ich fühle mich so richtig hübsch retro im nordöstlichsten Zipfel der neuen Republik. Wenn jetzt noch einige Nackte durchs Café laufen würden oder sich mit in die Gäste-Schlange einreihen würde – @hach, ja! – dann ist es wirklich wie damals, als es auf der Insel Usedom kaum Textilstrände gab.

Aber diesen Gefallen tun mir die Umstände nicht. Und überhaupt: Es gibt hier zwar noch einen ausgewiesenen FKK-Strand, aber schon keine Nackten mehr. Irgendwann ist auch der letzte Berg gewaschen.

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So wie hier in groben Zügen berichtet, verlief Laras 50. Geburtstag. Wir sind abgehauen. Damit niemand merkt, was in ihrer Geburtsurkunde steht. Und was alle Welt bereits weiß, weil der deutsche Gatte es bloggt.

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2013-06-29 17.24.59

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Am meisten profitierte unser Hund, der am Hundestrand mit zwei polnischen Mischlingen ins Spiel kam. Leider wollten sich die polnische Mischlings-Frauchen mit uns nicht unterhalten. Wohl weil sie Ukrainerin ist, ich Deutscher, weil wir uns untereinander Russisch unterhalten oder aus einem anderen Grund, der uns nicht verraten ward.

Es dauert ewiger als vermutet – korrigiere ich mich daher selbst – bis der aller-aller-letzte Berg gewaschen ist.

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Ach ja: Der Ohrwurm vom gewaschenen Berg – Auf der Anreise lief zufällig Bob Dylans “Blowin in the Wind” über die Board-Lautsprecher.

How many years must a mountain exist,
Before it is washed to the sea?

Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind, behauptet er und ich finde: der Mann hat Recht.

Schwarm und Onlinebücher

Kein Vorteil ohne Nachteil, kein Nutzen ohne Schaden – Klicken macht verschwenderisch. Es fehlt offenbar die Materialisierung des Gegenwertes, zum Beispiel in Gestalt des Geldes. Und – bedingt durch die Leichtigkeit des Orderns – unterlief mir bereits einige Male der Fehler, mich am Schwarm zu orientieren. An irgendwelchen Listen. Weshalb ich mir neulich „die Kunst des klaren Denkens“ erklickte, worin – wie ich nun entdecke – einfach nur Banalitäten aneinandergereiht sind. Also Dinge, die man hier – im Gedankenjournal – nachlesen kann, Dinge die längst geschrieben, Dinge, die man sich nicht traut einbinden zu lassen, WEIL SIE EINFACH NUR BINSENWEISHEITEN SIND.

Intuitive Übersetzungen hören sich mitunter putzig an.

So sagte Lara als wir vor Weihnachten über ein Geschenk an meine Tochter berieten: “sie kollektioniert Elefanten” und brachte zusammen, was zusammen gehört. Jeder weiß was gemeint ist, und: jeder kennt eine Kollekte*.

Das Geld – schrieb einst Karl Marx – bestimmt den Wert der Ware, doch dort “wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.” (Matthäus 6,21).

Die Tochter kollektioniert Elefanten, ich Bücher. Wobei iBooks sich teuflisch-verführerisch gebärdet. Früher ging [sic!] man extra in den Buchladen, um ein bestimmtes Buch zu kaufen – heute genügen zwei, drei Klicks. Den Bonustrack zur allgemeinen Buchkauf-Spannung kam vom Mangel in der DDR. Hatte man über Buschfunk erfahren, dass vielleicht demnächst ein neues, lesenswertes Buch erscheinen könnte, stand man mit diesem fiktiven Wissen ständig auf der Matte des volkseigenen Buchhandels.

“Hammse den neuen Braun schon jekricht?” – “Nee. Hammer nich!”

Man konnte allerdings prima tauschen, wie im „dritten Nagel“ von Hermann Kant beschrieben was Buchkauf sogar spannend machte. Und jeder Erfolg wurde zu Hause aufgereiht im Bücherregal – wie eine Trophäe. Alle Besucher betrachteten noch vor dem ersten Schnaps die Bücher in den Regalen der Gastgeber, die entsprechend eingestuft wurden. Und es kostete mich 15 Nachwendejahre, bis ich endlich Kraft für die blaue Tonne fand.

Heute bewahre ich meine Bücher nur noch in der Cloud. Nun sind sie wahrhaft meine.

Kein Vorteil ohne Nachteil, kein Nutzen ohne Schaden – Klicken macht verschwenderisch. Es fehlt offenbar die Materialisierung des Gegenwertes, zum Beispiel in Gestalt des Geldes. Und – bedingt durch die Leichtigkeit des Orderns – unterlief mir bereits einige Male der Fehler, mich am Schwarm zu orientieren. An irgendwelchen Listen. Weshalb ich mir neulich „die Kunst des klaren Denkens“ erklickte, worin – wie ich nun entdecke – einfach nur Banalitäten aneinandergereiht sind. Also Dinge, die man auch hier nachlesen kann, Dinge die längst geschrieben, Dinge, die man sich nicht traut einbinden zu lassen, WEIL SIE EINFACH NUR BINSENWEISHEITEN SIND, wie: “Warum Sie ein Tagebuch schreiben sollten”.

Das muss einem vielleicht wirklich erst gesagt werden!

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* Eine Kollekte (colligere = sammeln) ist eine Geldsammlung für kirchliche oder karitative Zwecke, zum Beispiel die Sammlung während eines oder nach einem Gottesdienst in der christlichen Kirche. – OMG, wem sage ich das?