Total egal

11. Tag, in den Abendstunden

Wir spazieren durch die Abendstunden, derweil mein Phon erklingt. Ich sehe eine unbekannte Nummer im Display, höre:

“Priwet-priwet. Hier spricht Nikolai. Ein gewisser Herr Strelnikow gab mir Ihre Telefonnummer. Können wir uns vielleicht treffen? Am kommenden Dienstag? In Berlin?”

“Wer ist es denn?” fragt mich Lara von der Seite.

Ich halte das Mikro zu und flüstere:

“Es ist ein gewisser Nikolai. Er will sich mit mir treffen.”

Es ist komisch zu flüstern, wenn das Mikrophon bereits zugehalten ist. Menschliche Reflexe reagieren langsam auf die Technik der Neuzeit.

Gleichwohl fällt mir ein, dass am Dienstag vielleicht das Auto in einer Werkstatt oder beim Sergej, dem Wundertäter, ist. Vielleicht – überlege ich – könnten wir beide uns am Dienstag vor der Fahrt nach Berlin in Potsdam treffen? Könnten so eine Fahrgemeinschaft bilden? Sollte er aus dem Süden oder Westen nach Berlin fahren, könnte ich irgendwo zusteigen.

“Wo kommen Sie her?”, frage ich.

“Ich komme aus der Ukraine”, antwortet Nikolai.

Auch Lara, die zwar meine Frage hörte, nicht aber die zugehörige Antwort, will wissen woher der Anrufer kommt.

“Und? Woher kommt er?”

Wieder halte ich die Sprechmuschel zu, repetiere Nikolais Antwort, allerdings in der dritten Person:

“Er kommt aus der Ukraine.”

Damit gibt sie sich nicht zufrieden.

“Aus der West- oder aus der Ostukraine?”

“Aus der West- oder aus der Ostukraine?”, frage ich reflexiv und höre:

“Eigentlich sollte UNS das doch egal sein!”

Wieder halte ich die Sprechmuschel zu.

“Er kommt aus der Ostukraine”, sage ich.

Jetzt guckt Lara, als würde sie sagen:

“Schade zwar, aber eigentlich kann uns das egal sein”.

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ABM ukrainisch

Lara (muss|will) nach Kiew und der Jenige – ich mag diesen Sprachjoke – , der sie sonst abholt, hat inzwischen sein Auto verkauft.

Der ukrainische ÖPNV – Общественный транспорт – ist unzumutbar, die Normaltaxen werden am Kiewer Flughafen oft von Schwarztaxen vertrieben ~ also entweder wird man nach Ankunft beschissen oder ausgeraubt.

Man sollte sich unbedingt abholen lassen und der Jenige, den ICH kenne, zeigte sich ob meines Anrufes hocherfreut. Lange nix voneinander gehört – wir sollten uuunbedingt reden.

“FaceTime?” – “Wir Ukrainer skypen lieber.”

*seufz*

Skype musste ich mir erst aus dem Netz pumpen, dann aber erfuhr ich viel Neues aus der Ukraine:

Es ist wiedermal Krieg. Krieg mit Russland. Weil wir nicht in die Zollunion wollen. – Wir wollen lieber in die EU – Du wirst es erleben: Bald ist die Ukraine ein privilegierter Partner der EU! – Und Julia wird bald in Berlin behandelt werden, in der Charité – weil sonst die Ukraine nicht in die EU aufgenommen werden kann…”

Ich höre zu und denke:

@??? – @??? – @??? – @??? – @??? – @??? – …

Jedenfalls wird mein Kumpel nun bald zum dritten Mal Großvater, diesmal von jenem Sohn, von dem er früher dachte, er sei schwul. SEINER FIRMA GEHE ES GUT – und zwar so gut, dass er seinem jüngsten Sohn eine schicke Wohnung kaufen konnte, für 80.000 Dollar.

Und: Ob ich nun bitteschön so nett sein könne, einmal seine Homepage zu gucken, um ihm zu sagen, was man besser machen könne … – was er so stolz sagte dass es klang wie:

“Sieh es dir an – besser kann es nicht sein!”

