Nachträgliche Illustration

43. Tag

Wie zur Illustration zu „Absurde Dienstleistungen“ liegt ein Brief im Postkasten, adressiert an irgendein deutsches Jobcenter, verbunden mit der Bitte auf Übersetzung desselben.

„… nun, da wir auf Ihren Wunsch unsere Tätigkeiten offiziell angemeldet haben, wird uns ständig Geld abgezogen. …“

Ohne Quatsch: Diese Familie bittet ein Jobcenter um Kompensation der Verluste, die sich aus steuerspendender Tätigkeit ergaben.

* * *

Als ob das nicht genügt, bringt mir ein Spätaussiedler einen weiteren Text:

„… Bereits vom ersten Tag der Geburt an, sah ich mich seitens sowjetischer Behörden Repressalien ausgesetzt. …“

Ich lese und sage spontan:

„Deine arme Mutter! Sie hat bestimmt viel zu leiden gehabt! …“

<unverstaendnis>@???<unverstaendnis>

„… vom „ersten Tag der Geburt“ bedeutet russisch wie deutsch: es gab mindestens zwei Tage Geburt, wahrscheinlich sogar drei. Und darüber hinaus könnte es im vorgegebenem Kontext bedeuten, dass die Repressalien nach der Geburt  aufhörten, zumindest ist unklar, ob …“

Er unterbricht mich ungehalten. Zunächst mit einem russischen P-Fluch, danach schiebt er einige schmutzige, sexuell-anzügliche CH-Vokabeln nach. Sagt fluchbereinigt:

„DU BIST DOCH DER SCHREIBERLING! – Wenn du meckerst, übersetzt du eben nicht. Sondern schreibst es selbst wie es sein soll. Repressiert haben sie mich! – Re-Pres-Siert! – In der Sowjetunion, in Russland, und alles nur weil ich Deutscher bin!“

Nun muss ich das eindeutschen.

Absurde Dienstleistungen

42. Tag

Der Bekannte von Bekannten – nennen wir ihn einfach „Mischa“ – war beim sowjetischen Geheimdienst. Nach dem „Zerfall der Sowjetunion“, wie die „Wende“ im Osten genannt wird, ward er erst vom russischen dann vom ukrainischen Geheimdienst übernommen. Oder umgedreht: erst vom ukrainischen, dann vom russischen. Was allerdings schnurzpiepegal, denn Mischa würde auch wieder für den sowjetischen Geheimdienst arbeiten. Das Spionieren macht ihm Spaß.

Zufällig kam ihm eines Tages eine Jüdin des Weges daher, die sich als Kontingentflüchtling nach Artikel 15 Abs. 3 Nr. 3 des Zuwanderungsgesetzes in Deutschland ansiedelte.

Mischa durfte als Familienangehöriger mit nach Deutschland und landete hier auf dem Bau. Viel lieber würde er aber spionieren und will sich nun hierfür beim Bundesdeutschen Geheimdienst bewerben.

Mich bittet er nun die kryptischen Geheimdienstdokumente ins Deutsche zu übersetzen, was eigentlich unzulässig, denn seit ich die geheimen Papiere in den Händen hielt, sind sie nicht mehr geheim. Der Mann hat nämlich Gasmaskengröße 2, einen Anti-Atomschlag-Schutz-Anzug benötigt er in der Größe 54/2 und sein Stahlhelm, solle er passen, muss in Größe 52 sein. (Der Lumich hat übrigens sein zweites Paar Unterwäsche nicht abgegeben oder nicht austragen lassen.)

* * *

Familie Petrow lebt in Deutschland und betrachtet die staatlichen Sozialleistungen als angenehmes Zusatzeinkommen zum Verdienst. Eines Tages wurden sie beim Mogeln erwischt, weshalb ihnen das zuständige Jobcenter die Bezüge kürzte.

Nun soll ich – weil ich so gut Deutsch kann – unter der Überschrift „Widerspruch“ für die Petrows um ein Darlehen bitten, so etwa 2.000 Euro, zinslos, rückzahlbar in 10 Raten, damit sie unter der Strafe nicht allzu stark zu leiden haben.

„Schreiben Sie uns einen Widerspruch und – – – machen Sie sich keine Sorgen, ob der Bezahlung: Geld spielt bei uns keine Rolle.“

* * *

„Woyzeck“, denke ich immer öfter.

In einer guten Inszenierung des Dramas von Georg Büchner hält man anfangs „Woyzeck“ für den Verrückten, derweil man im Laufe der Handlung entdeckt, dass alle verrückt sind. Alle, außer Woyzeck himself.

