Der Zeit-Diogenes

13. Tag

Herr Dieser und Frau Jene können sich nun doch nicht mit mir treffen. Die zugehörigen Termine sind abgesagt. “Plötzlich habe ich Zeit”, notiere ich in mein Tagebuch. Hierauf mache ich einen Punkt, drücke “Enter” und bemerke prompt den Unsinn.

Weil andere vorgeben, keine zu haben, habe ich plötzlich welche. Dabei ist doch Zeit das eigentliche Axiom unseres Lebens. Die Zeit ist uns immer und überall die selbe.

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Gestern schon, nach diesem und jenem Anruf, “hatte ich Zeit”. Las derweil Volker Brauns “Zukunftsrede” auf iBooks und markierte manche der großen Sätze.

Wie den hier zum Beispiel:

“… Ich wende zögernd ein: dass die Liebe keine Zukunft hat, sie ist immer Gegenwart, oder sie ist es nicht, Liebe gibt es nur im Entstehen; das sei, für einen Zukunftsroman, ein schwieriges Sujet. …”

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Zeit macht melancholisch. Das Hamsterrad ist leer, pendelt sich quietschend aus – temporärer Minimalismus. Zeit-Diogenes …

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Wer Zeit “hat”, sollte es niemandem verraten. Genau dafür wird sie ihm gestohlen. Mit Gips zum Beispiel, der eine Bohrung füllen sollte; mit der Vollendung eines Kabelschachtes oder mit Rasenmähen … ~ mit allem Möglichen, was den Intentionen der Diktatur des Matriarchates entsprießt.

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„Mein sind die Tage nicht, die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein. Und nehm ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“
Andreas Gryphius, Epigramme

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“Heute habe ich wenig Zeit” werde ich nachher lügen und mich damit beruhigen, dass dies ein guter Kompromiss.

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Selbstillustration

7. Tag

Manchmal illustriert sich ein Posting auch durch die Ereignisse, die anschließend stattfinden. Kaum hatte ich gestern hinter dem Zitat “… und er muss sich beeilen, zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen” von Ostrowski auf die Entertaste gedrückt, plongt eine ankommenden Mail.

Diese ist von Frau T. die seinerzeit, in Moskau, schräg über uns wohnte und Tochter der Jenigen (ich mag diesen Sprach-Joke immer noch) ist, die einst mit meinen Eltern befreundet waren. Ihre Mutter – schreibt Frau T. – sei vor kurzem gestorben und ihr Wunsch sei es gewesen, … ach-ja … und jedenfalls, … und ach … lest doch selbst:

… haben wir meine Mutter begraben … sie wollte immer noch obwohl nicht mehr gehfähig Deine Eltern in Potsdam besuchen … ich hatte ihr versprochen es zu ermöglichen … aber nun ist Sie einen anderen Weg gegangen … leider habe ich keine Adresse gefunden um Deine Eltern zu benachrichtigen und die Telefonnummer in ihrem Telefonbuch … Fehlanzeige … und jetzt warum ich mich an Dich wende … in einer Woche fahre ich nach Moskau (nach 41 Jahren) … und möchte dort die orte meiner Kindheit aufsuchen … leider finde ich in meinem Kopf und auch sonst nirgendwo den Straßennamen von dem haus in dem wir eine zeit lang wohnten ich glaube von 1967-69? … ich weis nur noch das Deine Familie rechts unter uns wohnte und das ich als Kind oft bei euch gespielt habe und das es in der Nähe vom Prospekt Mira war …ach und das ihr einen Boxer (Hund) hattet … Hund Boxer (Tapsi?) verdanke ich meinen ersten Hundebissempfang … – also hast Du eine Ahnung wo das war?

Klar habe ich eine Ahnung. Vielleicht sogar zwei. Beziehungsweise weiß ich es genau: In Moskau lebten wir von 1967 bis 1971 in der Mittleren Pereslawer Straße, Haus 4/9 im dritten Eingang auf der dritten Etage rechts, linker Eingang. Ich besuchte die 292te Mittelschule und unsere Telefonnummer war damals 294 72 49. Allerdings habe ich keine Ahnung, WIESO ich das noch weiß.