Also setzte ich mir die Brille auf:

abm-ua

ABM heißt eigentlich AWM. Ein kyrillisches W wird B geschrieben – Meinem Bekannten gehört die “Autoakademie der fahrerischen Meisterschaft”. An dieser Akademie kann der Jenige, der bereits in Besitz eines Führerscheines ist, das Autofahren erlernen.

~~~

Zwei Stunden kommentierte ich Stil, Sprache, Format, Schrift, Bilderauswahl – bis er mich unterbrach:

“Gibt es etwas, was dir gefällt?”

aphorismus“Mir gefällt, dass zwischendurch Aphorismen eingestreut sind, ABER du solltest unbedingt auf den Inhalt der Sprüche achten. Man muss auch nicht unbedingt “Aphorismus” über einen Aphorismus schreiben, und die Quelle sollte schon angegeben werden, also: wer das gesagt hat.”

Bei der Gelegenheit erschien mir ein alter Witz:

“Da habe ich meine Schuhe zum Schuster gebracht, da hat der sich die genau beguckt und gesagt: Sie brauchen nur neue Sohlen, neue Absätze und ringsrum neues Oberleder – die Schnürsenkel sind noch gut.”

Derweil mir aber auch einfiel, dass der von mir kritisierte Homepagebesitzer meine Lara vom Flughafen abholen soll, mittenindernacht, und so fasste meine Kritik mit den Worten …

“Aber im Großen und Ganzen ist es eine großartige Homepage. Wohl eine von den besten der Branche.”

… zusammen.

~~~

Wer von meinen Lesern bis hierher gekommen ist, wird nun mit einer Tasse Kaffee belohnt:

belohnung

Die Komik danach

Alles ist vorbei und ich habe das Bedürfnis einfach einmal “raus” zu gehen. Irgendwohin weg. Nur um allein zu sein. Allein-allein. Total allein.

Doch das Bedürfnis nach Einsamkeit – Единочество* – ist einer Ukrainerin nur schwer zu vermitteln. Also denke ich mir hilfsweise fiktive, mich begleitende Umstände aus:

“Du Lara, wir wollen uns heute treffen, ein paar Jungs und ich …”

Sie guckt als wüsste sie Bescheid, sagt anteilnehmend “schon gut” und spricht ausgerechnet in diesem Moment den nervigsten Satz aller nervstmöglichen Sätze:

“По этому поводу есть анекдот…”

Auf Deutsch: “Zu diesem Anlass gibt es eine Anekdote.”

*kurz nachgedacht*

Ja! Stimmt – Anders kann man diesen Satz tatsächlich nicht übersetzen ~ @und doch ~ …

Deutsch ist nicht gleich Deutsch. Dieser Satz ist mit dem Spruch “grüner wird’s nicht mehr” an deutschen Ampeln zu vergleichen. Inflationsmist sozusagen.

Aber so sind Osteuropäer: Erklären sich die Welt in Anekdoten. Was dem Deutschen die Regel, ist dem Ukrainer der Witz.

По этому поводу есть анекдот” – hier also der zugehörige Witz, in welchem sich ein Mann von seiner Frau verabschiedet.

“Du Frau, wir wollen uns heute treffen, ein paar Jungs und ich …”.

“Gut, aber du kommst mir unbedingt nüchtern nach Hause!”

“Einverstanden und tschüss! – <pause>…</pause> – Wir sehen uns also frühestens übermorgen?”

————–

* Единочество – schwer zu übersetzender Neologismus, welcher in der russischen Sprache Einzigartigkeit und/oder Einigkeit (Единство) mit Einsamkeit (Одиночество) verbindet.

Salär nach Kiewer Art

… schreibe ich und zögere dabei.

Etymologisch geht Salär nämlich auf das französische “Salaire” zurück, welches seinerseits auf das Lateinische “salarium” (Salzration) zurückzuführen ist.

