Renaturierung

Eine der größten Leistungen, zu denen ein umweltbewusstes Völkchen in der Lage ist, trägt den Namen “Renaturierung”, was die “Wiederherstellung von Lebensräumen” beinhaltet und bedeutet, dass der Mensch sich freiwillig zurücknimmt. Dass er also freiwillig auf seine Eroberungen verzichtet.

In Russland und oder Ukraine wäre Renaturierung undenkbar, es gibt noch nicht einmal ein Wikipedia-Lemma dafür. Was einmal gebaut und nicht mehr gebraucht, wird zu Garagen, zu Lagerfläche oder dient als Müllhalde.

Erlebte Renaturierung macht gemischte Gefühle. Sie nun schön und gruselig zugleich: Was mir einst wichtig, ist heute weg.

Hier stand einst ein Wohnheim für Studenten:

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Der hier gestanden habende Wohnblock trug den hübschen Namen “D”.

Dahinter, links oben im Bild, stand seinerzeit eine Sporthalle und rechts daneben befand sich ein so genanntes Ambulatorium (mit Sauna).

Nicht sehr weit hiervon war eine Mensa mit “Kulturanbau”:

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Schön isses wieder, so richtig schön grün ~ ~ ~

Von Steinen befreit sind Park und Wiesen;
Nun kann man hier Natur genießen

Die Sprachbaracke ist ebenfalls weg, der Hörsaal sowieso – was uns bleibt ist der Weg.

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Plötzlich kommt mir alles als Gleichnis vor – was bleibt, ist immer nur der Weg. Alles andere landet irgendwann auf irgendwelchen Schutthaufen.

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Innerfamiliäre Ignoranz

Seit ich mir vornahm, an jedem Tag ein Bild zu machen, mache ich täglich mindestens drei, bei denen es mir auf Nebensächliches ankommt. Wie bei den Schildern …

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… von der Baustelle am Babelsberger Park.

Insbesondere Tor 2, finde ich, sieht aus, wie dem Intro vom Tor des Monats der ARD-Sportschau entnommen.

Sie, aus der Ukraine kommend, ist ob des Verweises auf ein deutsches Fernsehprogramm etwas irritiert, so liefere ich die notwendigen Informationen:

“Das Tor des Monats wird für einen besonders schönen Treffer im Fußball vergeben. Inzwischen wird die Wahl zwar im Internet durchgeführt, doch früher stimmte das Publikum via Postkarte ab. Und nach der allerersten Ausstrahlung – meines Wissens im im März 1971 – erhielt der WDR 600.000 Zuschriften.

Stelldirvor: Um diese auszuwerten, wandte sich das Deutsche Fernsehen an die Leitung des Kölner Gefängnisses Klingelpütz. …”

Sie verdreht die Augen und ordnet an:

“Fotografier doch lieber die schönen Blumen!”

Okay.

Dann aber lustlos:

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“Die Blumen passen nicht so richtig in diesen Park”, maule ich, “sie sind Augustes Schuld”.

“Es war nämlich ein heißer Sommer wie dieser, der zur Folge hatte dass der große Gartenbaumeister Lenné mit seiner Arbeit nur langsam vorankam. Manche seiner Anpflanzung vertrocknete gar, weil ein Bewässerungssystem fehlte. Dazu die Streitigkeiten: Die damals noch Prinzessin und spätere Kaiserin Augusta hatte andere Vorstellungen vom zukünftigen Park. Diametral entgegengesetzte … – jedenfalls … – ….”

Kurzundknapp: Die Folge war die Entlassung Lennés, den heute in Potsdam jedes Kind kennt, but who the fuck is Augusta? Sie, die zänkische Prinzessin, scheint gestrichen aus dem Gedächtnis Preußens. …

“… und die Kaiserin-Augusta-Straße in Babelsberg heißt heute Karl-Marx-Straße.”

Vergessen ist sie, niemand kennt sie heute noch und das OBWOHL ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe ihr im Alter von 9 Jahren sogar ein Gedicht widmete. Damals, als die Kaiserin “nur” Fürstin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach war.

Alle Pappeln hoch in Lüften
Jeder Strauch in seinen Düften,
Alle sehn sich nach dir um…

Ach-ja und:

“… wusstest du eigentlich, dass diese Auguste eine Tochter der Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa, einer Schwester Zar Alexanders I. von Russland war?”

