Der Zeit-Diogenes

13. Tag

Herr Dieser und Frau Jene können sich nun doch nicht mit mir treffen. Die zugehörigen Termine sind abgesagt. “Plötzlich habe ich Zeit”, notiere ich in mein Tagebuch. Hierauf mache ich einen Punkt, drücke “Enter” und bemerke prompt den Unsinn.

Weil andere vorgeben, keine zu haben, habe ich plötzlich welche. Dabei ist doch Zeit das eigentliche Axiom unseres Lebens. Die Zeit ist uns immer und überall die selbe.

* * *

Gestern schon, nach diesem und jenem Anruf, “hatte ich Zeit”. Las derweil Volker Brauns “Zukunftsrede” auf iBooks und markierte manche der großen Sätze.

Wie den hier zum Beispiel:

“… Ich wende zögernd ein: dass die Liebe keine Zukunft hat, sie ist immer Gegenwart, oder sie ist es nicht, Liebe gibt es nur im Entstehen; das sei, für einen Zukunftsroman, ein schwieriges Sujet. …”

* * *

Zeit macht melancholisch. Das Hamsterrad ist leer, pendelt sich quietschend aus – temporärer Minimalismus. Zeit-Diogenes …

* * *

Wer Zeit “hat”, sollte es niemandem verraten. Genau dafür wird sie ihm gestohlen. Mit Gips zum Beispiel, der eine Bohrung füllen sollte; mit der Vollendung eines Kabelschachtes oder mit Rasenmähen … ~ mit allem Möglichen, was den Intentionen der Diktatur des Matriarchates entsprießt.

* * *

„Mein sind die Tage nicht, die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein. Und nehm ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“
Andreas Gryphius, Epigramme

* * *

“Heute habe ich wenig Zeit” werde ich nachher lügen und mich damit beruhigen, dass dies ein guter Kompromiss.

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Englischer Humor

Es ist eine Komödie: Irgendein lustiger Delinquent ist geschnappt und steht unter dem Galgen. Der König gewährt ihm einen letzten Wunsch.

“Ich möchte vor meinem Tod noch unbedingt Chinesisch lernen.”

An jenen Film kann ich mich ansonsten nicht sonderlich erinnern und “Englischer Humor” ist eher eine meiner Vermutungen – @… – JEDENFALLS WILL LARA NUN DEUTSCH LERNEN.

“So richtig lernen”, sagt sie. So mit Lehrer, Unterricht und Hausaufgaben. Und schrieb sich in eine Deutschlern-Kursliste vor MigrantInnen ein.

Das Verplempern von Zeit verlängert das Leben nicht”, sage ich und werde prompt missverstanden.

Nein. Ich halte sie nicht für doof – ich glaube aber, dass dem Menschen eine gewisse Lebenszeit programmiert ist. Erst kommt das Kinderkriegen, dann der Haarausfall, nicht umgedreht. Erst lernt man Sprachen, dann spricht man damit. Was du mit 50 nicht erlernt hast, fällt dir mit 51 schwer.

1, 2, 3 im Sauseschritt
Eilt die Zeit – wir eilen mit.

Derweil ich weiß, wer diesen Wettlauf gewinnen wird: Nämlich die Zeit.

Der Spiegelei-Jibber

“Jibber” ist eine Vokabel aus Sachsen-Anhalter-Mundart. Macherorts, wie in Halle an der Saale beispielsweise, bedeutet “Jibber” unbändigen Appetit auf etwas Konkretes haben.

Wahrscheinlich war es gestern Hunger, der Tribut verlangt, denn PLÖTZLICH HATTE ICH JIBBER AUF SPIEGELEI. Dem gab ich nach.

Obwohl ich mir nur zwei Eier in die Pfanne haute, war mit hinterher so schlecht, als hätte ich zwei Dutzend verzehrt. Absurde Nebenfolgen einer Diät: Man will plötzlich etwas total Unnützes essen, doch gibt man der Sehnsucht nach, wird einem schlecht.

