Natural (Re-)Redirection

(17:12 Uhr) Nun komme ich – endlich – nach Hause, werde von Hund und Frau freudig begrüsst und …

* * *

… wir gehen bereits seit fast drei Stunden spazieren.

(19:46 Uhr) Inzwischen wird es langsam dunkel, in wenigen Minuten beginnt Fußball im Zweiten TV-Programm, ein Länderspiel, Deutschland-Polen, – derweil ich, respektive: WIR, am Grunewaldsee sitzen, spielen, toben und quatschen, quatschen, quatschen, quatsch…

„Ersatzhandlung“, fällt mir plötzlich ein.

Früher hätte ich mir in gleicher Situation wahrscheinlich eine Flasche Bier aufgemacht (und|oder) vorsorglich den Wodka aus dem Gefrierfach geholt, Lara würde meinen Freunden ihre fantastischen Salate präsentieren, die Sakuski, 100 Gramm – Trinkspruch – Zigarette an – Fernseher laut …

Alles Irdische ist mir derzeit fremd.

Wozu auch? Die Natur liefert mir frische Luft, der Hund Dankbarkeit und unser kleines Glück ersetzt das allgemeine Kunstglück. Ein superschnelles Internet am See wäre natürlich das Sahnehäubchen, aber alles Glück auf einmal zu haben, geht ohnehin nie.

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Hundeplatzgleichnisse

43. Tag am Nachmittag

Asti gerät in Streit mit einem kastrierten Rüden, macht dem anderen – obwohl dieser gleichwohl größer wie stärker – die Rangordnung beim Beschnüffeln einer lecker riechenden Hündin klar: Eunuchen haben sich gefälligst hinten anzustellen!

„Voll verständlich“ – meine Meinung.

Die Sichtweise des zum Kastraten gehörenden Frauchens ist eine andere: Sie glaubt ihren kleinen Eunuchen schützen zu müssen und brüllt mich an:

„Rufen Sie gefälligst Ihren Hund zurück!“

Ich bleibe entspannt. Sehe überhaupt keinen Grund einzugreifen, zumal „meiner“ kleiner und optisch schwächer scheint. Statt Rückpfiff versuche ich die fremde Frau zu beruhigen.

„Lassen Sie die Hunde doch. Beide klären das untereinander besser als wir das können. Zumal die Hündin – der Grund der Streitigkeit – bereits weg ist.“

Bereits nach den beiden Worten „Lassen Sie …“ verändert sich ihr Gesicht. Ich beobachte aufkommendes Entsetzen im Gesicht gegenüber.

Diese Frau weiß zunächst offenbar nicht, was zu tun wäre. Beobachtet einige Sekunden die sich streitende Hunde und knallt mir anschließend DIE Frage aller Fragen an den Latz:

„Ist Ihrer etwa nicht kastriert?“

Das kleine Etwa bringt nun wiederum mich auf die Palme.

Glaubt die Doofe etwa, man MÜSSE Hunde kastrieren? Wie furchtbar grausam können wir Menschen eigentlich sein?! Wir heißen offenbar Tierquälerei für normal!

Dagegen ist jede Kastration in meiner maskulinen Vorstellung eine DE-Emotionalisierung. Eine Entfühlung sozusagen. „Die“ weiß wohl nicht wie schön das ist?

Welch Glück, dass „meiner“ hört. Fakultativ und unentmannt.

„Komm Asti, wir gehen“, sage ich und wir gehen ab.

* * *

Nachdenkend fällt mir auf: Die Leine ist das am besten geeignete Symbol, die Beziehung einer Frau gegenüber derer sozialen Umwelt zu beschreiben, Kastration eine inzwischen „normal“ gewordene feminine Maßnahme zur Unterordnung – ein bedenken- und bewusst gedankenlos angewandtes Verbrechen.

Feminine Logik

40. Tag

Vormittags. Park Babelsberg. Ich mit Hund.

Am Kindermannsee sitzt eine Frau, ebenfalls mit Hund, die, nachdem sie mich erblickt hat, sofort damit beginnt, wild zu gestikulieren. Dabei irgendwas zu rufen, was erst beim behutsamen Näherkommen entschlüsseln kann.

Erst dachte ich, sie bracht Hilfe, dann aber:

“Komm-se bloß nicht näher! Mein Hund verträgt sich nicht mit anderen.”

Dieser Logik folgend sollte man den Park schließen, wenn jenes Frauchen promeniert.

* * *

Nachmittags. Grunewald. Hundeauslauf.

