Sturfrau und Kapitän

16. Tag, Heimweg

Wir laufen nach Hause, denn das Auto *seufz* ist in Berlin geblieben.

schrauberbox

Hier, in dieser Box, entscheidet sich in den nächsten Tagen ein Schicksal, WORUM ES ABER JETZT NICHT GEHT, … , obwohl …, @!? … , na-ja … , jedenfalls … (es gäbe Einiges zu ergänzen) … sondern darum, dass sich bestimmtes Rollenverhalten immer wieder reproduziert.

Normalerweise bin ich der Fahrer und sie ist Beifahrer.

“Ich Tarzan – du Jane!” Wozu “Beifahrer” auf Russisch “штурман” heißt und auch bedeutet.

Ein “Sturman”, gesprochen: Sturm-Mann, ist ein vor Jahrhunderten aus dem deutschen Sprachraum ausgewandertes Wort, wahrscheinlich einst von “Steuermann” kommend, welches den Jenigen – 😉 – benennt, der Schiffe durch Sturm und Wind zu navigieren versteht.

Ein russischer “штурман” ist also Lotse mit Richtlinienkompetenz und weit entfernt von jener Übersetzung, die in Deutschland “Beifahrer” heißt.

Nomen est omen, sie bestimmt den Weg. Wider (meines) besseren Wissens. Und so trage ich Einwände vor:

“Wir können entweder “schön” laufen, also am Hirtengraben lang durch den Park. Oder “kurz”: über die Konrad-Wolf-Allee. Die im Übrigen ebenfalls hübsch begrünt ist. Doch was du vorschlägst ist weder das Eine, noch das Andere ~”

“~ aber es ist das Beste!”

Zweiter Versuch:

“Der kürzeste Weg von A nach B ist immer die Hypotenuse. Jeder Weg über Katheten MUSS Umweg sein.”

“Im Quadrat ist alles gleich!”

Touchè!

Sie ist weder “Sturmmann” noch “Sturman”, sie ist entweder eine “Stur-Männin” oder eine “Sturfrau”. Eine mathematisierende, darüber hinaus.

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Kognitive Dissonanz

 

Die Frau ist doof, doch der Mann ist schlau oder der Mann ist doof, die Frau schlau oder alles ist umgedreht.

Lara platzt ins Arbeitszimmer, erzählt etwas und verwendet mitten im normalen Text den Ausdruck “kognitive Dissonanz”. Ich, der bis dahin nur halbohrig hörte, merke, dass “kognitive Dissonanz” ~ irgendwie ~ die falsche Vokabel sein muss, unterbreche daher fragend:

“Kognitive Dissonanz?”

Hierüber ist sie ungehalten und fasst ihren Vortrag zusammen:

“Es geht darum, dass der Mann bescheuert ist, aber dessen Frau nicht.”

Das Unvollendete

Das heutige Posting beginnt mit einem Ohrwurm aus der sowjetischen Zeichentrickserie „Hase und Wolf“, dessen Inhalt darin besteht, dass der Wolf versucht, den Hasen zu fangen, was ihm aber ständig misslingt. Weshalb der Trickfilm-Wolf beim Abspann regelmässig Rache schwört –

„… ну заяц, погоди!“

Das Gute bezwingt immer das Böse.

Damit wir Kinder der Sowjetunion seinerzeit „gut“ von „böse“ besser unterscheiden konnten – damit wir daraus lernen – wurde der Trickfilm-Wolf als „Gammler“ erschaffen. Als jemand, der raucht, der Mülltonnen umwirft, der seinen Abfall auf der Straße entsorgt – kurz: als jemand, der die öffentliche Ordnung missachtet.

Allerdings besitzt der Trickfilm-Wolf auch einige Talente. So kann er wunderbar Tango oder Walzer tanzen, Schlittschuhlaufen und erstklassig Gitarre spielen, wobei des Wolfes Musikgeschmack offenbar von Wladimir Wyssozkij geprägt ist, was man zum Beispiel daran erkennen kann, dass er in der ersten Folge dessen „Lied vom Freund“ pfeift.

Notabene: Das Lied, welches der Wolf pfeift derweil er am Seil hangelt, hat einen sehr klugen Text und ist bisher leider-leider nach meiner Kenntnis nur von einem gewissen J. M. Opfermann – und zwar grottenschlecht! – ins Deutsche übersetzt.

Für Freunde der russischen Sprache, der Text geht so:

Если друг оказался вдруг
И не друг, и не враг, а – так,
Если сразу не разберёшь,
Плох он или хорош, –

Парня в горы тяни, – рискни!
Не бросай одного его,
Пусть он в связке в одной с тобой, –
Там поймешь, кто такой.

Allerdings sind Freund und Freund in der russischen Sprache mindestens zweierlei, womit Wyssozkij spielt …

… muss leider los! …

– Das Posting wird fertig gestellt – hiermit isses versprochen!