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Der Moskauer Winter von 1968 auf 1969 ist sehr kalt. So kalt, dass sich die Männer eine halbe Stunde früher auf den Parkplatz begeben müssen, um die Autos flott zu machen. Auch heute sind wieder alle da – bis auf Siggi.

Siggi ist ein Langschläfer und erscheint daher morgens immer auf dem aller-aller-letzten Pfiff. Was aber nicht sonderlich schlimm: Denn heute – da es besonders kalt und darüber hinaus sehr windig ist – erscheint der Hausmeister an Siggis Stelle an dessen Moskwitsch, enteist den Wagen, macht das Auto schnee- und eisfrei.

Die Meute lästert:

“Vornehm geworden ist unser Siggi, ein feiner Pinkel, lässt sich bedienen, wohl blaues Blut in den Adern, ist sich zu fein zum Scheibenkratzen für den Frost, …”

Bis die Männer bemerken, dass der Hausmeister das Auto verwechselt hat.

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02. April 2014.

Jetzt begebe ich mich zur Waschanlage, um das Auto anschließend über einen langen Weg durch Werkstatt und Schrauber zum TÜV schicken zu können. ~~~ Blin! So ein Katalysator allein kostet bereits fast 200 Euro!

NEIN, Lara, wir kaufen uns jetzt keine neue Waschmaschine. Erst wird das Auto getüvt!

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02. 04. 2014. Eine KFZ-Werkstatt. Vorbesprechung.

“Ein Kabel ist wohl wackelig. Manchmal …”

“Ach, wissen-se, da machen wir nichts dran. Wird viel zu teuer, wenn wir in der Elektronik rumwurschteln. Wir nehmen den Block raus und schicken den ein. Kost’ dann etwa 400, 500 Euro – ist dann aber in Ordnung.”

“Können Sie nicht erst einmal nachsehen?”

“Ja. Aber meist isses so, wie ich sage.”

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Die Straßencafé-Regel

dER fEHLER DER wOCHE.

“Ab Sonntag können wir wieder eine Stunde länger schlafen.”

WIE DIESER SATZ NERVT!

Allen schlafwilligen Primaten kann doch die Einteilung der Zeit nach unnatürlichen Regeln schnurz-piep-egal sein, auch den Menschen. Man schläft immer bis man wach ist oder geweckt wird.

Trotzdestonichts werden mir morgen von früh bis spät (~ “landab-landaus” 😉 ~) viele Mitmenschen und zich Radio- und Fernsehmoderatoren erklären wollen, dass und vor allem “wie” die Zeit umgestellt ist. So als ob man wirklich Zeit umstellen könne!

Hiermit räche ich mich und erkläre zurück:

Bei einer “Zeitumstellung” gilt die Straßencafé-Regel: Im Frühjahr werden die Stühle VOR die Cafés gestellt, im Herbst kommen sie ZURÜCK in die Lager. “Spring forward, fall back” sagt der Ami dazu.

ENTER.

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Жизнь продолжается – das Leben geht weiter. Ich checke E-Mails, entferne SPAM, klicke Facebook an und finde prompt:

umstellung

Jetzt verwandle ich mich in eine Art Rumpelstilzchen:

“Ich hab’s gewusst, ich hab’s gewusst, ich hab’s immer schon gewusst!  – Das hat mir der Teufel gesagt!”

PLEASE SHARE – bitte rasiert mich!

Polychrones Zeitverständnis

Heute gibt es zur Abwechslung ein Rätselfrage: Wer von den beiden im Folgenden abgebildeten Menschen ist ein Ukrainer?

zeitverstaendnis

Und wenn ja, warum?

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Relativität der Pünktlichkeit. Im Russischen “пунктуальность” (sprich: “punktualnost”) genannt, dabei aber völlig anderen Inhalts.

Demgegenüber bietet der Übersetzer für ukrainische Pünktlichkeit eine Vokabel namens “швидкість” – die in der Rückübersetzung mit “beschleunigen” benannt wird, für mein persönliches (Sprach-)Empfinden aber mit “Schnelligkeit” übersetzt werden müsste. Was allerdings nichts anderes bedeutet als: Pünktlichkeit ist in der Ukraine noch nicht erfunden.

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Bild-Quelle: Olga Debus, “Deutsche und ukrainische Kulturstandards im Vergleich”