Frühlingsgefühle

Frühlingsgefühle sind offenbar bei alternden Menschen andere als bei jüngeren.

Während wir Alten den Frühling früher als Anfang einer großen linearen Unendlichkeit empfanden, als Aufbruch sozusagen, empfinden wir nun die selbe Jahreszeit als Fixpunkt eines virtuellen Hula-Hoop-Reifens, der darüber hinaus auch noch kurz vorm Fallen schneller zu werden scheint.

Hula Hoop beschreibt des Alten Kalenderrunde, darin den Frühling als kleinstes gemeinsames Vielfaches gewisser Periodizitäten. Verbunden mit Gefühlen, die plötzlich an “damals” denken lassen.

„Is This the Way to Amarillo?“, „komm gib mir deine Hand, denn heute feiern wir“, „Micha-ehe-la, aha!“ – So trifft man sich immer wieder gern und hat dabei den komischen Musikgeschmack von 1972 im Ohr.

Die große Ur-Liebe ist heute guter Kumpel, glücklicherweise, wohl weil damals aus den ersten Gefühlen nichts wurde. Denn wäre was geworden, wären wir heute geschieden, könnten uns überhaupt nicht mehr leiden und würden uns nie mehr treffen wollen. Da also absolut “nichts” war, bleibt uns der Konjunktiv und viel ungelebtes Leben.

Lara ist überrascht. Wenn sich ein Russe mit seiner Schulfreundin trifft, ist er vorher total verschwiegen, hinterher ist – normalerweise – dessen Portemonnaie leer, der Kerl total verkatert und bleibt schweigend.

So ist es aber nicht bei mir. “Wir aßen Ente”, gab ich zu.

* * *

Potsdam, 4:30 Uhr. Der Waage Display zeigt “77,6”.

“Verräterin!”, sage ich verächtlich, “blöde Kuh” und: “Ich will dich heute nicht mehr sehn!”

Komisch nur, dass man mehr zunehmen kann, als die Speise des Vortages wog.

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Das glückliche Gärtnerlein

Es war einmal vor vielen-vielen Jahren …

In einer Stadt namens Potsdam lebt ein wackerer Bursche, der sich seine innere Liebe zu Blumen, Pflanzen und sonstigem Gewächs zum Beruf gemacht hatte. Er besitzt einen grünen Daumen und so gedeiht alles, was er pflanzt. Wunderschön sind seine Gärten, wunderschön ist, was er tut.

Zugegeben: das Salär ist nicht sonderlich üppig, doch es reicht den Bedarf zu decken. Was das glückliche Gärtnerlein zufrieden macht. Mit sich und der Welt.

Besser: „machte“, denn eines Tages erschien ihm ein hübsches Weib aus der Sowjetunion voll natürlicher Erotik, zahlreichen hübschen Formen und einer Stimme mit sexi Akzent. Wenn sie „Errringssssalat“ sagte, schwoll dem Gärtnerlein ein gewisses Glied, er konnte nicht widerstehen.

Kurz und gut: Er nahm sich irgendwann dieses Weib zur Frau. Tauschte Zufriedenheit gegen Unrast, denn von nun an galt es Schuhe, Kleidung, Schmuck zu besorgen und natürlich auch – YOLO! – Partys zu veranstalten.

„Schützenfest, Casinobälle – Ikra, das ist ihr Leibgericht,
Russendisko und Konzerte – ohne sie da geht es nicht.“

„Erfüllte Wünsche kriegen junge, wie Säue“ wusste bereits Wilhelm Busch. Beider Leben entwickelte sich exponential in einem Koordinatensystem zwischen Zeit und Geld. Und da das einst glückliche Gärtnerlein nicht stehlen wollte, machte es unzählige Überstunden, was schließlich bei weitem nicht ausreichte, des Weibes Bedarf zu decken.

Plötzlich – PENG! – war das Weib aus der Sowjetunion wieder zu haben.

Wieder vergeht einige Zeit.

Des Gärtners Ablösung sei nun – sagt man sich so – ebenso verloren wie einst das Gärtnerlein und betäube daher regelmässig – sagt man sich so – Kummer mit Alkohol, derweil sich unser Gärtnerlein für Fußball interessiert, für Frauenfußball, für Turbine Potsdam, (auch für die deutsche Frauenfußballnationalmannschaft – das aber nur nebenbei).

Kein Heimspiel ohne Gärtner und auch auswärts ist das glückliche Gärtnerlein oft dabei, gemeinsam mit seinen vielen neuen Freunden, die mit ihm (s)ein Hobby teilen.

„Ole-ole, Turbine Potsdam, ole!“

Derweil der Hexe Zaubertrank – offensichtlich – nicht mehr wirkt und sie daher so aussehen muss, wie sie wirklich ist. Aller Chirurgie zum Trotz. Dabei – fast ist das nun Folgende sogar zum Lachen – nicht wahrhaben wollend oder nicht wissend, dass man ihr das Aussehen auch tatsächlich ansieht.