—–

Anmerkung: Was für ein Bohei macht der Blödmann nur wegen eines geplanten Ausflugs!?! – Eigentlich wollte Solironow nur mitteilen, dass er mit seinem Freund, dem Hund, einen Ausflug plant. Am nächsten Sonntag will Alex nach Schierke fahren, in die Berge, auf den Brocken. Wozu natürlich das Lied passt. Besagter Ohrwurm …

—–

Blöd: Man kommt nicht mehr so richtig rein, wenn man einmal unterbrochen ward (… und „Wyssozki“ schreibt man ohne „j“ am Ende!).

Jedenfalls beinhaltet das Lied einen gewissen Rhythmus, so als würde eine Eisenbahn über russische Schienen fahren. Dazu die Wortspiele: „друг“ der Freund, was moralisch für die Ewigkeit bestimmt – gibt man ein „в“ hinzu, wird aus der russischen Ewigkeit ein russisches Plötzlich, also „вдруг“. Yin und Yang sind Brüder.

„друг“ kann auch einfach nur befreundet sein, der Sinn ergibt sich jeweils aus dem Kontext –

ICH MUSS ALSO VERSUCHEN, DAS LIED SELBST ZU ÜBERSETZEN, denn was ich nicht selbst mache, machen andere schlechter.

Aber wann hat man(n) schon unter den Bedingungen der Diktatur des Matriarchats Zeit für Berge? (Wo ich doch erst einmal mit meinem Freund – dem Hund – in die Berge will.)

—–

„Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie.“
(Jean-Jacques Rousseau)

Der Linguistik-Monk

Arena. Show. Lärm.

Unten feuert Uwe Schumann die Fans an – oben auf dem Rang sitze ich, voll konzentriert.

“… und hier kommen sie! – Applaus für unsere Bambini!”

YES!

Heimliche Freude und Glücksgefühle wie bei einem Tor der Bären. Ich habe die deutsche Sprache um ein überflüssiges “S” bereinigt. Zuvor sagte Arena-Sprecher stets “BambiniS” – also die Mehrzahl der Mehrzahl.

“Du Uwe, bitte nicht böse sein, aber: Bambini sind bereits viele Bambinos…”

~~~

Vor dem Spiel drückt mir der Fahrer seine iPhone in die Hand.

“Scanne bitte meine Mitteilungen. Gibt es etwas Wichtiges?”

Mir fällt sofort auf, dass der Absender – ein bekannter Wirtschaftsjournalist – “im Weiteren” klein schrieb. So muss mir auf die Zune beißen, dies nicht anzumerken.

“Nö. Es gibt nichts Wichtiges”, lüge ich.

~~~

Vieles Deutsche ist so falsch. Unglücklicherweise scheine ich der einzige User zu sein, der dies bemerkt und anmerkt. Suche zwischenzeitlich nach einer Selbstbenennung.

“Sprach-Kassandrus”, denke ich mir erst aus, um es dann zurückzunehmen. Kassandra als Gleichnis wäre zu tragisch – mein Verhalten ist wohl eher monkisch.

“Linguistik-Monk” schreibe ich jetzt in den Header. Punkt.

~~~

Meister wird man durch messbaren Vergleich mit anderen Kandidaten. Größtes Glück ist den stärksten Gegner bezwungen zu haben. Doch die Fans singen…

“…wir scheißen auf den Rest der Welt.
Deutscher Meister werden wir!”

Wenn auf den Rest der Welt geschissen ist, macht Meister sein keinen Sinn mehr.

~~~

Die berühmte Hymne:

“Sie sind die Könige auf dem ewigen Eis ~ ho-ja, ho-ja, ho!”

Doch der Starke ist am mächtigsten allein (Schiller).

Bei vielen Königen muss ich automatisch an die Ukraine denken, wo tagtäglich der Beweis erbracht wird, dass diese sich nie und nimmer vertragen können und DESHALB ein ehemals schönes Land ruinieren.

Und ich denke an Inflation. “Viel” Geld ist ebenso wertlos wie die letzten Karbowanzen, …

Anmerkung: 1991 wurde in der Ukraine der so genannte Kupon-Karbowanez (купоно-карбованець) eingeführt, welcher unter einer Krankheit namens Hyperinflation zu leiden hatte. So war der mittlere Jahreskurs 1992 135 Karbowanzen für eine Mark – 1995 gab es für eine DM 102.886 Karbowanzen.

… welche alle Ukrainer zu millionenschweren Königen machte, wofür diese sich aber nichts kaufen konnte, außer Wodka und Brot.

Mein Vorschlag in Güte: Wenn man “Könige” durch “Götter” ersetzt, stimmt es wieder. DAS sollte ich einmal den Pudhys vortragen.

~~~

“Du gehst uns allen auf den Keks. In zweihundert Jahren sprechen sowieso alle Englisch”

Ja. Dann aber mit deutschem Akzent und deutschen Fehlern.

Interkulturelle Managementkompetenz

Ein Text mit scheinbar endlos aneinander gereihten Fremdworten – YES!

Cool!
Klingt sauwissenschaftlich.

Und: Damit es beginnen kann, sollten “wir” es erst einmal definieren. Nämlich das, was andere (noch) nicht verstehen. Um schließlich hochwichtige Fragen stellen zu können. Wir uns selbst.

WTF is kulturelle Heterogenität?

Wäre der zu übersetzende Text gedruckt ~ ich tät die Seiten zerreißen und in Schnipsel die Ecke schmeißen. So aber streike ich einfach.

Wer es nicht klar und einfach sagen kann soll so lange schweigen, bis er es klar und einfach sagen kann! (Dann klappt’s auch mit dem Übersetzer.)

