Russisch-deutsche Paradoxien

19. Tag

Es ist 4:30 Uhr. Hund und ich marschieren zum Kirchsteigfeld, der Kopf ist frei. Denke und bereite nach.

* * *

Gestern besuchte uns wieder einmal einer der vielen russischen Ratgeber spät abends und lies mich prompt spüren, dass mein Upgrade im Sozialverhalten – alles Ausredenlassen und das Zuhörenwollen – möglicherweise einer Revision bedarf. Gottes Sohn ist den Menschen ja schließlich auch mehr als Prediger im Gedächtnis geblieben als als Zuhörer.

<ironie>Nun endlich</ironie>, da das Auto bei einem Schrauber in Behandlung, kann mir jeder Russe, der des Weges daher kommt, sagen, wo man PKW-Ersatzteile noch viel-viel billiger bekommen kann und welcher andere Schrauber darüber hinaus bereit ist, für wenige Kopeken zu schrauben. Derweil der, den ich anheuerte, vermutlich nur mit sehr-sehr viel Euro zufrieden ist.

“Sergej in Grunewalde? Dass ich nicht lache! – Geh du nächste Mal zu Grigorij! Grigorij ist echte Experte, Spezialist und billig ohne Vergleich.”

Paradox: Diejenigen, die am meisten Ahnung haben, bauen in ihrer Heimat die schlechtesten Autos der Welt. Vor allem montags und nach Feiertagen.

Hast du einen Жигули (Schiguli) bekommen, der an einem 3. Mai erbaut wurde oder schlimmer noch: an einem 9. März – kannst du den gleich vergessen. Ein Rat zur Jugendweihe:

Hüte dich vor scharfen Frauen
Und Autos, die die Russen bauen.

Die alte Weisheiten aus der Stagnationsperiode sind heute immer noch anwendbar.

Ein weiteres Paradoxon: Das Land der besten Autoexperten verfügt über die schlechtesten Straßen Europas, wenn nicht sogar der Welt.

Derweil der typische Deutsche seine schicken Autos, die stets auf gepflegten Straßen unterwegs sind, einer Werkstatt überlässt. Mit dicken Angestellten, schweißstinkend, die sich mit solcher Arbeit lustlos ihren Lebensunterhalt verdienen, einmal Gucken für € 62,50 ~ …

Ich bin zwar durch und durch russifiziert, aber aus deutschen Material. Gegen Gene kommt man nicht an. So interessiere ich mich ausnahmsweise nicht für Automobiltechnik. Mein Auto ist einfach nur Abkürzung oder Hundebox auf vier Rädern.

* * *

Gestern hörte ich zu. Ließ ausreden. Fragte nach. Heuchelte Interesse. Der Gutmensch in mir praktiziert Vortragsfasten, verzichtet auf eigene Themen und langweilt sich immer öfter.

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Ungeschicktes Timing

Ich bin im Übrigen immer noch beim Abnehmen. 6 (in Worten: sechs!) weitere Kilo liegen hinter mir, 10 noch vor mir.

Der beste Weg abzunehmen, ist weniger zu essen. Was allerdings stets mit nervigen Kommentaren belegt wird. „Aber man MUSS doch immer was essen!“ (Granny), oder „willst du nicht wenigstens einen Salat?“ (Lara).

NIEMAND MUSS UNUNTERBROCHEN ESSEN, im Gegenteil: ständiges Essen, tagein-tagaus, ist wider die Natur. Als wir als Primaten nackig durch Afrika streiften, hatten wir auch nicht täglich Nahrung. Weshalb ja schließlich unser Körper die Fettpolster erfand – als Reserve für die Tage, an denen gegrilltes Mammut nicht zur Verfügung steht. Wenn ich also an einem Tag nichts esse, verhalte ich mich urmenschlich-natürlich und fühle mich (komischerweise glaubt mir das niemand) wohl dabei.

AUCH AUF SALAT MÖCHTE ICH VERZICHTEN, obwohl der nur gesund sein kann.

Mein Körper identifiziert Salat als Vorspeise. Einen von Laras leckeren Salaten verzehrt, ruft es aus dem Inneren des Körpers:

„Und? War das alles? Wo bleibt das Süppchen? Wo der Hauptgang?“

Schon hat man mit sich selbst zu kämpfen.