Mitten im allgemeine Tohuwabohu freilaufender Hunde stolziert eine Dame mit angeleinter Hündin, welche – leicht zu erkennen – läufig ist. Die Dame versucht vergeblich die Rüden zu verscheuchen, die aufgrund der Hündin Duft Interesse zeigen und empört sich über die Rüden. Was – finde ich nun wieder – ein sich selbst kommentierender Vorgang ist.

* * *

Geschlechterquizz: Ist es vorstellbar, dass in einer der beiden von mir heute erlebten Situationen der jeweilige Besitzer männlich ist?

Das Unkenntnis-Fake

36. Tag, am Nachmittag.

Hund helfen Menschen, deren natürliche Distanz zu überwinden. So kommt man als Hundehalter (und|oder) –besitzer in Begleitung derselben deutlich rascher ins Gespräch.

“Ja, wir sind öfters hier”, sagt die schöne Frau und meint mit “wir” sich und ihren Hund.

In ihrem Satz höre ich russischen Akzent und habe ein Thema:

“Höre ich da etwa russischen Zungenschlag?”

*ihr Kopf nickt*

“Oh ich liebe die russische Sprache. Wissen Sie was: Schon heute [sic!] werde ich damit beginnen, sie zu lernen. Sagen Sie mir bitte irgendeine russische Vokabel, die ich auf der Stelle lernen kann. Ich werde von da an zu Hause weitere hinzufügen.”

Sie sagt “собака” (gesprochen. “Sa-baka”, auf Deutsch: Hund), ich wiederhole mit der deutschesten Zunge “Sa-Ba-Ka” und mache dazu ein Gesicht wie ein Schneehase, der gerade eine Möhre erhält.

Nächste Woche sehen wir uns (vielleicht|wahrscheinlich|bestimmt) wieder. Dann *vorfreue ich mich* werde ich sie verblüffen. Mit sauberem Russisch und mit ohne Russisch-Akzent.

Ich werde vielleicht Puschkin zitieren:

Переводчики — почтовые лошади просвещения.

(Deutsch: Die Sprachmittler sind die Postpferde der Erleuchtung.)

Oder besser noch: Ich werde einfach einige der Passagen aus Eugen Onegin vortragen, die ich seit Kindheit kenne, dazu behaupten, ich habe das Poem zufällig entdeckt und nun – siehe da! – gefällt es mir auf Russisch sogar besser als auf Deutsch …. – oder-oder-oder…Ich werde im schönsten Russisch sagen:

“Natürlich verachte ich mein Vaterland von Kopf bis Fuß. Gleichwohl ist es mir aufs Äußerste zuwider, wenn ein Ausländer dieses Gefühl mit mir zu teilen versucht.”

* * *

Noch ist es nicht soweit, noch iss-se nich soweit. Noch denkt-se, ich sei ein einfach nur ein Angeber.

Frauenfragen

21. Tag

5:27 Uhr. Der Schlüssel zu Grannys Wohnung dreht sich im Schloss, der Hund schlüpft vorbei, in die Wohnküche und wird hier begrüßt. Doch anstelle von “Guten Morgen Asterix!”, wie es richtig wäre, stellt Granny dem Hund eine Frage.

“Na, wer kommt denn da?”

Absurd. Was soll ein Hund schon darauf antworten?

* * *

Manchmal wünsche ich mir, der Hund könnte gegenfragen.

“Ich bin es, der Asterix. Erkennst du mich etwa nicht?”

Einmal entdeckt und dies kombiniert mit Erfahrung, vermute ich, dass die Fragen der Frauen weit weniger auf Wissenserwerb gerichtet sind, als auf Rhetorik. Fragt Lara – zum Beispiel – “wieviel Zucker hast du eigentlich in den Kaffee getan?” will sie nie wissen, wieviel Zucker ich in den Kaffee tat, sondern sie will die Feststellung einleiten, dass ihr der Kaffee vor der Frage entweder zu süß oder nicht süß genug ist.

Unbewusst sammelt Mann Erfahrung. Sieht bereits die ersten Gewitterwolken bei einer Frage wie: “Hast du heute schon was vor?”, generiert Selbstschutz und scannt sofort alle mögliche Vorhaben. Derweil ein gewisse Ahnung Sträflingskleidung aus dem virtuellen Spind polkt, in Erwartung so genannter “schwarze Arbeit”.

Wahrscheinlich sind nach einer Hast-du-heute-schon-was-vor-Frage Löcher zu bohren oder es gilt irgendwas anzuschrauben.

* * *

Allerdings hat sie heute noch keine Frage gestellt, denn noch ist es 5:30 Uhr und noch schläft sie.

