Das Stonehenge-Verhalten

17. Tag

Nachbereitung:

“Hast du gesehen, der Mann hilft seiner Frau nicht aus dem Mantel?! – Er kümmert sich auch nicht um sie, legt ihr Kuchen nicht auf den Teller und (für eine Ukrainerin schwer vorstellbar) erzählt öffentlich über die Missgeschicke der Gattin. ~~~ Sind beide wirklich Mann und Frau ein und der selben Familie?”

“Deutsche sind so”, erkläre ich ihr. Der Wunsch, sich zu paaren, bringt Deutsche zusammen, deren Steuergesetzgebung lässt sie aneinander kleben bleiben. Wie Fliegen an der Klatsche. Den Deutschen ist der oder die Einzelne alles, die Gemeinschaft nichts.

“Der Starke ist am mächtigsten allein” dichtete Friedrich Schiller, was im Übrigen auch Adolf Hitler in “Mein Kampf” …

Sie unterbricht scharf:

“Soll das etwa modern sein?”

Eine Frage, die provoziert.

“Nein! – Modern ist das nicht!”

Gewisses Verhalten ist viel-viel älter als man vermutet. Wie Stonehenge exemplarisch beweist: 3000 Jahre vor unsere Zeitrechnung trafen sich hier, an Stonehenge, Menschen zum Vögeln, feierten dabei auch noch ein Riesenfest und gingen schließlich auseinander.

Die Stonhenge-Menschen verhielten sich modern und ur-menschlich zugleich, wogegen man die Ehe, mit aller mit ihr einher gehenden Verlogenheit, erst viel-viel später erfand. Und zwar nach der Erfindung des Wortes “Meins”.

“Meine Frau, mein Haus, mein Pferd …” –

Meins macht einsam, Meins erfand Gott.

Es ist mein Lieblingsthema. Immer wieder könnte ich mich bei der Analyse menschlicher Abgründe “rein”steigern. Das Böse ist normal, das Gute die Ausnahme.

Wäre es umgedreht, würden die Neandertaler heute noch leben, gleichberechtigt neben uns.

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Total egal

11. Tag, in den Abendstunden

Wir spazieren durch die Abendstunden, derweil mein Phon erklingt. Ich sehe eine unbekannte Nummer im Display, höre:

“Priwet-priwet. Hier spricht Nikolai. Ein gewisser Herr Strelnikow gab mir Ihre Telefonnummer. Können wir uns vielleicht treffen? Am kommenden Dienstag? In Berlin?”

“Wer ist es denn?” fragt mich Lara von der Seite.

Ich halte das Mikro zu und flüstere:

“Es ist ein gewisser Nikolai. Er will sich mit mir treffen.”

Es ist komisch zu flüstern, wenn das Mikrophon bereits zugehalten ist. Menschliche Reflexe reagieren langsam auf die Technik der Neuzeit.

Gleichwohl fällt mir ein, dass am Dienstag vielleicht das Auto in einer Werkstatt oder beim Sergej, dem Wundertäter, ist. Vielleicht – überlege ich – könnten wir beide uns am Dienstag vor der Fahrt nach Berlin in Potsdam treffen? Könnten so eine Fahrgemeinschaft bilden? Sollte er aus dem Süden oder Westen nach Berlin fahren, könnte ich irgendwo zusteigen.

“Wo kommen Sie her?”, frage ich.

“Ich komme aus der Ukraine”, antwortet Nikolai.

Auch Lara, die zwar meine Frage hörte, nicht aber die zugehörige Antwort, will wissen woher der Anrufer kommt.

“Und? Woher kommt er?”

Wieder halte ich die Sprechmuschel zu, repetiere Nikolais Antwort, allerdings in der dritten Person:

“Er kommt aus der Ukraine.”

Damit gibt sie sich nicht zufrieden.

“Aus der West- oder aus der Ostukraine?”

“Aus der West- oder aus der Ostukraine?”, frage ich reflexiv und höre:

“Eigentlich sollte UNS das doch egal sein!”

Wieder halte ich die Sprechmuschel zu.

“Er kommt aus der Ostukraine”, sage ich.

Jetzt guckt Lara, als würde sie sagen:

“Schade zwar, aber eigentlich kann uns das egal sein”.

ABM ukrainisch

Lara (muss|will) nach Kiew und der Jenige – ich mag diesen Sprachjoke – , der sie sonst abholt, hat inzwischen sein Auto verkauft.

Der ukrainische ÖPNV – Общественный транспорт – ist unzumutbar, die Normaltaxen werden am Kiewer Flughafen oft von Schwarztaxen vertrieben ~ also entweder wird man nach Ankunft beschissen oder ausgeraubt.

Man sollte sich unbedingt abholen lassen und der Jenige, den ICH kenne, zeigte sich ob meines Anrufes hocherfreut. Lange nix voneinander gehört – wir sollten uuunbedingt reden.

“FaceTime?” – “Wir Ukrainer skypen lieber.”

*seufz*

Skype musste ich mir erst aus dem Netz pumpen, dann aber erfuhr ich viel Neues aus der Ukraine:

Es ist wiedermal Krieg. Krieg mit Russland. Weil wir nicht in die Zollunion wollen. – Wir wollen lieber in die EU – Du wirst es erleben: Bald ist die Ukraine ein privilegierter Partner der EU! – Und Julia wird bald in Berlin behandelt werden, in der Charité – weil sonst die Ukraine nicht in die EU aufgenommen werden kann…”

Ich höre zu und denke:

@??? – @??? – @??? – @??? – @??? – @??? – …

Jedenfalls wird mein Kumpel nun bald zum dritten Mal Großvater, diesmal von jenem Sohn, von dem er früher dachte, er sei schwul. SEINER FIRMA GEHE ES GUT – und zwar so gut, dass er seinem jüngsten Sohn eine schicke Wohnung kaufen konnte, für 80.000 Dollar.

