Binationaler Ehekrieg

39. Tag

Je t’aime … moi non plus”, das berühmte Duett von Serge Gainsbourg mit Jane Birkin aus dem Jahr 1969 erklingt aus meinem Telefon – “ja?” – am anderen Ende vernehme ich eine aufgeregte Lara, die mit dringlichster Stimme spricht.

“Hole mich bitte schnell ab! Schnell, schneller, also soschnellesgeht!”

Okay. Ich. Pedal to the Metal ~ schon bin ich da.

Lara geriet durch einen dummen Zufall – erfahre ich nun – in kriegerisches Gebiet.

Seit Anfang März, genau genommen: seit dem achten März, redet die alte russische Freundin nicht mehr mit mit dem zugehörigen deutschen Bettgenossen (und|oder) umgedreht: der Deutsche verweigere jedwede Kommunikation.

“… und während wir beide beim Yoga waren, hat der Blödmann alle Plinsen aufgegessen. Wir kamen gerade bei denen in der Wohnung an, da sehen wir, wie er sich gerade die allerletzte Plinse reingestopft …”

Das ist eine Untat. Lara hat extra Plinsen für ihre Freundin gebacken. Nach einem familiären ukrainischen Geheimrezept, mit viel Halb-und-Halb und sehr scharf.

“… einfach so. Ohne zu fragen. Und ohne auch nur das kleinste Krümelchen übrig zu lassen!”

Die Frage nach der Ursache drängt sich geradezu auf. So erfahre ich, dass beide gemeinsam einkaufen waren, beim Discounter. An die Kasse sollten beide für den Einkauf 120 Euro betragen haben, weshalb er “ein richtiges Theater gemacht” haben soll und seither spricht er nicht mehr. Zumindest mit ihr.

Erfahrung lehrt: Diese Geschichte ist unvollständig. Daher erzähle ich Lara nun die von mir vermutete Version. Also welches Ereignis nach meiner Vermutung zum Ausbruch des Krieges führte:

Der achte März ist nämlich Frauentag und dieser ist in Russland ebenso bedeutend wie bei uns Weihnachten oder Ostern. Ein von russischen Frauen herbeigesehntes Machofest. Die gelebte Feminismus-Karikatur. Die slawische Seele der Freundin wird wohl auch in diesem Jahr auf ein Geschenk bestanden haben, derweil er, der Deutsche, den ganzen russischen Frauentagsmist – ganz im Sinne von Clara Zetkin übrigens – abgelehnt haben wird. Weshalb sie wird es sich selbst besorgt hat. Bei Lidl. Und zwar ALLES, was ihr zusteht: Teurer Alkohol, Geschenk und Blumen.

Ich kenne die Freundin ein bisschen: Sie ist wie ein Mann, der zur Nutte geht, wenn er’s zu Hause nicht besorgt kriegt.

* * *

Mit “so wird’s gewesen sein” beende ich meine Vermutung, mit “ja. wahrscheinlich” gibt mir Lara Recht.

“Aber egal was war: Du hättest mir doch auch in solcher Situation nicht die Plinsen weggegessen?!”

In dieser Situation sicher nicht.

Aber nicht wie Lara meint, vorrangig aus Anstand und Höflichkeit, sondern eher aus Vorsicht oder aus Angst.

Verklärende Propaganda

Der Sieg der Roten Armee im 2. Weltkrieg wird in Russland heute noch heldenmäßig interpretiert. Sie – die Rote Armee – und das Sowjetvolk waren, sind und werden unschlagbar sein. Das hat schließlich der Große Sieg im Heiligen Krieg gegen die hochgerüsteten faschistischen Imperialisten aus Deutschland eindrucksvoll bewiesen.

SLAWA!

Als wir 1971 Moskau verließen, glaubte auch ich, die Sowjetunion wäre das einzige Land gewesen, was seinerzeit gegen Faschisten gekämpft hatte. Die Franzosen und Engländer führten nur einen Sitzkriegeinen Komischen Krieg, Drôle de guerre, Phoney War – derweil die Amerikaner deklarierten: “wir helfen dem, der gewinnt”. Und als nach Stalingrad der ruhmreiche Sieg der Roten Armee aller Welt klar war, haben die imperialistischen Anglo-Amerikaner noch rasch deutsche Städte bombardiert, um nach dem Sieg günstige Kapitalverwertungsbedingungen zu haben. Anglo-amerikanische Bomben waren erste Vorboten des Marshallplanes –

Jedenfalls … “Es war nicht alles sooo schlecht, was damals im TV lief”, sagte Lara eines Tages.

Worüber wir uns wunderten, gemeinsam nachdachten und zum Schluss kamen: Wir waren jung, jung war schön ~ also kann was zum Jungsein gehörte, wie Filme im TV, nicht nur schlecht gewesen sein. Kriegsfilme gehören also zum Jungsein einer Generation, die in der Sowjetunion sozialisiert wurde.

“…weshalb ich sie mir heute immer noch gern ansehe, die alten Filme, die.”

~~~

Gestern. Besuch. Rotwein. Gespräche. Wir erzählen uns, was wir jüngst gelesen, wie es im Theater war, dass der letzte Wagner genial inszeniert, Schostakowitsch nach wie vor aktuell und Puschkin doch nicht immer so gut, wie früher von uns gedacht …

Lara hört gern zu. Sie tritt bei Feierlichkeiten selten in den Mittelpunkt. Hinterher sagt sie mir gern, was sie am liebsten gesagt hätte.

Was die Gäste ändern wollten, indem sie sie fragten:

“Und? Was magst du so?”

Ihre Antwort übernehme ich:

“Lara mag am liebsten Filme, in denen Deutsche umgebracht werden, in Kompaniestärke. Worin jeder aufrechte Russe sieben Tode stirbt. Oder nur gefoltert wird, um nicht zu verraten, wo ein Funkgerät versteckt sein könnte. Worin 1000 Deutsche aufgeben, weil sie erkannt haben, dass es sinnlos ist zu kämpfen, wenn eine russische Oma über ein Gewehr verfügt. Oder vier Panzersoldaten mit einem Hund …”

Was sie unterbricht und gegenkommentiert:

“In der Tat: Ich hätte nun nicht übel Lust, zuzusehen, wie ein Deutscher zu leiden hat. Wie einer von denen gequält wird. Aber nur einer, ein bestimmter …”

TREFFER! VERSENKT!

Die anschließende gemeinsame Heiterkeit deeskaliert.

~~~

Heute, da ich den gestrigen Abend notiere, bleibt mir doch tatsächlich ein klitzklein-bisschen schlechtes Gewissen ob.  meiner Äußerung. Da werde ich wohl den Müll runterbringen müssen, noch bevor sie aufwacht.

Ach-ja: Und Kaffee mache ich ihr heute auch.

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