Die Vampir-Opfer-Dialektik

18. Tag

Mein neues Update beinhaltet Verständnis aus Zuhören. Und dies – Schwierigkeit Stufe 3 – ohne dabei zu versuchen, das Thema zu wechseln. Also den Anderen ausreden lassen, um nachzufragen.

Früher galt: Solange ich rede, kann mich niemand langweilen. Heute bin ich eine Art Paulus, der früher Saulus war – ein Paulus, der zuhört.

Thema: Menschliche Sozialbeziehungen.

HEUTE HÖRE ICH GEDULDIG, wie Lara menschliche Sozialbeziehungen mit Vampir-Dialektik umschreibt.

“Bei den meisten Menschen ist es so: Einer ist immer “донор” (= Donor, der Spender), der jeweils Andere ist der zugehörige Vampir. Einer gibt, der andere nimmt. Geben und Nehmen sind eine dialektische Einheit. Wer saugen will oder muss, sucht sich immer jemanden, der sich saugen lässt …”

Soviel zum Thema “Saugen” – Zuhören sucks, wenn eine Argumentation eine These immer wieder in neue Klamotten kleidet und der Fantasie keine Grenzen gesetzt werden. Stundenlang kann es so weiter gehen: Hammer oder Amboss, Ohm oder Unten, Vampir oder Opfer … ~ dergestalt, dass mir bereits beim ersten Feldversuch Zweifel an meinem Software-Upgrade aufkommen.

“Wer, meinst du, ist in unserer Beziehung Vampir, wer Opfer?”

Sie guckt, als sei dies die dümmste Frage der Welt.

“Ich sagte doch: Bei den meisten Menschen! Sind wir etwa “meisten”?

Möglicherweise ist ausgerechnet “meisten” die Ausnahme, welche die Regel bestimmt.

Die Sprachparadoxien einer Beziehungskonstante

Die russische Vokabel für “Ehe” lautet “брак”. Janusköpfig, finde ich, weil “брак” nicht nur “Ehe” bedeutet, sondern auch “Ausschuss” oder “Murks”.

Demgegenüber kommt eine deutsche Ehe aus dem Althochdeutschen ge(sp|k)rochen daher, worin die Vokabel für “Ewigkeit”, “Recht” und “Gesetz” stand.

Die russische Ehe-Vokabel kann also Murks bedeuten, derweil die deutsche Vokabel vorgibt, Fels in einer Brandung zu sein, Trutzburg, Schild, Anker … – ~ – Was wiederum anhand vergleichenden Sozialverhaltens insbesondere ab der 1990er Jahre geradezu absurd ist. An die Stelle von “Ewigkeit, Recht und Gesetz” setzten die Deutschen “Einigkeit und Recht und Freiheit”, dergestalt dass man sich nach dem Akt der Eheschließung unverhohlen fragen darf:

“Wir sind uns also einig, dass wir auch weiterhin das Recht auf Freiheit haben?!”

Wogegen man sich in Osteuropa wenigstens bemüht, eine Ehe gar nicht erst Murks, bzw. Ausschuss, werden zu lassen. Mit zahlreichen Verhaltensmustern, die ich – solange ich keine bessere Erklärung finde – “instinktiv” nennen möchte.

“Deine Frau sagt immer, DU müsstest dies und jenes entscheiden. Unterdrückst du sie etwa?”

“Im Gegenteil!”, behaupte ich voll überzeugt. Wohl wissend, dass – mit Ausnahme wichtiger Dinge, wie Elektronik, Auto oder Software – SIE alles entscheidet (nach Rücksprache zwar – aber das wiederum, ist reine Formsache.) Also: Jede Balkonpflanze, jede Gardine im Wohnzimmer, jeder Fisch, der uns auf den Tisch kommt – alles ihre Wahl.

“Frau entscheidet selbst” ist eine Option, die ich darüber hinaus bei Gelegenheit öffentlich zur Schau stelle. Es ist nämlich lustig, in das Gesicht eines Hausierers zu gucken, der gerade von einem südländisch aussehenden, stark nach Macho riechendem Mann – dem typischen Migrationshintergründler also – zu sagen bekam:

“Das kann ich überhaupt nicht selbst entscheiden – bei uns entscheidet immer nur die Frau!”

Einer trägt des anderen Last. Wer sich in einer Beziehung hierauf verlassen kann, lebt ruhiger. Dessen Ehe ist vor Viren geschützt.