Demgegenüber kann man(n) glücklicher nicht sein. Und wenn der Gärtner nicht gestorben ist, lebt er heute glücklich und zufrieden.

Erwünschte Legende

Die hier folgende Geschichte ist nur im Kern wahr. Immer wieder neu erzählt, wanderte die Geschichte von zahlreichen Mündern zu den verschiedensten Ohren, so dass sie sich durch manche Ergänzung oder Unterlassung im Laufe der Zeit zur Sage veränderte, zum Märchen.

Dass sie so wahr sei, wie ich sie nun erzähle, ist mein Wunsch.

Eines Mannes letzte Tage sind gekommen. Einerseits ist er alt genug, andererseits pumpt das Herz nicht mehr so richtig, dazu noch dies und jenes, kurz: es gibt keine Besserung. Des Sterbenden letzten Wünsche beziehen sich aufs Sehen – er möchte alles ihm Vertraute noch einmal gesehen haben, Freunde, Blumen, Häuser, Natur…

Da seine Frau aufgrund eines Leidens nicht mehr laufen kann, lädt er seine alten Freunde zu Spaziergängen ein. Um Natur zu staunen, um sich zu freuen, um ihr davon erzählen zu können.

Eines Tages kommt jener Freund, von dem unsere Geschichte überliefert.

Just an diesem Tag ist zufällig der Fahrstuhl im Haus des Alten defekt und er muss sich, unterstützt von seinem Freund, zu Fuß in die fünfte Etage quälen.

Am letzten Absatz macht der Alte länger Halt, bis er wieder zu Luft kommt, findet in einer Ecke des Aufganges einen vergessenen Eimer, darin einen verrosteten Maulschlüssel, reibt beides gegeneinander und tritt schließlich mit voller Wucht dagegen.

“Ich darf nicht außer Atem sein. Meine Frau macht sich sonst große Sorgen. Daher soll sie nicht wissen, dass der Fahrstuhl kaputt ist – sonst wird sie mich aus Sorge bitten, bis zu einer Reparatur in der Wohnung zu bleiben. – Mit meinem Fuß, dem Eimer und dem Maulschlüssel imitiere ich den Fahrstuhl. Sie wird es hören, glauben dass der Fahrstuhl funktioniert und braucht nicht besorgt zu sein…”

~~~

Tränenreiche Beerdigung.

Der alte Freund spendet der Witwe Trost:

“Er hat immer an dich gedacht ~ wollte nie, dass du dir Sorgen machst ~ auch nicht um ihn. Er hat dich sehr geliebt. ~ Weißt du eigentlich, dass er extra für dich die Geräusche eines Fahrstuhls gemacht hat, nur damit du drinnen glaubst, alles sei in Ordnung?”

Die Witwe nickt. Wie sollte sie nicht Bescheid wissen!? – Sie selbst hatte damals den Eimer in den Flur gestellt und einen Maulschlüssel dazu gelegt, damit er Gelegenheit fand, alles zu tun, um sie nicht zu beunruhigen.

Die Liebe – entdecke ich, dies hörend – ist die allerhöchste Form des Mitgefühls.

Hündische Liebe

Irgendeine Hündin hat unser Wohngebiet mit Pheromonen versaut. Nun ist der kleine Hund verliebt. Hockt stundenlang auf dem Balkon, nur um Ausschau zu halten. Träumt offenbar wirres Zeug, jault im Schlaf. Quiem, quiem, quiem ~… ~ und Mann kann ihn sogar gut verstehen, Mann war früher ebenfalls jung.

Diverse Frauchen diskutieren derweil, wann der beste Zeitpunkt für eine Kastration gekommen sei (Notabene: WANN und nicht ob!) – man sollte den Tierschutz verständigen!

Doch der Tierschutz scheint eine durch-und-durch feminin-brutale Organisation zu sein. Wer einen Hund haut, ist böse – wer ihn kastrieren lässt, nicht.

Willkommen in Absurdistan!

Ich leiste Widerstand. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Das Skrotum meines Hundes erkläre ich hiermit zur schnibbelfreien Zone. Und wenn ich Zeit habe, setze ich zum Hund auf den Balkon.

Mann braucht Zuwendung, wenn Mann verliebt ist. Mehr als sonst.

Freundinnen-Mobbing

Liebesschwüre sind unter iOS 7 deutlich einfacher geworden: Man berührt einfach einen Text, der sich hierauf wie von selbst markiert, derweil die Markierung sinnvolle Textgrenzen bereits ahnt. Man könnte bei Puschkin kramen, finden, berühren …

Я помню чудное мгновенье:
Передо мной явилась ты,
Как мимолетное виденье,
Как гений чистой красоты.

… und simsen.

Meine Übersetzung hierzu:

Ich erinnere mich an den wunderbaren Moment
Da du mir erstmals erschienest.
Es war wie eine flüchtig-vergängliche Vision
Allerreinster Schönheit.

Notabene: “Allerreinste Schönheit”! – ~ – Ich habe, bevor ich dies schrieb, einige Zeit nach passenden Vokabular gesucht.

Doch machte ich mir unnötige Mühe? Immerhin hat jede Nation eine eigene Ästhetik, welche nur innerhalb des Kulturkreises “so richtig” funktioniert. Wenigen ist es vergönnt, Empfindung aus der Tiefe der Seele eines Volkes hervorzukramen, nur solchen wie Puschkin beispielsweise.

Anyway: Russisch ist nicht Deutsch.

Ich simse Puschkin:

2013-09-30 07.13.19

“Du bist mein Puschkin”, simste sie zurück – Lara kennt den wahren Verfasser.

Aber vielleicht bestimmt hat sie diese SMS ihrer Freundin gezeigt – derjenigen, die ich nicht leiden kann, die ich für eine blöde Kuh halte und die ich – sollte ich zufällig zugegen sein – extrem gern mobbe.

Die von mir extrem ungeliebte Freundin ist mit einem Deutschen verheiratet und darüber sehr unglücklich.

Ihr Credo lautet:

“Die Deutschen verstehen uns einfach nicht!”

Auf die Idee, dass sie selbst die Doofe sein könnte, kommt eine Doofe nicht. Und so kann ich mir gut ihr Gesicht gut vorstellen, wenn sie meine – DIESE – SMS an Lara liest.

Die Liebe der Anderen ist Öl im Feuer derjenigen, die im Unglück braten.