Binationaler Ehekrieg

39. Tag

Je t’aime … moi non plus”, das berühmte Duett von Serge Gainsbourg mit Jane Birkin aus dem Jahr 1969 erklingt aus meinem Telefon – “ja?” – am anderen Ende vernehme ich eine aufgeregte Lara, die mit dringlichster Stimme spricht.

“Hole mich bitte schnell ab! Schnell, schneller, also soschnellesgeht!”

Okay. Ich. Pedal to the Metal ~ schon bin ich da.

Lara geriet durch einen dummen Zufall – erfahre ich nun – in kriegerisches Gebiet.

Seit Anfang März, genau genommen: seit dem achten März, redet die alte russische Freundin nicht mehr mit mit dem zugehörigen deutschen Bettgenossen (und|oder) umgedreht: der Deutsche verweigere jedwede Kommunikation.

“… und während wir beide beim Yoga waren, hat der Blödmann alle Plinsen aufgegessen. Wir kamen gerade bei denen in der Wohnung an, da sehen wir, wie er sich gerade die allerletzte Plinse reingestopft …”

Das ist eine Untat. Lara hat extra Plinsen für ihre Freundin gebacken. Nach einem familiären ukrainischen Geheimrezept, mit viel Halb-und-Halb und sehr scharf.

“… einfach so. Ohne zu fragen. Und ohne auch nur das kleinste Krümelchen übrig zu lassen!”

Die Frage nach der Ursache drängt sich geradezu auf. So erfahre ich, dass beide gemeinsam einkaufen waren, beim Discounter. An die Kasse sollten beide für den Einkauf 120 Euro betragen haben, weshalb er “ein richtiges Theater gemacht” haben soll und seither spricht er nicht mehr. Zumindest mit ihr.

Erfahrung lehrt: Diese Geschichte ist unvollständig. Daher erzähle ich Lara nun die von mir vermutete Version. Also welches Ereignis nach meiner Vermutung zum Ausbruch des Krieges führte:

Der achte März ist nämlich Frauentag und dieser ist in Russland ebenso bedeutend wie bei uns Weihnachten oder Ostern. Ein von russischen Frauen herbeigesehntes Machofest. Die gelebte Feminismus-Karikatur. Die slawische Seele der Freundin wird wohl auch in diesem Jahr auf ein Geschenk bestanden haben, derweil er, der Deutsche, den ganzen russischen Frauentagsmist – ganz im Sinne von Clara Zetkin übrigens – abgelehnt haben wird. Weshalb sie wird es sich selbst besorgt hat. Bei Lidl. Und zwar ALLES, was ihr zusteht: Teurer Alkohol, Geschenk und Blumen.

Ich kenne die Freundin ein bisschen: Sie ist wie ein Mann, der zur Nutte geht, wenn er’s zu Hause nicht besorgt kriegt.

* * *

Mit “so wird’s gewesen sein” beende ich meine Vermutung, mit “ja. wahrscheinlich” gibt mir Lara Recht.

“Aber egal was war: Du hättest mir doch auch in solcher Situation nicht die Plinsen weggegessen?!”

In dieser Situation sicher nicht.

Aber nicht wie Lara meint, vorrangig aus Anstand und Höflichkeit, sondern eher aus Vorsicht oder aus Angst.

Das Unkenntnis-Fake

36. Tag, am Nachmittag.

Hund helfen Menschen, deren natürliche Distanz zu überwinden. So kommt man als Hundehalter (und|oder) –besitzer in Begleitung derselben deutlich rascher ins Gespräch.

“Ja, wir sind öfters hier”, sagt die schöne Frau und meint mit “wir” sich und ihren Hund.

In ihrem Satz höre ich russischen Akzent und habe ein Thema:

“Höre ich da etwa russischen Zungenschlag?”

*ihr Kopf nickt*

“Oh ich liebe die russische Sprache. Wissen Sie was: Schon heute [sic!] werde ich damit beginnen, sie zu lernen. Sagen Sie mir bitte irgendeine russische Vokabel, die ich auf der Stelle lernen kann. Ich werde von da an zu Hause weitere hinzufügen.”

Sie sagt “собака” (gesprochen. “Sa-baka”, auf Deutsch: Hund), ich wiederhole mit der deutschesten Zunge “Sa-Ba-Ka” und mache dazu ein Gesicht wie ein Schneehase, der gerade eine Möhre erhält.

Nächste Woche sehen wir uns (vielleicht|wahrscheinlich|bestimmt) wieder. Dann *vorfreue ich mich* werde ich sie verblüffen. Mit sauberem Russisch und mit ohne Russisch-Akzent.

