Das schicke Wischding

16. Tag, tea time

Vor vierzehn Tagen:

“Und? Was wünscht du dir zum Geburtstag?”

“Ich möchte bitte ein Wischding.”

* * *

Heute hat Granny Geburtstag, heute bekommt sie ein “Wischding”.

Ihr neues Wischding ist auf neuestem Stand, ausgestattet mit iOS 7.1..

Wobei ich bei dieser Feier eher beiläufig entdecke, dass das Dazuzugehören ein kultureller Wert ist. Die Oma beobachtet, wie Menschen insbesondere an Haltestellen Smartphone gucken, wie sie mit Fingern über Displays wischen und will es auch. Wenn alle wischen, muss es irgendwie cool sein.

Natürlich gibt es keine Kompromisse: Sie will genau solch ein Wischding, wie es “alle” haben, “wie du und deine Frau”.

@???

Siehe da: es macht sie glücklich.

Lara pumpt ihr auch noch am Kaffeetisch WhatsApp aus dem Store und ein Pling-Plang-Plong später lese ich Grannys Message:

“Hey there! I am using WhatsApp.”

Wäre Granny Kanzlerin, würde “Wischding” zum Geflügeltem Wort – wäre ich Kanzler, hieße jedes Wischding “Kommunikator”.

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Erste Mahler

11. Tag

“Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.”

Alte Mühlenweisheit.

Es ist zugleich auch das Erste, was mir heute, beim Sichten des ersten Wahlplakates, anlässlich der anstehenden Brandenburger Kommunalwahlen einfällt.

buerger

Wer zuerst kommt, gewinnt die meiste Aufmerksamkeit und ich gebe zu: Eigentlich wollte ich mich über diesen Verein lustig machen, bzw. über dessen Claim. “Bürger ins Rathaus wählen!” – Ja was denn sonst? Untote vielleicht? Filz?

Besser ein Bürger als ein Würger!”, texte ich, gucke im weltweiten Netz nach, was die Bürger wollen und – Chapeau! – diese Partei verfügt – entgegen meinem Vorurteil – über eine ziemlich coole Homepage.

Laut Impressum ist die Präsentation von einer Firma namens VCAT Consulting – High Quality Web Solutions programmiert wurden, welche ihrerseits – offensichtlich – gut programmieren kann, aber – das ist der Gram eines jedes Migranten, der etwas Deutsch kann – sich offenbar nicht auszudrücken versteht:

“… Neben der Konzeption der Datenbank programmieren wir Webseiten, die die Daten aufbereitet visualisieren bzw. die die Eingabe von Daten ermöglichen. …”

“Die-die-Da”, “die-die-Ei” ~ Der Text ist Nonstop Nonsens.

Öhm ~ was war noch mal das Thema?

Gassi, Wahl und Programmierung – ~ …

Es geht jetzt wieder los!

Gequirlte Wahrheit

Sonntag. Zeitig. Telefon.

Lara und ich:

“Priwet. Nu? – Как дела? Was macht Kiew?”

Eine Freundin, habe sie dort getroffen. Ein Bekannter lässt “schön” grüßen. Dies und jenes. Rhabarber-Rhababer. Alles schick.

“Und wie läuft es in Deutschland so?”

Supi natürlich. Dies und jenes. Ihre Freundin Sonja hat nun eine neue Telefonnummer.

“… du sollst UNBEDINGT zurückrufen, wenn du wieder in Deutschland bist, auf ihrer neuen Nummer.”

Das Wetter in Tschland ist herrlich. Der gelb-goldene Monat klang am Donnerstag mit Sonnenschein aus, Halloween, Reformation,

“… und “Листопад” – “der Monat der fallenden Blätter” – knüpft diesjahr hierzulande wettertechnisch am Gelben an. – Weißt du, Lara, wenn ich in Deutschland was zu sagen hätte, als erstes würde ich die Monate umbenennen. Immerhin ist der Deutschen Bezeichnung “November” – was ja “neunter Monat” bedeutet – so falsch, dass es fälscher nicht gehen kann. Vielleicht sollte man einmal im Internet alternativ für November den Namen “Monat femininer Erregung” zur Diskussion stellen? – Alles ist so feucht …”

Lara kennt mich und die Menschen. Wer viele Worte macht, drückt sich vor einfacher Wahrheit. Also unterbricht sie mich mit einem einfachen, klaren und unmissverständlichen russisch-administrativen “NU?” ~ was mich wiederum leicht ins Trudeln bringt:

“Ja. Also. ~ Kurz und knapp: Ich habe mir inzwischen einen neuen Akkumulator gekauft, kaufen müssen, welcher viel-viel länger hält als der alte. Der war ja auch kaputt, wie du weißt. – UND: Gespart habe ich dabei, weil: ich brauchte kein Geld für die Reparatur ausgeben, keinen Cent, eine Telefonfunktion ist am Akku mit dran. Sogar Musik, ein Fotoapparat und ein Notizbüchlein, ein digitales …”

Jedenfalls hat sie schmunzelnd die Kröte geschluckt. Wohl wissend, dass ich so etwas brauche.

Wer hörbar schmunzelt, kann zornig nicht sein.

Das Kommunikationsdilemma

Gute Filme sind sehr nachhaltig und ich bin heute verkatert.

