Die Relativität der Ewigkeit

Die Vokabel “Ewigkeit” beschreibt etwas ohne zeitlichem Anfang und Ende, etwas außerhalb und unabhängig vom Phänomen Zeit Existierendes.

Kindermund:

“Was hat eigentlich der Liebe Gott den lieben langen Tag gemacht, bevor er die Welt erschuf?”

“… und was kann kommen, wenn ER keine Lust mehr haben sollte?”

Jaaa! *seufz* Ich muss nur endlich einmal “den Arsch in Hand nehmen”, um eine ewig schlummernde Idee zu Papier bringen. Sonst bleibt sie ewig ungedacht.

😉

Ich versuche es heute mit der russischen Professorenmethode. Hierzu versammelt man ehrgeizige Doktoranden und gibt denen ein Thema nebst Hilfestellung vor. Militant-autokratisch:

Setzen! – Hefte raus, Stifte bereithalten! – Heute behandeln “wir” das Thema “Ewigkeit”. Hier Ihre Aufgabenstellung:

„Ich weiß wohl, dass derjenige auf Ewigkeit hofft, der hier zu kurz gekommen ist“, sagte einst Friedrich Schiller (in den Räubern) – Aber erklärt das DAS UNSER BEDÜRFNIS VOLLSTÄNDIG? Der Wunsch, dass etwas bleibt? Von uns selbst? Für immer und ewig?

Hilfestellung hierzu:

Das erste Argument, um Christ zu werden, war das Versprechen auf ein Dasein nach dem Tod. Es ist das gleiche innere Argument, was Pharaonen auf Pyramidenbau drängen ließ. Heute entdecken wir Aufgeklärten Bleibendes in den Augen unserer Enkel – an deren Mündern, Ohren oder Nasen (so sie nicht des Nachbarn sind). Erbgut sind die Pyramiden der Mütter und Väter. Die DNS ist eine relative Konstante, derweil Moral und Werte bestenfalls Katalysatoren sind.

Der Zeitgeist ist am schnellsten vergänglich.

Demgegenüber steht das Bedürfnis, auch solche Werte zu konservieren. Früher galt ein Aufruf(“Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!”; Goethe), heute könnte “uns” die Technik dabei behilflich sein.

Kurzundknapp:

Wie kriegt man Moral in eine Cloud?

~~~

“So liebe Kinder, Abgabe ist in 90 Minuten – die besten Arbeiten werden benotet.”

Die Lebenszeit

Wahrscheinlich war es eine ur-ur-uralte Fabel. Notiert – und daher den Deutschen bekannt – wurde sie eines Tages von den Grimm-Brüdern.

“Als Gott die Welt geschaffen hatte und allen Kreaturen ihre Lebenszeit bestimmen wollte, kam der Esel … “

Kurz und knapp: Man bezweifelte in jener Fabel den großen göttlichen Plan, der allen irdischen Kreaturen gleiche Lebenszeit vorgab. Dem Menschen war es beispielsweise zu wenig, dem Esel zu viel. Tohuwabohu. Die größtmögliche Unordnung. Man feilschte so lange mit Gott, bis der klein beigab. Bis ER sich schließlich genötigt sah, sein Urteil zu korrigieren.

So nahm ER die Zeit des einen und gab sie dem anderen.

“… Also lebt der Mensch Siebzig Jahr. Die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre, die gehen schnell dahin; da ist er gesund, heiter, arbeitet mit Lust und freut sich seines Daseins. Hierauf folgen die achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach der andern aufgelegt: er muss das Korn tragen, das andere nährt, und Schläge und Tritte sind der Lohn seiner treuen Dienste. Dann kommen die zwölf Jahre des Hundes, da liegt er in den Ecken, knurrt und hat keine Zähne mehr zum Beißen. Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre des Affen den Beschluss. Da ist der Mensch schwachköpfig und närrisch, treibt alberne Dinge und wird ein Spott der Kinder.”

Nach dieser Rechnung – überlege ich mir heute früh – müssten meine Eselsjahre längst vorbei sein.

Hallo, Ihr Engel da oben! – Hier bin ich! – Hier! – Ich will mich endlich in die Ecke legen dürfen und knurren! – Aber nee: Mir wird eine Last nach der anderen aufgebürdet.

Notabene: Die Fabel scheint ungenau. Der menschlichen Lebenszeit fehlen zwischen Hund und Affe noch die Jahre des Oberlehrers und die des Polizisten.

Ach-ja und: Menschliches Verhalten ist hormonell gesteuert. Die biologische Uhr gibt die Muster vor. Das Ende der Lebenszeit ist vom Bedürfnis nach Nachhaltigkeit dominiert. Die Bilder der Enkel sind offenbar Haltegriffe in einer Schnellbahn namens Leben ~

~ hui, nun werde ich doch tatsächlich noch sentimental.

Beschmarkelt

Unbewusstes Kofferwort, gebildet in vollster Aufregung. Wahrscheinlich wollte er „beschmiert“ sagen und „gekrakelt“, wohl beides gleichzeitig. Verbunden mit der rhetorischen Frage:

„Wer hat-denn die scheene Wand beschmarkelt?“

Na wer wohl? – Die Frage war doof. Es konnte schließlich nur einer die „scheene“ Wand beschmarkelt haben – und der war ich, damals mitten in der Pubertät. Darüber hinaus hieß der Schmarkel „John Lennon“, ein Künstler der in dieser Familie nur von mir sehr verehrt wurde. Und: Die scheene Wand befand sich im Kinderzimmer, was für Eltern – eigentlich – exterritoriales Gebiet ist.

Heute wissen wir: Graffiti ist doch nichts besonderes. Das hat es immer schon gegeben und wird es immer wieder geben.

Irgendwer hatte vor mehr als 2.000 Jahren das Tor von Milet beschmarkelt und es dauerte wohl sehr-sehr lange, bis altertümliche Schriftexperten endlich in der Lage waren, die Botschaft zu entschlüsseln. Seither wissen wir, dass damals ein Nachbar die Frau des anderen gevögelt hat. Und das DAS unglaublich schön gewesen sein muss.

2013-04-30 13.40.15Na klar: Nun endlich kann ich mir meinen Kilroy-was-here-Traum erklären:

Wir – Larissa und ich – waren neulich am Griebnitzsee spazieren und entdeckten dabei am Berliner Ufer des Sees einige Graffitos in kyrillischen Buchstaben, versehen mit der Jahreszahl 1945. Und dies, obwohl dieses Gebiet zu jener Zeit im amerikanischen Sektor gelegen. Was mir Gelegenheit gab, über den Schiffsinspektor James J. Kilroy zu referieren.

Eine hübsche Anekdote, die sie noch nicht kannte und mit einer Weisheit belegte:

„Offenbar will jeder Mensch, dass etwas bleibt – und sei es nur eine Inschrift“

Ja, denke ich, und von richtig gutem Sex kann die Welt ruhig erfahren. Auch nach zwei- oder dreitausend Jahren.