Erwartete Imponderabilien

Dass es teurer werden kann, weiß jeder, der sich ein bisschen für Elbphilharmonien oder Berliner Flughäfen interessiert.

Wie im Großen so auch im Kleinen.

„Warum lassen wir uns nicht gleich den Flur mitmachen?“, fragte Lara rhetorisch. Um hinzuzufügen: „Sooo groß ist der Flur schließlich nicht!“. Und gab somit die Aufgabe vor.

Doch unser Flur hat Türen, sechs Stück an der Zahl. Die müssen alle abgesägt werden, weil sie logischerweise, wenn der Fußboden erhöht wird, nicht mehr passen. Es wird also exponential teurer.

Kleine Frage – große Wirkung:

„Sind sie nicht auch der Meinung dass breitere Scheuerleisten besser aussehen? Außerdem hält eine breite besser (und ist deutlich leichter zu montieren) und kostet genau soviel wie eine schmale.“

Kostet genau soviel? Okay. Dann nehmen wir breite.

Erst mit Lieferung stellt der Bauherr fest, dass nun dadurch sämtliche Steckdosen, acht Stück an der Zahl, nebst Kabelkanälen, nicht mehr passen. Denn diese waren vom Elektriker auf schmale Leisten bemessen. Der hat nun aber keine Zeit mehr, also muss ich, mit meinen beiden linken Händen Dosen in Beton schrauben.

Aber: Alles war zu erwarten. „Self-fulfilling prophecy“ nennt dies der Deutsche, der Englisch gelernt hat. Neu ist für mich nur, dass eine breite Scheuerleiste genauso (billig|teuer) ist wie eine schmale.

Kriegsgleichnisse

Renovieren ist immer auch ein bisschen Krieg. Wie bei uns zum Beispiel: Der Elektriker Attacke – „артподготовка“, die Artillerievorbereitung – ist vorbei, der erste Dreck von Lara zurückgeschlagen, derweil bereits die Fußbodenleger anrücken und – wenn’s klappt – im Schlepptau die Maler. Das große Finale ist Dienstag zu erwarten …

Alter Witz mit neuer Bedeutung: „Liebster, sag mal ein ganz schmutziges Wort“ – „Küche!“

Eine Tür hängt noch im Weg, die Spülmaschine und der oller Herd müssen entsorgt werden, ebenso die Spüle und einige Küchenschränke. Und ich feuere mich mit Jean-Jacques Rousseau an:

„Il y n’a point de bonheur sans courage, ni de vertu sans combat. […] La force et la base de toute vertu.“

Deutsch:

Es gibt kein Glück ohne Mut, noch Tugend ohne Kampf. […] Die Stärke ist die Grundlage aller Tugend.“

Autogene Verhaltensmuster

Gestern waren Elektriker in unserer Wohnung. Mit denen Staub, Dreck, Lärm wie zu erwarten. Und Anwesenheitspflicht. Zeitklau – verlorene Lebenszeit.

Um nicht auszurasten, bereitete ich mich sorgfältig mental auf diesen Tag vor:

„Heute wird ein schöner Tag. Ein besonders schöner, ein herrlicher Tag. Heute wird alles, was ich anfasse schön. …“

Hilft zwar nur bedingt, ist aber deeskalierend.

Morgen kommen Maler. Dieser Tag wird noch viel-viel-viel schöner als der gestrige. Derweil der kommende 4. März – der Tag an dem die Küche kommt – wohl zum orgiastischsten meines Lebens avanciert.

Heute ist es einfach nur zwischenschön.

Reziproke Völlerei

Ein Fest folgt derzeit dem nächsten.

Heute, am 24.2.2014, ist “Tag der Begrüßung”, der erste Tag der Masleniza, gestern war “Tag der Beschützer des Vaterlandes”, was in Verhaltensmustern vergleichbar ist mit dem deutschen Vatertag.

Gemeinsamkeit macht der Wodka, den Unterschied macht der Glauben: Jeder 23. Februar ist kommunistisch-atheistischen-patriarchalischen Ursprungs, derweil der 24. Februar 2014 den Anfang einer wilden Völlerei vor dem Großen Fasten im Vorfeld des christlichen Osterfestes bestimmt.

Fleisch gestaltet den Unterschied: Am Heldentag ist Fleisch erlaubt, Pflicht fast, – an Masleniza gibt es nur Milchprodukte – überwiegend Plinsen – und Fisch. Hier ist dem Rechtgläubigen Fleisch bereits untersagt. Unabhängig davon bleibt stets der Wodka. Er ist an allen russischen Festen Pflicht.

Mittendrin stehe ich mit meiner Diät oder besser: Abnehmsucht. Jede verlorene 100 Gramm machen mich glücklich, werden mental befeiert. (Die Waage heute 77,1 Kilo – was mich deshalb schon glücklich macht, weil ich vor wenigen Jahren noch in der Kategorie Ü-90 war.)