Und: Ob ich nun bitteschön so nett sein könne, einmal seine Homepage zu gucken, um ihm zu sagen, was man besser machen könne … – was er so stolz sagte dass es klang wie:

“Sieh es dir an – besser kann es nicht sein!”

Also setzte ich mir die Brille auf:

abm-ua

ABM heißt eigentlich AWM. Ein kyrillisches W wird B geschrieben – Meinem Bekannten gehört die “Autoakademie der fahrerischen Meisterschaft”. An dieser Akademie kann der Jenige, der bereits in Besitz eines Führerscheines ist, das Autofahren erlernen.

~~~

Zwei Stunden kommentierte ich Stil, Sprache, Format, Schrift, Bilderauswahl – bis er mich unterbrach:

“Gibt es etwas, was dir gefällt?”

aphorismus“Mir gefällt, dass zwischendurch Aphorismen eingestreut sind, ABER du solltest unbedingt auf den Inhalt der Sprüche achten. Man muss auch nicht unbedingt “Aphorismus” über einen Aphorismus schreiben, und die Quelle sollte schon angegeben werden, also: wer das gesagt hat.”

Bei der Gelegenheit erschien mir ein alter Witz:

“Da habe ich meine Schuhe zum Schuster gebracht, da hat der sich die genau beguckt und gesagt: Sie brauchen nur neue Sohlen, neue Absätze und ringsrum neues Oberleder – die Schnürsenkel sind noch gut.”

Derweil mir aber auch einfiel, dass der von mir kritisierte Homepagebesitzer meine Lara vom Flughafen abholen soll, mittenindernacht, und so fasste meine Kritik mit den Worten …

“Aber im Großen und Ganzen ist es eine großartige Homepage. Wohl eine von den besten der Branche.”

… zusammen.

~~~

Wer von meinen Lesern bis hierher gekommen ist, wird nun mit einer Tasse Kaffee belohnt:

belohnung

Ethnische Smileys

Plötzlich sah ich im Netz ein neues Smiley ~:{ und begriff sofort dessen Bedeutung – ISCH BIN UKRAINA – was im Kontext zur vorangegangenen Aussage dreifach lustig ist.

Dergestalt angeregt googelte ich, ob es vielleicht ähnlich eindeutige ethnische Smileys gäbe, stellte schließlich die Frage in einem russischen Forum, dessen User nun angeregt sind – immer noch übrigens! – ein Smiley für Deutsche zu finden oder zu entwickeln. Mit absonderlichen, skurrilen und teilweise auf Verletzung zielenden Ergebnissen, wie:

hitler-smiley

Dumm gelaufen.

Dass Adolf Hitler ein Österreicher war, wissen viele Russen nicht.

Auch kennt man dortzulande nicht die wahre Seele der Deutschen, deren Urahn ein Polizist gewesen sein muss, ein Ordnungsamtler oder ein Hinweisschild.

Andererseits: Welcher Deutsche erkennt schon bei

~:{

den Ukrainer?

~~~

Nebenbei fand ich die Geschichte von der Erfindung des Smileys, von der ich finde, dass sie nie in Vergessenheit geraten sollte und die ich daher nacherzähle:

Irgendwelche Physiker witzeln über ein fiktives Experiment: Eine Kerze brennt an einem Wandhalter in einem Fahrstuhl, ein Tropfen Quecksilber liegt auf dem Boden.

„Das Fahrstuhl-Kabel reißt – was passiert mit dem Quecksilber?“

Informatiker greifen den Joke auf. Das Experiment habe wohl tatsächlich ein Physiker gemacht, denn der linke Fahrstuhl in ihrem Gebäudetrakt sei „mit Quecksilber verseucht“, es gebe auch „leichte Brandschäden“.

Das war im Jahre 1982. Ein “Witz”, der seiner Zeit voraus war und den nicht jeder verstand. Wie in “The Big Bang Theory” heute.

“Hier handelt es sich nicht um ein tatsächliches Problem”, stellte also ein Informatiker knochentrocken fest und begründete eine “sehr profunde, sorgfältig argumentierte, extrem engagiert geführte” und sich heute unglaublich komisch zu lesende Debatte über das richtige Symbol für Humor im Netz.

Zwei Tage lang kreißte der Berg, biss ein gewisser Scott Fahlman am 19. September 1982 lakonisch festhielt:

„Ich schlage die folgende Zeichen-Sequenz als Witz-Symbol vor: „:-)“. Lest es seitwärts.”

Gleichwohl vermerkte er:

„Es wäre angesichts des aktuellen Trends vielleicht ökonomischer, ernstgemeinte Beiträge zu markieren.“

~~~

Jedenfalls schlage ich nun vor, Ukrainer weltweit mit ~:{ zu markieren. Was einmal sehr-sehr wichtig sein könnte. Besonders wenn ~:{ unter Verträgen steht. (So kann jedermann gleich erkennen: Das ist nicht und war nie ernst gemeint.)

~~~

Nachtrag:

Passend – wie mir scheint – Mädels aus Usbekistan erklären russische und japanische Emoticons:

emoticon 04emoticon 01

Weitere Smiley-Bilder kann man durch Anklicken sehen.

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Quellen:

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/133/ich_bin.html

http://designyoutrust.com/2013/07/ladies-from-uzbekistan-bring-japanese-emoticons-to-life/