Lara ist verstört. “Warum”, will sie wissen, …

“… können wir nicht wenigstens einmal durch einen Park gehen, wie andere Leute auch?”

~~~

Dergestalt zum Schweigen gebracht, mache ich bockig ein Panoramabild, …

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… welches ich hübsch belanglos finde. Obwohl … – @! – der Schatten bin ich!

Der reziproke Kategorische Imperativ

<seufz>
Oh Volk der Dichter und Denker!
</seufz>

Sollte die Selbstbenennung (oder Selbsterhebung) der Deutschen als Dichter-und-Denker-Volk etwa ironisch gemeint sein? Als Scherz? Oder sogar als Treppenwitz?

130717 Immanuel_Kant_(painted_portrait)Wer erinnert sich heute noch an Immanuel Kant, den Großen Königsberger Philosophen? Den Erfinder der berühmten drei Fragen, die stets in eine vierte münden:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?

—> Was ist der Mensch?

An den, der darüber hinaus den Kategorischen Imperativ erschuf:

“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”

Recht so! – Wenn ich also irgendwo mein Auto parken lasse, kann ich gleichwohl wollen, dass alle Autos der Welt an eben dieser Stelle ebenfalls parken können. Weil die Landschaft nicht beschädigt, nichts und niemand behindert und darüber hinaus keine weiteren Gründe ersichtlich, die dem entgegen stehen. Mehr noch: Weil der von mir gewählte Platz auch noch aussieht, als sei er fürs Parken geschaffen.

Als Friedrich der II. und Große einst in Potsdam befahl “hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden” vergaß er dabei offenbar, dass “des einen Fasson” auch in Gängelei bestehen könnte, womit sich aller Leute “Selichkeit” gleichwohl ausschließt. Automatisch sozusagen, weil das Gängeln und Gegängeltwerden reziproke Werte sind.

~~~

Heute sollte hier an dieser Stelle – eigentlich – ein völlig anderes Posting entstehen, denn mir fiel gestern plötzlich wieder ein, dass zu DDR-Sommerzeiten sich der Potsdamer Babelsberger Park in eine kleine Textil- und eine große FKK-Zone einteilte.

Nun ist hier gemischtes Volk, brav angezogen, derweil gestern ein einzelner Freund der Freikörperkultur – toleriert oder ignoriert von der Masse – tapfer die Stelle hält. Was ich nicht unkommentiert geschehen lassen konnte:

“So in etwa funktioniert Don Quichote – “el ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha” von Miguel de Cervantes

Was Lara mit der Bemerkung “eigentlich ist Nacktheit etwas Schönes” quittiert, der ich entgegen hielt: Wenn sich ohne Kleidung ebenso viel Geld verdienen ließe wie mit Kleidung wären wir jetzt alle nackt.

(Solcher Logik folgend, in deren Umkehrschluss, waren die DDR und die FKK eine dialektische Einheit.)

Sie ließ sich nicht sofort überzeugen.

“Wenn dass stimmen sollte, wären wir in der Sowjetunion ja noch viel-viel nackter gewesen, als die befreundeten Freunde in der freundlichen DDR!?!”

Hmmm.

Offenbar ist der latente orthodoxe Glaube eine Art Korrektiv zur Nacktheit? Und wieso waren ausgerechnet die sexuell aktivsten Frauen des Ostblocks so zugeknöpft? 

Grund zum Nachdenken –—> Material für die Wiedervorlage.

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Deus ex machina. Plötzlich ist alles anders.

Das Posting war fast fertig durchdacht, wir befanden uns bereits auf dem Nachhauseweg – da leuchtete von Weitem schon, an unserem Auto, die Botschaft eines Wichtigtuers:

1307_grosse_strafe

Einiges habe ich verpixelt. Und: Man sollte nie über Namen witzeln – …

aber dass ausgerechnet ein Kleingeist “Große” heißt, ist ja wohl doch a bissel komisch!

Ironie dieser Geschichte: Offenbar glaubt sich Herr Große so sehr im Recht, dass er seine E-Mail-Adresse nebst Handynummer auf der Ordnungswidrigkeitenanzeigeabsichtsnotiz vermerkte, wobei sich ein drittes Thema für ein Posting auftut: Die deutsche Sprache.

Je länger die Wort, desto niedriger die Sprachkompetenz, die wiederum aus Bildung und Kultur basiert …

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Nurmalnebenbei: Ich parkte dort, wo sich dass schwarze Kreuz befindet, am Schnittpunkt beider Striche. Die weiße Linie markiert den Beginn des Babelsberger Parkes:

130717 parken