Die Realität sieht anders aus als laut russischen Vorgaben. Wodka ist in unserem Haushalt seit langer Zeit Fehlanzeige, irgendwo steht seit Weihnachten noch eine halbe Flasche Glühwein und ein Schluck alter Rum – für Tee bei Kälte – staubt im Küchenregal vor sich hin. Auch sonst fühlen wir zu nichts Neigung, “was die Welt behauptet. Ihre … Zwecke kommen uns allesamt verkehrt vor.”

UND DANN FUHREN MEINE FREUNDE AUCH NOCH OHNE MIR BESCHEID ZU GEBEN NACH WOLFSBURG, zum Auswärts-Heimspiel der Berliner Eisgötter … ~ Anyway: Plötzlich griff ich mir ein Bügeleisen und fing an, meine T-Shirts zu bügeln, einfach so. Wohl um irgendwas zu machen, wohl weil mir langweilig war.

Da kam Lara des Weges daher. “Und? Macht’s Spaß?”, “Riesenspaß”, sagte ich ironisch.

“Fein. Könntest du dann meine Blusen auch …”

Klar. Soweit treibt mich also meine neue matriarchalische Lebensform: Am Vatertag (!) der Gattin Blusen bügeln.

Das glaubt mir kein Mensch!

Ukrainische Eigendynamik

Es ist wie bei der Wende in der DDR – was man sich morgens notiert, ist abends bereits veraltet.

Lara fragt „Wieso kann man nicht rechtzeitig zurücktreten? – Bei euch war es doch genauso? Damals?“

Mit „damals“ meint sie Krenz und die Krenzianer.

In der Tat: Hätten Honecker oder später Krenz seinerzeit im Kanzleramt angerufen – „Helmut, wir könnten die Mauer aufmachen, du könntest also die olle doofe DDR für dich allein haben. ABER NUR UNTER DER BEDINGUNG: Amnestie für alte Säcke und lebenslange Rente fürs Politbüro“, es wäre ihnen wohl gewährt. Heute noch. Als Ehrensold. Kein Historiker hielte unter dieser Prämisse die DDR-Führungsriege für „senil gewesen“.

Lex Jelzin. Putin bekommt den Kreml-Schlüssel und der Jelzin-Clan Ruhe vor Strafverfolgung. Bei uns ähnlich: Christian Wulff erhält heute Ehrensold, lebenslang. Und bekam „Smoke on the Water“ als Zapfenstreich.

So kann es gehen – aber „wer zu spät kommt…“

So marschierte seinerzeit Elf99 in der Waldsiedlung bei Wandlitz ein, wie gestern Menschen auf Janukowitsch’s Anwesen, der – offensichtlich – dekadent oder besser: total verblödet ist: Wozu braucht eine Familie für sich privat ein schwimmendes Restaurant? Und den vielen Kitsch?

Es ist dort im Übrigen noch lange nicht vorbei. Noch ist die Ukraine nicht verloren.

Gottseidank ist von unseren Freunden niemand zu Schaden gekommen.

Eine alte These neu belebt

… und hier sind sie wieder: Die Aaaisbeeeren!

Das war gestern aba schön!

Und ~ inzwischen hat mein persönliches Eisbärenlied einen neuen – wie ich finde: vernünftigen – Text:

Sie sind die Götter (statt Könige) auf dem ewigen Eis
Hoja-hoja-ho!
Der Olymp (statt „ihr Thron“) ist blau-rot-weiß
Hoja-hoja-ho!

Und so weiter und so fort. Schön, dass sich „hoja-hoja-ho“ auf „hoja-hoja-ho“ reimt. Aber auch das ist Jacke wie Hose, denn die Berliner Eisbären haben im ersten Drittel gespielt wie früher und das hat mich glücklich gemacht.

Oxytocin und Endorphine spielten in mir zum Tanz auf, gemeinsam mit Dopamin und Serotonin bilden sie meine Happiness-Band. Und: “Happiness Is a Warm Gun” weiß zumindest meine Generation von John Lennon.

Wobei ich mich für mich vor allem unter neurowissenschaftlichem Gesichtspunkt interessiere.

Lese:

“Das Gehirn setzt diese Botenstoffe bei unterschiedlichen Aktivitäten frei, zum Beispiel bei der Nahrungsaufnahme, beim Geschlechtsverkehr oder beim Sport.”

Erinnere mich an alte Zeiten: Fußball ist Sex. Als ich seinerzeit (beim Fußball-Pokal-Spiel Sankt Pauli gegen Werder Bremen) vermutete, dass der Ball Abbild eines Spermiums ist, welches zum Tor – der befruchtungsbereiten Eizelle – drängt.

Wann war das eigentlich?

Liebes Tagebuch,

eigentlich hätte ich viel zu tun. Aber wir fahren einkaufen, dann begeben wir uns auf den Friedhof, trinken Kaffee und irgendwann wird auch dieser Tag verplempert sein.

So oder so.