~~~

Bissel Zeit ist vergangen. Es wurde hin und her telefoniert. Ich bleibe sauer und biete vorerst eine Deutsch-Deutsch-Übersetzung an.

“Polychrones Zeitverständnis der Ukrainer” bedeutet: Kommt ein Ukrainer zu spät, ist ihm dies scheißegal.

Ein unvollendeter Roman

Manchmal tut es gut, einen Klassiker zu lesen, manchmal tut Erinnerung gut, manchmal ist es Sucht nach schönen Worten. Da trifft es sich hervorragend, dass Puschkins “Gesammelte Werke” im iTunes-Store für ein Apfel und ein Ei zu haben sind …

Zorniges Asterisk: Der Preis für Puschkin ist eine Schande für das westliche Wertesystem. ~ Fast-Food-Sprache” ~ “Kultur ohne Sprache” ~ Absurd: Die Schreiberlinge der deutschen Wutbürger erfinden die dümmsten Sätze – wie “Wir sind Papst” zum Beispiel –, derweil man sich wahre Ästheten für nur 1,99 Euro oder gratis aus dem Netz pumpen kann.

… wozu auch “Dubrowskij” (Puschkins unvollendeter Roman, den er im Jahre 1832 begann) gehört.

dubrowskijDiesen Roman hatten wir meines Wissens seinerzeit in der russischen Schule behandelt, 1969, vor 44 Jahren, – aber ich kann mich nicht mehr so recht an den Inhalt erinnern. Irgendwas mit Leidenschaft, Liebe, Unglück oder so. …

Grund nachzufragen.

“Lara, hattet ihr, bei euch, damals, in der Schule eigentlich “Dubrowski”?”

“Aber klar doch: “Mascha, haben Sie keine Angst, ich bin Dubrowski!” – Erinnerst du dich wirklich nicht?”

Eigentlich nicht. Auch nicht an das von Lara leidenschaftlich deklamierte Zitat.

Erst beim Lesen, und zwar an der Stelle, da der sich als Deforge tarnende Dubrowskij den Bären abknallte, … – da kam langsam hoch, was neulich unter dem Staub von 44 Jahren Lebenszeit verborgen war.

Ich las aufmerksam und gebe nun schweren Herzens Anna Achmatowa Recht.

*seufz*

Dubrowskij ist Pfusch in dem ansonsten bedeutenden Meisterwerk eines großen Poeten. Wieso ausgerechnet dieser Roman damals in den russischen und ukrainischen Schulen behandelt werden musste, ist mir ein Rätsel.

Aber: So unlogisch wie die Russen in diesem Roman handeln – so handeln sie auch heute noch.

Männliche Diagnostik

Mann vermutet oft, was los ist.

~

Vor mir ein Schreibtisch, darauf schwülstig-kitschige Sätze, die – eigentlich – unübersetzbar sind, denn weißrussische Wodkawerbetexte sind Bastarde. Sie sind, als habe zuvor ein russischer Heimatdichter einen KPdSU-Parteitag gevögelt.

Lara kommt hinzu, interessiert sich für mein Tun.

“Ich und Wodka”, humore ich, “verhalten sich zueinander wie der Eunuch zur Nutte”. Worauf sie den Mund verzieht und den Raum mit den Worten “man muss nicht immer unbedingt lustig sein” verlässt.

“Man muss aber auch nicht immer unbedingt jeden Witz kommentieren”, rufe ich hinterher und merke zugleich, dass das doof ist.

Und überhaupt: Sollte man in einer Ehe nicht viel weniger kommentieren? Man kann sich doch nicht einerseits über Béla Réthy aufregen, um sich andererseits genau so zu verhalten! Was ist wenn sie ihre Tage hat? Wenn sie unter “Предменструальный синдром” leidet? Unter PMS? ~ – @? … Aber nee: Sie wäre – eigentlich – alt genug für eine Menopause.

Nun wird emsig wikipediert bis ich mich schließlich zur Diagnose “Postmenopause” durchwringen kann.

Dann aber – neue Überlegung – müsste sie anderweitig krank sein.

@? …

Unabhängig von allem: Bei Fraunkrankheit sollte man(n) keine Witze machen.

~

Ich finde sie auf dem Balkon.

“’tschuldigung für das von vorhin. Ich konnte ja nicht wissen, dass du krank bist.”

Sie verzieht erneut den Mund.

“Ist das jetzt ein neuer Witz? Oder einfach nur etwas, was ich nicht verstehe?”