~~~

Heute fällt es mir schwer nachzufragen, ob sie … – und wie … – aber wenn doch: Es würde mich freuen.

Der Reiz der Befristung

Längst hat sich der profitsüchtige Handel sein Wissen um unser zwanghaftes Verhalten zunutze gemacht: Wenn wir Kunden wissen oder vermuten, dass es eine Ware einmal nicht mehr geben könnte, müssen wir diese Ware unbedingt haben, auch wenn wir sie nicht brauchen.

Bei einer Losung wie “Schnulli ist nur diese Woche im Angebot!” verwandeln wir uns in einen Panthera tigris – in den Tiger in uns – der SOFORT zuschlagen muss, weil ansonsten die leckere Gazelle auf und davon gerannt ist. Und wie teuer Schnulli verkauft wird, gerät an zweite Stelle. Weshalb – logischerweise – gewisse Tarife immer nur eine gewisse Zeit gelten, um von Tarife abgelöst zu werden, die ebenfalls nur eine gewisse Zeit … ~ na und so weiter.

Рассказ твой слишком длинный!
Не нужно столько слов!

Kurzundknapp:

Ein Wundertäter ist nur eine Woche in Berlin – was kann frau dagegen tun?

Und hier ist die wahre Geschichte:

Frau XXX* aus der Sowjetunion ist ziemlich unglücklich. Unlängst hatte sie in Berlin ihren Job verloren, ein neuer ist vorerst nicht in Aussicht. Und die Liebschaft, weswegen sie ihren Ehemann verließ, zeigte sich nach den ersten Monaten des Zusammenseins bereits als trunksüchtig und – was für eine geborene Russin viel-viel schlimmer – als geizig.

Sie zusammen wohnen, weil alles andere noch teurer wäre oder irgendwie anderweitig doof. Man könnte die Beziehung auch sado-masochistisch nennen – jedenfalls streiten sie sich. Oft. Nur.

Eine ihrer zahlreichen Streitereien über die Definition von “Notwendigkeit” unter der Kategorie “Ausgaben” führte zur Dreiteilung der Konten: Nun hat er seins für sich, sie ihrs und darüber hinaus führen beide ein gemeinsames Konto nach dem Vier-Augen-Prinzip, von welchem gemeinsame Fixkosten wie Miete oder Strom abgebucht werden.

Das größtmögliche Drama für eine selbstsüchtige Frau: Mann grundlos geizig, eigner Dispo ausgeschöpft und der Wundertäter plant, Berlin zu verlassen.

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Deus ex machina: Ihr Mitbewohner bekommt Post, welche sie entgegen nimmt und bedenkenlos öffnet. Darinnen die EC-Karte des vormaligen Bettgenossen und in einem weiteren separaten Schreiben die zugehörige PIN.

“Wenn das keine göttliche Fügung ist, weiß ich nicht, was sonst eine göttliche Fügung wäre!”, stellt sie daher zweifelsfrei fest und räubert 1000 Euro aus einem Automaten, um sie dem Wundertäter zu bringen.

Offenbar befinde ich mich in einem anderen Wertesystem. Die vormalige Liebe wird davon Wind bekommen –

“… und was wirst du ihm dann sagen?”

Meine Frage scheint sie zu überraschen.

“Ich mache es schließlich auch für ihn. Männer leben schließlich lieber mit einer schönen Frau zusammen – als mit einer hässlichen.”

Soweit ist sie also gekommen.

Aber nur wer weiß wie diese Frau wirklich aussieht – VORHER, DANACH und TROTZ ALLEDEM – erkennt die doppelte Pointe.

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* Natürlich ist der Name wegen der leicht erweiterten Öffentlichkeit wieder einmal verpixelt. Kein Mensch heißt “Dreikreuze”, “XXX” oder “Iksiksiks”.