Ich werde vielleicht Puschkin zitieren:

Переводчики — почтовые лошади просвещения.

(Deutsch: Die Sprachmittler sind die Postpferde der Erleuchtung.)

Oder besser noch: Ich werde einfach einige der Passagen aus Eugen Onegin vortragen, die ich seit Kindheit kenne, dazu behaupten, ich habe das Poem zufällig entdeckt und nun – siehe da! – gefällt es mir auf Russisch sogar besser als auf Deutsch …. – oder-oder-oder…Ich werde im schönsten Russisch sagen:

“Natürlich verachte ich mein Vaterland von Kopf bis Fuß. Gleichwohl ist es mir aufs Äußerste zuwider, wenn ein Ausländer dieses Gefühl mit mir zu teilen versucht.”

* * *

Noch ist es nicht soweit, noch iss-se nich soweit. Noch denkt-se, ich sei ein einfach nur ein Angeber.

Sturfrau und Kapitän

16. Tag, Heimweg

Wir laufen nach Hause, denn das Auto *seufz* ist in Berlin geblieben.

schrauberbox

Hier, in dieser Box, entscheidet sich in den nächsten Tagen ein Schicksal, WORUM ES ABER JETZT NICHT GEHT, … , obwohl …, @!? … , na-ja … , jedenfalls … (es gäbe Einiges zu ergänzen) … sondern darum, dass sich bestimmtes Rollenverhalten immer wieder reproduziert.

Normalerweise bin ich der Fahrer und sie ist Beifahrer.

“Ich Tarzan – du Jane!” Wozu “Beifahrer” auf Russisch “штурман” heißt und auch bedeutet.

Ein “Sturman”, gesprochen: Sturm-Mann, ist ein vor Jahrhunderten aus dem deutschen Sprachraum ausgewandertes Wort, wahrscheinlich einst von “Steuermann” kommend, welches den Jenigen – 😉 – benennt, der Schiffe durch Sturm und Wind zu navigieren versteht.

Ein russischer “штурман” ist also Lotse mit Richtlinienkompetenz und weit entfernt von jener Übersetzung, die in Deutschland “Beifahrer” heißt.

Nomen est omen, sie bestimmt den Weg. Wider (meines) besseren Wissens. Und so trage ich Einwände vor:

“Wir können entweder “schön” laufen, also am Hirtengraben lang durch den Park. Oder “kurz”: über die Konrad-Wolf-Allee. Die im Übrigen ebenfalls hübsch begrünt ist. Doch was du vorschlägst ist weder das Eine, noch das Andere ~”

“~ aber es ist das Beste!”

Zweiter Versuch:

“Der kürzeste Weg von A nach B ist immer die Hypotenuse. Jeder Weg über Katheten MUSS Umweg sein.”

“Im Quadrat ist alles gleich!”

Touchè!

Sie ist weder “Sturmmann” noch “Sturman”, sie ist entweder eine “Stur-Männin” oder eine “Sturfrau”. Eine mathematisierende, darüber hinaus.

Reziproke Völlerei

Ein Fest folgt derzeit dem nächsten.

Heute, am 24.2.2014, ist “Tag der Begrüßung”, der erste Tag der Masleniza, gestern war “Tag der Beschützer des Vaterlandes”, was in Verhaltensmustern vergleichbar ist mit dem deutschen Vatertag.

Gemeinsamkeit macht der Wodka, den Unterschied macht der Glauben: Jeder 23. Februar ist kommunistisch-atheistischen-patriarchalischen Ursprungs, derweil der 24. Februar 2014 den Anfang einer wilden Völlerei vor dem Großen Fasten im Vorfeld des christlichen Osterfestes bestimmt.

Fleisch gestaltet den Unterschied: Am Heldentag ist Fleisch erlaubt, Pflicht fast, – an Masleniza gibt es nur Milchprodukte – überwiegend Plinsen – und Fisch. Hier ist dem Rechtgläubigen Fleisch bereits untersagt. Unabhängig davon bleibt stets der Wodka. Er ist an allen russischen Festen Pflicht.

Mittendrin stehe ich mit meiner Diät oder besser: Abnehmsucht. Jede verlorene 100 Gramm machen mich glücklich, werden mental befeiert. (Die Waage heute 77,1 Kilo – was mich deshalb schon glücklich macht, weil ich vor wenigen Jahren noch in der Kategorie Ü-90 war.)

Die Realität sieht anders aus als laut russischen Vorgaben. Wodka ist in unserem Haushalt seit langer Zeit Fehlanzeige, irgendwo steht seit Weihnachten noch eine halbe Flasche Glühwein und ein Schluck alter Rum – für Tee bei Kälte – staubt im Küchenregal vor sich hin. Auch sonst fühlen wir zu nichts Neigung, “was die Welt behauptet. Ihre … Zwecke kommen uns allesamt verkehrt vor.”