*schäm*

Angewandte Märchen

<jubel>
Heute früh waren es “Siemunsiebzich-Siem”!
</jubel>

Derzeit würde ich auf eine hypothetische Frage nach dem Gegenstand, den ich unbedingt auf eine einsame Insel mitnehmen wollen würde, “eine Waage” antworten. Und bevorzugen würde ich aus dem Club der Waagen unsere kleine, zuvor hässliche und lange Zeit verschmähte Waage, welche einst im Schlafzimmer vor sich hinstaubte.

Sie macht mich glücklich, seit ich ihr den Namen “Mascha” gab.

Eines schönen Tages wollte ich nämlich, dass Mascha meine Freundin wird. Nun – seit sie es ist – gebe ich mir Mühe, sie nicht zu enttäuschen. Wir kommunizieren auf unsere Art. Wenn Lara beispielsweise “soll ich uns Plinsen backen?” vorschlägt, schiebe ich Mascha vor.

“Gern. Was aber wird Mascha dazu sagen?”

In der kurzen Zeit, seit ich der Waage einen Namen gab, verlor ich 7 Kilo. Ohne Stress, und in voller Harmonie mit mir selbst, weil stets darauf bedacht, eine gewisse Mascha nicht zu enttäuschen.

Die Rumpelstilzchen-Methode: Jedes Problem ist lösbar, wenn man es richtig zu benennen vermag.

Gestörte Denkverhältnisse

Wir müssen das gescheiter machen
Eh‘ uns des Lebens Freude flieht.

So spricht der Teufel zu Faust im Studierzimmer UND DER KERL HAT RECHT: Unser Menschen Lebenszeit ist nun einmal sehr-sehr befristet, niemand sollte daher das Wirklichkostbare – die Zeit – verplempern. Doch „welch sonderbares Ding sind die Verhältnisse“ (Braun)*, die uns vorrangig zwingen, Dinge zu tun, die wir möglicherweise innerlich ablehnen. Die Kategorie „Produktionsverhältnis“ bekommt, dergestalt bedacht, neuen Sinn, weitere Wortspiele wie „Denkverhältnisse“ sind demnächst beabsichtigt …

* * *

Gestern. Telefon. Lara nimmt an.

„… oh-ja, prima, gern, wir kommen mit Vergnügen, gleich sind wir da.“

Ich höre und staune: „Wir?“

Was zum Teufel ist das für ein Wir? Ein Pluralis Majestatis? Oder der Bescheidenheitsplural? Oder gar … – ach nee: Laras „Wir“ ist ist ein Familienplural – Pluralis Familiaris – von ihr angewandt, um dem Teilnehmer innerfamiläres Einverständnis zu suggerieren. Wogegen ihr mir gegenüber eine kurze Order genügt: 

„Wladik ist in der Stadt. Wir sind ins Restaurant Pharos eingeladen und: Er ist bereits dort UND WIR GEHEN HIN.“

Blöd, dass ich nicht immer gleich ans Telefon gehe, denn UNS wäre sicher eine Ausrede eingefallen.

Nun gehen WIR hin, ziehen UNS an, obwohl WIR noch unheimlich viel zu lesen hätten, obwohl Servus-TV das Spiel der Pinguine gegen die Eisbären live und in voller Länge überträgt und obwohl nicht eine E-Mail gecheckt ist.

Früher bot sich mir manch Restaurantbesuch die Alternative Trunkenheit. Nun aber – seit ich kaum noch Alkohol trinke – ist die anstehende Langeweile alternativlos. Russen lieben nämlich Mystizismus und reden gern darüber.

Wladik glaubt zwar nicht „so richtig“ an Gott, kennt aber eine Frau, die für ihn betet. Als die eines Tages schwer krank wurde, habe er es genau gemerkt. Ach-ja und: Russland scheint den Glauben wieder gefunden zu haben, den Leuten geht es besser, „das hängt alles irgendwie zusammen“. Neulich, als eine seiner vielen Bekannten in Wladiwostok verunglückte, habe er das ganz genau gemerkt, mitten in Potsdam, habe dort angerufen und just in dem Moment sei sie gestorben. Man kann sich eben immer noch nicht alles erklären, doch wer wirklich sein Glück sucht, sollte unbedingt alte Kirchen aufsuchen, die sind nämlich bereits „abgebetet“, so dass der Weg zu Gottes Ohr schneller vonstatten gehe.