Jede Diät kämpft darüber hinaus gegen Unverständnis. Die soziale Umwelt ist das schwächste Glied in einer Kette geplanter Maßnahmen. Mit Argumenten kommt man gegen Ignoranz nie an – wohl aber mit Tricks.

Mein jüngster Trick heißt Religion. So bin ich derzeit gegenüber meiner Umwelt russisch-orthodox. Und heute ist der Auftakt zum Großen Fasten, heute ist der Reinigende Montag, heute ist aller-aller-strengstes Fasten angesagt.

Derweil morgen allerdings – wenn alles klappt – die Küche fertig werden wird und Lara sich bereits Gedanken macht, was sie anlässlich der Einweihung zubereiten wird.

„Möchtest du lieber Lamm? Oder Lachs?“

Heiliger Zorn gegenüber meiner rechtgläubige Ehefrau:

„Mitten in der Große-Fasten-Zeit?! DU SÜNDERIN! Geh in die Kirche und bitte IHN für solche Gedanken um Vergebung!“

Das war offenbar überzeugend. So dass sie mir meine Religion für ein kurzes Moment sogar glaubte.

Anschließend entschieden wir uns für Fisch (als Kompromiss) in verschiedenen Varianten: Forelle, Lachs, gebacken, gebraten …

Soviel blieb mir also von meinen ollen Vorsätzen.

Reziproke Völlerei

Ein Fest folgt derzeit dem nächsten.

Heute, am 24.2.2014, ist “Tag der Begrüßung”, der erste Tag der Masleniza, gestern war “Tag der Beschützer des Vaterlandes”, was in Verhaltensmustern vergleichbar ist mit dem deutschen Vatertag.

Gemeinsamkeit macht der Wodka, den Unterschied macht der Glauben: Jeder 23. Februar ist kommunistisch-atheistischen-patriarchalischen Ursprungs, derweil der 24. Februar 2014 den Anfang einer wilden Völlerei vor dem Großen Fasten im Vorfeld des christlichen Osterfestes bestimmt.

Fleisch gestaltet den Unterschied: Am Heldentag ist Fleisch erlaubt, Pflicht fast, – an Masleniza gibt es nur Milchprodukte – überwiegend Plinsen – und Fisch. Hier ist dem Rechtgläubigen Fleisch bereits untersagt. Unabhängig davon bleibt stets der Wodka. Er ist an allen russischen Festen Pflicht.

Mittendrin stehe ich mit meiner Diät oder besser: Abnehmsucht. Jede verlorene 100 Gramm machen mich glücklich, werden mental befeiert. (Die Waage heute 77,1 Kilo – was mich deshalb schon glücklich macht, weil ich vor wenigen Jahren noch in der Kategorie Ü-90 war.)

Die Realität sieht anders aus als laut russischen Vorgaben. Wodka ist in unserem Haushalt seit langer Zeit Fehlanzeige, irgendwo steht seit Weihnachten noch eine halbe Flasche Glühwein und ein Schluck alter Rum – für Tee bei Kälte – staubt im Küchenregal vor sich hin. Auch sonst fühlen wir zu nichts Neigung, “was die Welt behauptet. Ihre … Zwecke kommen uns allesamt verkehrt vor.”

UND DANN FUHREN MEINE FREUNDE AUCH NOCH OHNE MIR BESCHEID ZU GEBEN NACH WOLFSBURG, zum Auswärts-Heimspiel der Berliner Eisgötter … ~ Anyway: Plötzlich griff ich mir ein Bügeleisen und fing an, meine T-Shirts zu bügeln, einfach so. Wohl um irgendwas zu machen, wohl weil mir langweilig war.

Da kam Lara des Weges daher. “Und? Macht’s Spaß?”, “Riesenspaß”, sagte ich ironisch.

“Fein. Könntest du dann meine Blusen auch …”

Klar. Soweit treibt mich also meine neue matriarchalische Lebensform: Am Vatertag (!) der Gattin Blusen bügeln.

Das glaubt mir kein Mensch!

Heilfasten

Es ist wieder soweit – ich wiege viel zu viel. Wieder einmal.

Nach der Waage zu urteilen, sind es 6 Kilo, die runter müssen. Hinzu werde ich Minus 4 Kilo fügen, fakultativ – und dann sollte es mir eigentlich besser gehen.

Die Bilder des Tages kommen heute von Olga Gromova:

fasten

—-

Hier wird eines Tages ein schöner Spruch stehen.