Immerhin war Salz früher von hohem Wert, vor allem als Konservierungsmittel. Römische Legionäre – weiß die Wikipedia – erhielten einst einen Teil ihres Lohns als Salzration ausbezahlt, und seither wurde die Vokabel “salarium” beibehalten. Auch als keine Entlohnung in Naturalien stattfand.

Was ich gestern bekam, ist das Gegenteil von Salär – supersüßer Tortenplemps nach Kiewer Art:

Kiewer Torte bei uns im WohnzimmerKiewer Torte (Wikipedia)

Aber ich wollte ja nichts. Und wer nichts wollte, hat keinen Grund zur Reklamation

<ironie>
Bist du aber wieder aphoristisch!
</ironie>

Jedenfalls jammerte mir ein Kumpel aus der Ukraine die Ohren voll, wegen einer popeligen Betriebskostenabrechnung. Und ich seltendämlicher Hornochse setzte diesem Jammer ein DAS-IST-DOCH-ÜBERHAUPT-KEIN-PROBLEM entgegen und einige Tage später stand eine Kramkiste auf meinem Schreibtisch mit chaotisch “abgelegten” Belegen, die zu sortieren eine Woche dauerte.

Einmal begonnen ~ na und so weiter.

Gestern war alles fertig und der ukrainische Strahlemann übergab mir eine Torte Kiewer Art, was das Aller-Aller-Allerletzte ist, für einen Menschen, der mühsam sich schindernd nahezu 20 Kilo abnahm, was – wer das Grenzland kennt, weiß wovon ich schreibe – Jahre gedauert hatte. Oder für einen, dessen Gattin schlank und stets auf ausgewogene Ernährung achtet. Und: – füge ich hinzu, weil ich es für wichtig halte – meine End-Gesundheit ist immer noch nicht vollbracht.

~~~

Einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul und Essen sollte man nie grundlos wegwerfen. Von nun an wird jeder unserer Besucher genötigt, ein Stück Kiewer Torte zu probieren, obawill-odanich.

Typisch-ukrainischer Lohn: wer nichts will, bekommt auch nichts.

Die Kaminersche Prophezeiung

Am 11. April 2013 schrieb ich andernorts folgendes Posting:

Russische Frauen

Ich pumpte mir Olga Kaminers gleichnamiges Buch aus dem Netz. Heute zitiere ich meiner Frau daraus:
… Besonders in Deutschland, wo die Gesetze gegenüber den Fahrern sehr streng sind, musste die Russische Frau ihre ganze Kunst des Verführens in Gang setzen, um dennoch einen Führerschein zu bekommen.
… sind fast alle meine Freundinnen bei ihren ersten Fahrprüfungen durchgefallen und mussten mehrmals von vorne ….
… ich selbst hatte vier Fahrlehrer.
… Wenn sie (= Olgas Freundin) nach Hause fährt, steigt sie aus dem Wagen, lässt die Warnblinker leuchten und ruft ihren Mann an. …

Lara nickt.

“Ja, diese Russinnen. Noch nicht einmal Autofahren können sie…”

Hahaha – die Pointe ist ein doppelter Insidergag. Erstens ist Lara keine Russin, sondern Ukrainerin ~ ein Unterschied, der in der Westukraine so groß ist, wie der von Schalke und dem BVB ~ und zweitens entstand der Witz unmittelbar nachdem sie die theoretische Prüfung aus dem Stand heraus gemeistert hatte und wir – im Wissen um Laras Fahrkünste – den Praxistest für eine Formsache hielten.

Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte, denn in der ersten Prüfung fuhr sie dem DEKRA-Gutachter zu “hexisch”, was nichts anderes bedeutete als “ukrainisch-selbstbewusst”.

In der zweiten Prüfung geriet sie durch eine Frau am Steuer in eine gefährliche Situation, war dabei allerdings im Recht, denn sie hatte die Vorfahrt – aber die hätte sie nach Urteil des Gutachters der anderen Frau lassen sollen. Der Frau die am anderen Lenkrad selbige nicht beachtete. Unschuld hin oder her – MAN MUSS IN DEUTSCHLAND DEFENSIV FAHREN – die Prüfung ward abgebrochen.