Ich blieb die ganze lange Zeit sehr-sehr höflich und sehr-sehr geduldig. Schwieg meist. Und manchmal gelang es mir sogar, hinter einem aufmerksamen Gesichtsausdruck richtig schön wegzuhören.

Zu Hause wollte Lara unbedingt ein Feedback. Er ist schließlich ein alter Freund. Und früher – vor dessen abstrus-mystischer Phase – hatten wir viel gemeinsam –

„na? War doch gar nicht sooo schlecht, wie von dir befürchtet?“

– und dafür, dass wir dem Mann moralisch verpflichtet sind (er half uns einst in einer komplizierten Situation über einen Berg) lief es ausgezeichnet.

Aber zu Hause und unter vier Augen formulierte ich meine neue Lebensmaxime:

Wir sollten uns von nun an bemühen, mit der verbleibenden Lebenszeit sparsamer umzugehen.

* * *

Ach-ja, und … – klar, wie sollte es auch anders sein? – die Eisbären bezwangen natürlich in meiner Abwesenheit die Krefelder Pinguine, und zwar mit 7:3.

———

* Volker Braun, Berichte von Hinze und Kunze:

“Welch sonderbares Ding ist die Vernunft, sagte Kunze. Immer wieder versuchen Leute, ihre Vernunft einzusetzen. Aber immer wieder raten ihnen die Verhältnisse, vernünftig zu sein. – Welch sonderbares Ding sind die Verhältnisse, sagte Hinze.”

Das Wolga-Syndrom

Des Bloggers Konflikt: Soll man einen Witz sofort erklären? – Vorher vielleicht? – Oder sollte man erst einmal alles so heraus lassen als würde jeder alles verstehen können, was ja irgendwie nicht stimmen kann, sich anschließend virtuell Verduztheit vorstellen, um dann … – … – @??? – @! – ? – Vielleicht ist es ja auch Jacke wie Hose?

Jedenfalls zog in unser Haus, nur zwei Aufgänge weiter, eine Familie, ein älteres Paar, dessen femininer Teil sich – wie optisch naheliegend – in Russland sozialisierte, derweil er wohl aus Deutschland kommt.

„Aha – wie Sie!“

„Wieso wie wir? – Meine Frau kommt aus der Ukraine.“

(Ukraine/Russland – Die Deutschen kapieren diesen gewaltigen Unterschied wohl nie?)

Ihr Zugezogensein erkennt man unter anderem auch daran, dass sie stets – wie dortzulande üblich – so laut in die Sprechmuschel brüllt, dass man es mindestens bis zum nächsten Parkplatz, vielleicht sogar bis zur Straßenmitte hört, und dies sogar tagsüber, und auch wenn viel Verkehr.

* * *

Gestern stehe ich auf der Straße und unterhalte mich. Just in diesem Moment fängt besagte Russin an, zu telefonieren. Was das bestehende Thema der Unterhaltung beendet, denn ich, der Oberexperte für Migration,  soll die Frage „wieso brüllen Russinnen immer, wenn sie telefonieren?“ beantworten.

Die normale Erklärung wäre „Gewohnheit“.

Jeder Sowjetbürger sah sich einst gezwungen, Unzulänglichkeiten vaterländischer Technik durch Lautstärke zu kompensieren. Das Anbrüllen von Geräten wurde im Laufe der Zeit zur gesellschaftlichen Gewohnheit.

*

Ein Deutscher besuchte einst einen befreundeten Freund in Leningrad. Vor dessen Haustür hörte er die Frau seines Freundes schreien und machte sich Sorgen ob der Gesundheit. „Was ist passiert?“, will er wissen.

„Du machen keine Sorgen! – Frrrau sprrrechen mit Moskau.“

„Ach sooo – doch wieso benutzt sie dafür kein Telefon?“

(Typischer Stagnationsperiodenjoke)

*

Ich könnte also einfach nur mit „Gewohnheit“ die Frage beantworten. Dazu diesen Joke vom Moskauer Telefonat und die Antwort wäre vollständig gegeben. ABER NEIN – irgendein Teufelchen reitet mich, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Dergestalt dass ich mich selbst über meine, unten beigefügte Erklärung wundere.