Heute denke ich nach und weiß vorerst noch nicht, wieso mir gerade jetzt der 1943er Münchhausen-Film einfällt (Der mit Hans Albers in der Hauptrolle).

münchhausen1943Die Handlung dieses Münchhausen-Films (Drehbuch Erich Kästner) weicht von der literarischen Vorlage ab. In diesem Film warnt Baron Münchhausen den Zauberer Cagliostro vor einer drohenden Verhaftung und erhält dafür die ewige Jugend.

Der reiche Lohn gerät zum Dilemma: Münchhausen bemerkt sehr bald, dass ewige Jugend nicht viel nützt, wenn man allein damit ausgestattet ist. Wenn nämlich alles, was lieb und teuer ist – wie die geliebte Frau, wie der Freundeskreis, wie die Gesellschaft an sich – einfach so vor sich hin altert, wie es ja auch seine Richtigkeit hat.

Schließlich hat der Film-Baron seine ewige Jugend satt, gibt diese freiwillig zurück, altert schlagartig und wird endlich glücklich. Nun endlich kann er mit seiner Frau alt werden und ich weiß jetzt – gottseidank – wieso mir diese Film einfällt.

Die Themen der Anderen sind andere Themen. In meinem Alter gibt es nur wenige Nerds – dafür aber zich Krankheiten, zahlreiche Klassentreffen und langweilige Geschichten. Wie die von damals, als die linkselbischen Gebiete noch nicht “dazu” gehörten und jede Bockwurscht nur 85 Pfennje kostete. Derer Zeitrechnung: vor der Wende – nach der Wende, gute Zeiten – schlechte Zeiten.

Irgendwann wird man mit ewiger Jugend zum einzigen Menschen mit Telefon: Man könnte zwar kommunizieren, kann es aber nicht.

Niemand nimmt den Hörer ab.

Jedenfalls bin ich ziemlich verkatert, gleichwohl glücklich, Nichtraucher zu sein, (omg! wie hat man früher nach solchen Suff-Exzessen gestunken!) und getragen von der großen Sehnsucht, endlich auch einmal mitwinseln zu können. Wann werde ich endlich einmal von Hämorriden geplagt?!

IP-basierte Pädagogik

Was besser oder schlechter ist, sollen andere entscheiden – aber ich empfand es lange Zeit als furchtbar, wie sich Russen am Telefon melden. Nämlich “Алло!” und sonst nix.

Manchmal verzichten Russen sogar auch noch auf eines der beiden “л” und sagen statt Begrüßung einfach nur “Ало!”, was klingt, als würde man sie zeitgleich würgen.

Demgegenüber steht deren extrem freundliches “Вас беспокоит …” – “Sie werden beunruhigt von …” – in der Anrede der jeweiligen Anrufer.

Deutsche dagegen, geben ungefragt Interna preis. Deren Telefon klingelt, sie wissen nicht, wer sie anruft, doch jeder potenzielle Schurke kann bereits vor jedem Gespräch wissen: Er ist bei einer Familie Schniedelmeier gelandet, und wer von denen am “Apparat” ist.

~~~

Binational leben heißt, sich entscheiden zu dürfen. Das Beste an Gewohnheiten beider Seiten anzunehmen.

So melde ich mich entweder mit einem Ort (z.B. “Arbeitszimmer”), mit einem Zustand (z.B. “mitten im Chaos”), geografisch (z.B. “Abendland”) oder scherzhaft (z.B. “Herz-Schmerz-Notdienst”) – egal wie, aber immer anders ohne konkret zu werden.

Demgegenüber stelle ich bei eignem Anruf eine ausführliche Vorstellung der eigenen Person voran:

“Sie werden derzeit vom immer gutgelaunten XXX* beunruhigt …”

Oder so ähnlich.

Inzwischen rege ich mich über nichts mehr auf, auch wenn ein Russländer die Begrüßung auf “Ало!” reduziert. Über gar nichts, ich bleibe immer ruhig. AUSSER WENN EIN ANRUFENDER TEILNEHMER DIE CLIP-FUNKTION DEAKTIVIERT HAT.

Das empfinde ich als extrem unhöflich!

Bisher ließ ich solche Anrufe links liegen oder nahm sie an, und bevor der andere zu Wort kam, musste er sich meine Meinung anhören.

Nun hat die T-Elekom dieses Problem gelöst. Der Anschluss ist neuerdings IP-basiert, was bedeutet, dass uns für unser T-Elefon drei Nummern zur Verfügung stehen, von denen wir zwei über die selbe Leitung parallel – also gleichzeitig – nutzen können. Wobei sich darüber hinaus zahlreicher Schnickschnack einstellen lässt. “VERBORGEN” oder “UNTERDRÜCKT” kann man auf den Anrufbeantworter schicken, sogar ohne dass es tutet.

Und: “Ich könnte auch manche Freundin auf die Schwarze Liste setzen”, denke ich und reibe mir die Hände. Manche Option macht wirklich froh –~-~ doch “könnte” ist nicht werde”.

* Anmerkung: Ich habe aus gegebenen Anlass den eigenen Namen verpixelt. Ihr dürft mich “Alex” nennen. Alex mag ich, weil Alex so schön nach Berlin klingt.