UND DANN FUHREN MEINE FREUNDE AUCH NOCH OHNE MIR BESCHEID ZU GEBEN NACH WOLFSBURG, zum Auswärts-Heimspiel der Berliner Eisgötter … ~ Anyway: Plötzlich griff ich mir ein Bügeleisen und fing an, meine T-Shirts zu bügeln, einfach so. Wohl um irgendwas zu machen, wohl weil mir langweilig war.

Da kam Lara des Weges daher. “Und? Macht’s Spaß?”, “Riesenspaß”, sagte ich ironisch.

“Fein. Könntest du dann meine Blusen auch …”

Klar. Soweit treibt mich also meine neue matriarchalische Lebensform: Am Vatertag (!) der Gattin Blusen bügeln.

Das glaubt mir kein Mensch!

Das Unvollendete

Das heutige Posting beginnt mit einem Ohrwurm aus der sowjetischen Zeichentrickserie „Hase und Wolf“, dessen Inhalt darin besteht, dass der Wolf versucht, den Hasen zu fangen, was ihm aber ständig misslingt. Weshalb der Trickfilm-Wolf beim Abspann regelmässig Rache schwört –

„… ну заяц, погоди!“

Das Gute bezwingt immer das Böse.

Damit wir Kinder der Sowjetunion seinerzeit „gut“ von „böse“ besser unterscheiden konnten – damit wir daraus lernen – wurde der Trickfilm-Wolf als „Gammler“ erschaffen. Als jemand, der raucht, der Mülltonnen umwirft, der seinen Abfall auf der Straße entsorgt – kurz: als jemand, der die öffentliche Ordnung missachtet.

Allerdings besitzt der Trickfilm-Wolf auch einige Talente. So kann er wunderbar Tango oder Walzer tanzen, Schlittschuhlaufen und erstklassig Gitarre spielen, wobei des Wolfes Musikgeschmack offenbar von Wladimir Wyssozkij geprägt ist, was man zum Beispiel daran erkennen kann, dass er in der ersten Folge dessen „Lied vom Freund“ pfeift.

Notabene: Das Lied, welches der Wolf pfeift derweil er am Seil hangelt, hat einen sehr klugen Text und ist bisher leider-leider nach meiner Kenntnis nur von einem gewissen J. M. Opfermann – und zwar grottenschlecht! – ins Deutsche übersetzt.

Für Freunde der russischen Sprache, der Text geht so:

Если друг оказался вдруг
И не друг, и не враг, а – так,
Если сразу не разберёшь,
Плох он или хорош, –

Парня в горы тяни, – рискни!
Не бросай одного его,
Пусть он в связке в одной с тобой, –
Там поймешь, кто такой.

Allerdings sind Freund und Freund in der russischen Sprache mindestens zweierlei, womit Wyssozkij spielt …

… muss leider los! …

– Das Posting wird fertig gestellt – hiermit isses versprochen!

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Anmerkung: Was für ein Bohei macht der Blödmann nur wegen eines geplanten Ausflugs!?! – Eigentlich wollte Solironow nur mitteilen, dass er mit seinem Freund, dem Hund, einen Ausflug plant. Am nächsten Sonntag will Alex nach Schierke fahren, in die Berge, auf den Brocken. Wozu natürlich das Lied passt. Besagter Ohrwurm …

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Blöd: Man kommt nicht mehr so richtig rein, wenn man einmal unterbrochen ward (… und „Wyssozki“ schreibt man ohne „j“ am Ende!).

Jedenfalls beinhaltet das Lied einen gewissen Rhythmus, so als würde eine Eisenbahn über russische Schienen fahren. Dazu die Wortspiele: „друг“ der Freund, was moralisch für die Ewigkeit bestimmt – gibt man ein „в“ hinzu, wird aus der russischen Ewigkeit ein russisches Plötzlich, also „вдруг“. Yin und Yang sind Brüder.

„друг“ kann auch einfach nur befreundet sein, der Sinn ergibt sich jeweils aus dem Kontext –

ICH MUSS ALSO VERSUCHEN, DAS LIED SELBST ZU ÜBERSETZEN, denn was ich nicht selbst mache, machen andere schlechter.

Aber wann hat man(n) schon unter den Bedingungen der Diktatur des Matriarchats Zeit für Berge? (Wo ich doch erst einmal mit meinem Freund – dem Hund – in die Berge will.)

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„Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie.“
(Jean-Jacques Rousseau)