Das kommunikative Brüllen der Russinnen ist genetisch bedingt. Deren Flüsse sind ziemlich breit, auch heute noch, und breiter als die Flüsse Deutschlands. Es gab immer schon viel zu wenig Brücken. Wenn also eine Schwester ans andere Ufer der Wolga heiratete und von der eigenen Familie etwas wissen wollte – zum Beispiel das Rezept für Plinsen mit Kapusta – musste sie naturgemäß lauter rufen als eine Deutsche vom linken zum rechten Ufer des Rheins (oder der Elbe). So entstand eine jahrhundertealte Tradition.

Russisch Kommunikation und Lautstärke bilden eine dialektische Einheit. Sie verhalten sich direkt proportional zueinander: Je lauter das Wort, desto besser ist die Verständigung.

*grins dazu*“

* * *

Im Übrigen lässt sich alles am anderen Ende der Leitung problemlos ausgleichen. Einfach den Hörer einen Meter vom Ohr entfernt halten – schon kürzt sich jeder Brüllkoeffizient wieder raus.

Das glückliche Gärtnerlein

Es war einmal vor vielen-vielen Jahren …

In einer Stadt namens Potsdam lebt ein wackerer Bursche, der sich seine innere Liebe zu Blumen, Pflanzen und sonstigem Gewächs zum Beruf gemacht hatte. Er besitzt einen grünen Daumen und so gedeiht alles, was er pflanzt. Wunderschön sind seine Gärten, wunderschön ist, was er tut.

Zugegeben: das Salär ist nicht sonderlich üppig, doch es reicht den Bedarf zu decken. Was das glückliche Gärtnerlein zufrieden macht. Mit sich und der Welt.

Besser: „machte“, denn eines Tages erschien ihm ein hübsches Weib aus der Sowjetunion voll natürlicher Erotik, zahlreichen hübschen Formen und einer Stimme mit sexi Akzent. Wenn sie „Errringssssalat“ sagte, schwoll dem Gärtnerlein ein gewisses Glied, er konnte nicht widerstehen.

Kurz und gut: Er nahm sich irgendwann dieses Weib zur Frau. Tauschte Zufriedenheit gegen Unrast, denn von nun an galt es Schuhe, Kleidung, Schmuck zu besorgen und natürlich auch – YOLO! – Partys zu veranstalten.

„Schützenfest, Casinobälle – Ikra, das ist ihr Leibgericht,
Russendisko und Konzerte – ohne sie da geht es nicht.“

„Erfüllte Wünsche kriegen junge, wie Säue“ wusste bereits Wilhelm Busch. Beider Leben entwickelte sich exponential in einem Koordinatensystem zwischen Zeit und Geld. Und da das einst glückliche Gärtnerlein nicht stehlen wollte, machte es unzählige Überstunden, was schließlich bei weitem nicht ausreichte, des Weibes Bedarf zu decken.

Plötzlich – PENG! – war das Weib aus der Sowjetunion wieder zu haben.

Wieder vergeht einige Zeit.

Des Gärtners Ablösung sei nun – sagt man sich so – ebenso verloren wie einst das Gärtnerlein und betäube daher regelmässig – sagt man sich so – Kummer mit Alkohol, derweil sich unser Gärtnerlein für Fußball interessiert, für Frauenfußball, für Turbine Potsdam, (auch für die deutsche Frauenfußballnationalmannschaft – das aber nur nebenbei).

Kein Heimspiel ohne Gärtner und auch auswärts ist das glückliche Gärtnerlein oft dabei, gemeinsam mit seinen vielen neuen Freunden, die mit ihm (s)ein Hobby teilen.

„Ole-ole, Turbine Potsdam, ole!“

Derweil der Hexe Zaubertrank – offensichtlich – nicht mehr wirkt und sie daher so aussehen muss, wie sie wirklich ist. Aller Chirurgie zum Trotz. Dabei – fast ist das nun Folgende sogar zum Lachen – nicht wahrhaben wollend oder nicht wissend, dass man ihr das Aussehen auch tatsächlich ansieht.

Demgegenüber kann man(n) glücklicher nicht sein. Und wenn der Gärtner nicht gestorben ist, lebt er heute glücklich und zufrieden.