Die Komik danach

Alles ist vorbei und ich habe das Bedürfnis einfach einmal “raus” zu gehen. Irgendwohin weg. Nur um allein zu sein. Allein-allein. Total allein.

Doch das Bedürfnis nach Einsamkeit – Единочество* – ist einer Ukrainerin nur schwer zu vermitteln. Also denke ich mir hilfsweise fiktive, mich begleitende Umstände aus:

“Du Lara, wir wollen uns heute treffen, ein paar Jungs und ich …”

Sie guckt als wüsste sie Bescheid, sagt anteilnehmend “schon gut” und spricht ausgerechnet in diesem Moment den nervigsten Satz aller nervstmöglichen Sätze:

“По этому поводу есть анекдот…”

Auf Deutsch: “Zu diesem Anlass gibt es eine Anekdote.”

*kurz nachgedacht*

Ja! Stimmt – Anders kann man diesen Satz tatsächlich nicht übersetzen ~ @und doch ~ …

Deutsch ist nicht gleich Deutsch. Dieser Satz ist mit dem Spruch “grüner wird’s nicht mehr” an deutschen Ampeln zu vergleichen. Inflationsmist sozusagen.

Aber so sind Osteuropäer: Erklären sich die Welt in Anekdoten. Was dem Deutschen die Regel, ist dem Ukrainer der Witz.

По этому поводу есть анекдот” – hier also der zugehörige Witz, in welchem sich ein Mann von seiner Frau verabschiedet.

“Du Frau, wir wollen uns heute treffen, ein paar Jungs und ich …”.

“Gut, aber du kommst mir unbedingt nüchtern nach Hause!”

“Einverstanden und tschüss! – <pause>…</pause> – Wir sehen uns also frühestens übermorgen?”

————–

* Единочество – schwer zu übersetzender Neologismus, welcher in der russischen Sprache Einzigartigkeit und/oder Einigkeit (Единство) mit Einsamkeit (Одиночество) verbindet.

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Hündische Ambivalenz

Zu Hause treffen wir auf sichtbar gemischte Gefühle: Der Hund will sich beschweren, weil er sich zu stark allein gelassen fühlte – gleichwohl freut er sich, dass wir wieder da sind. Jault anklagend und wedelt dabei mit dem Schwanz ~ unser Hund ein lebendes Oxymoron!

Jessenin fällt mir wenig später ein, der große Dichter … Moskau … 9. Klasse, Literaturunterricht:

Кого позвать мне? С кем мне поделиться
Той грустной радостью, что я остался жив?

Was alles-alles nichts – aber auch gar nichts! – miteinander zu tun hat.

Er ist nun beerdigt und damit lasse ich es jetzt gut sein.

Beerdigung

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Für mich:

So werden wir also heute am Grab stehen, am offenen,
Werden hier dem Tod Blumen überreichen.
In unbewusster Erkenntnis unserer Lieblosigkeiten zeitlebens
Und in bewusste Verdrängnis: Einer von uns ist nun der Nächste.

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Für hildegardlewi:

Kommt einst zu mir der Sensenmann;
Sag ich ihm: “Bin noch nicht dran!”.
Erst nach einem Pulitz-Preis,
Beende ich des Lebens Sch´…

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Für U.:

Leben ist immer eine Alternative – Vorher schon.

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Für B.:

„Die Glocken klingen, klingen viel anders denn sonst, wenn einer einen Toten weiß, den er lieb hat.“ (Martin Luther, Tischreden)

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Für die Sachsen-Anhalter:

Den Friedhof findet Ihr gleich wenn Ihr reinfahrt, auf der linken Seite.

Bemerkenswerte Trauer

Immer weniger ist immer mehr, behaupte ich, “immer mehr ist immer weniger” behauptet Precht – beides sei Jacke wie Hose, sagt meine Frau.

Wiedemauchsei: Hiermit greife ich eine Gelegenheit beim Schopf, um einige Gedanken herbeizuzitieren.

Die Wurzeln menschlicher Moral liegen nach Precht (der sich auf den Primatologen de Waal beruft) “in Kooperation und Trösten, Dankbarkeit und Gemeinschaftssinn”. Emotionen machten – wahrscheinlich – mehr Mensch aus uns, als jeder aufrechte Gang. Mitleiden ist die Vorstufe zum Menschsein.

Der Keim zum Guten soll aus Geselligkeit entstanden sein. Konfliktlösung machte den Anfang, Mitgefühl und Fairness kamen später hinzu – eine Abfolge kleiner Schritte. Bis zum “emotionalen Reflex”, ausgelöst durch das Verhalten anderer.

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trauer

“Mutterherz” heißt das Bild von Witalij Wachruschew aus Jaroslawl, aufgenommen an einem Jahrestag des Truppenabzuges sowjetischer Truppen aus Afghanistan.

Dieses Bild lässt mich (mit)trauern. Wohl weil der tote Soldat jünger als ich, wohl weil wir wissen können, dass Afghanistan so sinnlos war (und immer noch ist) und vor allem, weil es für jede Mutter schlimm sein muss zu verlieren, was sie “groß” zog.

Weil die Zeit des Soldaten noch nicht gekommen war.

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Am Freitag wird mein Vater beerdigt und meine Trauer ist – wie es der Russe zu sagen pflegt – “normal”. Sie hält sich in Grenzen. Wohl weil es ein langes Sterben war, wohl weil es lange klar war, wohl weil eine böse Krankheit ihn lange Zeit quälte, wohl weil was ist, nun besser ist, als dass, was war.

Weil die Zeit des Vaters längst gekommen war.