Sie wird mit einer Frage aufwachen, orakle ich. Mit einer wie die hier:

“Wo bleibt mein Kaffee?”

Das Horowitz-Glück

20. Tag

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-Moll, op. 31 – Volume 10, Wald und schönes Wetter. Ich kann mir nicht helfen, aber jedes Mal kommen mir zwischendrin Tränen, sogar unterwegs.

* * *

Als ich am Freitag das ungetüvte Auto abgab, sagte mein Freund beim Small Talk eher beiläufig:

“… und du kannst es ruhig zugeben: mit Hund hat sich deine Lebensqualität deutlich verbessert.”

Heute weiß ich: Mit ohne Auto ist das Leben auch recht schön. Man kann nämlich laufen, man kann darüber hinaus dazu den Wald nutzen, man kann sich einen Hund rufen, sich Ohrhörer ins Ohr stöpseln, Rachmaninow und siehe da: nach 40 Minuten ist man angekommen.

Inzwischen hat mich “Rach 3” süchtig gemacht. Hörte gestern die Interpretation von Lang Lang, heute laufe ich mit Horowitz – die beste bisher.

* * *

“Klavierspiel besteht aus Vernunft, Herz und technischen Mitteln. Alles sollte gleichermaßen entwickelt sein. Ohne Vernunft sind sie ein Fiasko, ohne Technik ein Amateur, ohne Herz eine Maschine.”
(W. Horowitz)

* * *

Großes Kino: Landschaft und Musik. DIESE MUSIK. Und natürlich:

“Es ist die Stille, die zählt, nicht der Applaus. Jeder kann Applaus haben. Aber die Stille, vor und während des Spiels, das ist das Größte.”
(W. Horowitz)

Russisch-deutsche Paradoxien

19. Tag

Es ist 4:30 Uhr. Hund und ich marschieren zum Kirchsteigfeld, der Kopf ist frei. Denke und bereite nach.

* * *

Gestern besuchte uns wieder einmal einer der vielen russischen Ratgeber spät abends und lies mich prompt spüren, dass mein Upgrade im Sozialverhalten – alles Ausredenlassen und das Zuhörenwollen – möglicherweise einer Revision bedarf. Gottes Sohn ist den Menschen ja schließlich auch mehr als Prediger im Gedächtnis geblieben als als Zuhörer.

<ironie>Nun endlich</ironie>, da das Auto bei einem Schrauber in Behandlung, kann mir jeder Russe, der des Weges daher kommt, sagen, wo man PKW-Ersatzteile noch viel-viel billiger bekommen kann und welcher andere Schrauber darüber hinaus bereit ist, für wenige Kopeken zu schrauben. Derweil der, den ich anheuerte, vermutlich nur mit sehr-sehr viel Euro zufrieden ist.

“Sergej in Grunewalde? Dass ich nicht lache! – Geh du nächste Mal zu Grigorij! Grigorij ist echte Experte, Spezialist und billig ohne Vergleich.”

Paradox: Diejenigen, die am meisten Ahnung haben, bauen in ihrer Heimat die schlechtesten Autos der Welt. Vor allem montags und nach Feiertagen.

Hast du einen Жигули (Schiguli) bekommen, der an einem 3. Mai erbaut wurde oder schlimmer noch: an einem 9. März – kannst du den gleich vergessen. Ein Rat zur Jugendweihe:

Hüte dich vor scharfen Frauen
Und Autos, die die Russen bauen.

Die alte Weisheiten aus der Stagnationsperiode sind heute immer noch anwendbar.

Ein weiteres Paradoxon: Das Land der besten Autoexperten verfügt über die schlechtesten Straßen Europas, wenn nicht sogar der Welt.

Derweil der typische Deutsche seine schicken Autos, die stets auf gepflegten Straßen unterwegs sind, einer Werkstatt überlässt. Mit dicken Angestellten, schweißstinkend, die sich mit solcher Arbeit lustlos ihren Lebensunterhalt verdienen, einmal Gucken für € 62,50 ~ …

Ich bin zwar durch und durch russifiziert, aber aus deutschen Material. Gegen Gene kommt man nicht an. So interessiere ich mich ausnahmsweise nicht für Automobiltechnik. Mein Auto ist einfach nur Abkürzung oder Hundebox auf vier Rädern.

* * *

Gestern hörte ich zu. Ließ ausreden. Fragte nach. Heuchelte Interesse. Der Gutmensch in mir praktiziert Vortragsfasten, verzichtet auf eigene Themen und langweilt sich immer öfter.