Nun, mit dem dritten Anlauf, hat sie bestanden.

Was sie nicht unkommentiert lassen kann:

“Ich möchte diesen Prüfer einmal in Kiew defensiv Autofahren sehen. Im Berufsverkehr. Ich würde wetten: Wenn er dort genauso fährt wie er hier lehrt, kommt er nie von einem zum anderen Ufer des Dneprs.”

In der Ukraine defensiv Auto fahren zu wollen ist eine Vorstellung, die auch mich schmunzeln macht.

Der Samenspender

Offenbar kann ich relativ gut Deutsch, was mich innerhalb meiner Community zu einer Sonderheit macht. So werden sprachgebundene Dienstleistungen aus reiner Freundschaft oder Nächstenliebe geradezu von mir erwartet.

“Kannst du mir nicht mal … ?”

*seufz* Schon sitze ich da, schreibe an irgendeine Behörde, an eine Inkassogesellschaft oder eine an Wohnungsverwaltung.

“… Wollen mir verbieten Sputnik-Antenne dann Sie gucken bitte Grundgesetz. Stehen geschrieben in Art. 5 Abs. 1

“Jeder hat das Recht … sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten”

Sie wissen müssen: mit Schüssel kann man kasachische Sender empfangen, mit Steckdose nicht. Ich aber müssen gucken Heimat, wo Mama noch leben und wo alle meine Würzel. Und ich DÜRFEN gucken weil gibt Deutsches Grundgesetz. Niemand mir verbieten Information.”

Wobei ich entdecke, dass mir das von den Deutschen erwartete Migranten-Deutsch (das Guckst-Du-Deutsch) ebenfalls gelingt. Es ist wie eine zusätzliche Sprache und macht in solchem Zusammenhang sogar Spaß.

Doch jeder erfüllter Wunsch gebiert Nachwuchs. Wie eine Laborratte. Siehe da: Ritsch-ratsch ist man in die abenteuerlichsten russisch-ukrainisch-kasachischen Geschäftsideen involviert, alles NUR WEIL MAN DEUTSCH KANN.

Als ob sich Götter balgen. Einer von denen gibt die Gabe, Deutsch zu können, der andere lässt den Helden damit nur Blödsinn machen.

(Das “Kassandra-Gleichnis” schiebe ich in die Wiedervorlage.)

ALSO: Gestern erreichte mich erneut eine Anfrage. Ob ich nicht nicht einmal bitte anrufen könne, die Frau am anderen Ende der Leitung verstehe kein Russisch und spreche leider nur Deutsch. Obwohl aus Charlottenburg. Und überhaupt: Ohne meiner Hilfe käme man nicht zurecht.

So erfahre ich von einem sexuell aktiven Kater, der sich wunderbar als Samenspender eignen würde. Als Call-Cat sozusagen …

 

Kleiner Joke am Wegesrand:

kater

 

… als Strich-Kitty oder als Katzenbock.

Sofort weiß ich, worauf das Ansinnen hinausläuft: Werde ich diesem Ukrainer einen klitzekleines Fingerchen geben, werde ich ob des Fehlers einige Male hin und her telefonieren – mindestens so lange, bis sich die beiden Züchter endlich einig sind. Später werde ich den mauzenden Gigolo nach Berlin zu transportieren haben – weil ich nicht nur Deutsch kann, sondern auch noch ein Auto habe – wobei mir der blöde Stricher in Panik auf die Sitze pinkeln wird. Dann hält sich einer von beiden nicht an die Vereinbarung, wieder muss ich ran und läuft alles bestens muss ich mich “treffen”, um Wodka zu trinken, die Sache “abzuwaschen” …. – @ch, wie gruselig!

ALSO SAGE ICH SOFORT “NEIN!”

Was diesen Ukrainer winseln macht.

“… aber warum willst du es nicht machen?”

Ganz einfach: Weil ich nicht muss.