Archaische Bedürfnisse

Uns Gutes zu tun, lädt man zum Grillen ein.

Der vorfreudige Gesichtsausdruck der kommenden Gastgeber verrät: Ablehnen wäre unhöflich. Also, okay, klar – „Gern nehmen wir diese Einladung an!“

Ich ahne was kommt: Laute Musik, bruzzelndes Fleisch und ununterbrochene Anbieterei.

„Willste lieber Schaschlik oder Steak? Wir hamm oooch Bratwurst da.“

DAS ARCHAISCHE RITUAL MACHT SIE OFFENBAR SEHR GLÜCKLICH und ich überlege mir, ob es nicht genetische Ablagerungen in uns gibt, welche ehemalige Glücksgefühle reproduzieren.

Vor – sagen wir einfach – 200.000 Jahren erlegte manch Homo erectus im Kollektiv mit anderen dieses oder jenes Mammut, dessen Fleisch später der Sippe, daheim, vor der Höhle, unter dem Bruzzeln von gefügigem Feuer Gewissheit verschafft, weiter leben zu können. Demnach war Glück – seinerzeit – nicht nur sexuell-orgastisch bedingt, sondern wurde auch durch anstehende Nahrungsaufnahme produziert.

Fleisch am Lagerfeuer war unser Vorfahren Weihnachten.

Könnte sein. Genetische Ablagerungen von Emotionen wären logisch und ist in anderen Zusammenhängen bereits nachgewiesen. So ist die menschliche Gänsehaut bei Klang quietschender Kreide an einer Schultafel dem Umstand geschuldet, dass dieses Quietschen exakt den Warnrufen unserer Ururur-Ahnen entspricht. Man kann wohl anhand von Knochenfunden wissen, wie seinerzeit der Kehlkopf beschaffen sein müsste und daraus wiederum wie Ur-Kommunikation klang. Nämlich wie Kreide an der Wand. Demnach steht in unserer genetischen Zeitmaschine das Kreidequietschen für möglichen Tod, der Fleischgeruch und das Knistern – im Gegenzug – für wahrscheinliches Überleben.

Jedenfalls sind wir beide zum Grillen eingeladen. In irgendeinen deutschen Schrebergarten. Den Hund „dürfen“ wir mitbringen – obwohl die Gastgeber Hunde überhaupt nicht mögen.

„Danke schön“, lüge ich und versuche mir das anstehende Grillfest, schön zu reden.

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Autor: Alex

Heute so, morgen so ...

3 Kommentare zu „Archaische Bedürfnisse“

  1. Okay, verstanden. Tafelgequietsche= Tod. Grillen= Leben. Aber warum ist vorfreudiger Gesichtsausdruck= Folter? DAS kannst Du nun wirklich nicht genetisch begründen. Das ist anerzogen.
    Ein „Grillen kann ich nicht ausstehen“ zur Ausschlagung der Einladung versteht doch auch Homo Sapiens.

    1. Der Mensch – schrieb einst irgendwer Berühmtes – ist Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Insofern gibt es auch ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl. Gleichwohl fühlt man sich besser. (Die unterbewusste Vokabel „Zoobesucher“ lasse ich stecken, sonst klingt es dazu auch noch überheblich).
      Im Übrigen wäre unser Leben trist und fand, wenn jeder auf das, was er nicht ausstehen kann, verzichten würde.

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