Die Amerikanisierung des Abendlandes

NCIS ist in den USA laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Harris Interactive aus dem Jahr 2011 “the favorite television show of all time” – die beliebteste Serie aller Zeiten. Was natürlich zur Folge hat – ja: haben muss! – dass so etwas auch bei uns hoch und runter gesendet wird. Wer nachts zufällig auf SAT 1 zappt, sieht fast immer nur wie ein gewisser Special Agent (neudeutsch gesprochen: “Speschel Ätschend”) Leroy Jethro Gibbs ermittelt.

Jeder Erfolg zieht weiteren Schrumms nach sich. Man nehme also einen autoritär-patriarchalische Chef, der Widerspruch nicht duldet, dazu eine Hübsche, wegen der erotischen Spannung, einen jungen Nerd, der in Computern wohnt, mische alles mit einem Streber und einem Opa, gebe zum Schluss ein “perky-Goth-tech-girl-with-pigtails-and-skull-shirts” hinzu – FERTIG IST DIE QUOTE.

ncis

Auch die Krimis der Deutschen folgen dem Ruf der Quote. Offenbar wird es auch in Deutschland zunehmend “interessanter”, den Macho ermitteln zu sehen.

Dabei kann mir das alles schnurzpiepegal sein – isch abe gar keine Fernseha – jeder soll gucken was er braucht. Aber mich interessieren Dinge, die niemand außer mir zu beachten scheint, nämlich: Absolute Nebensächlichkeiten, die als Indikatoren gesellschaftlichen Rückschritt markieren.

Wenn sich Chefermittler Gibb – beispielsweise – für eine Person interessiert, fragt er sein Team kurz: “Kreditkartenabrechnungen?” und weiß Bescheid.

“Bewegungsdaten?”

Man braucht in der Serie keinen Gerichtsbeschluss, keinen Antrag bei irgendwelcher Staatsanwaltschaft, keine ausgefüllten Formulare oder sonstigen bürokratisch-menschenrechtlichen Kokolores.

SAFTY FIRST! – Was sind Bürgerrechte gegen den Heldenmut einer US-Behörde?

aufenthaltstitelAls Lara seinerzeit ihr erstes Handy kaufte, trug der Händler einfach “ausländischer Reisepass” in ein Formular. Heutzutage muss sie auch bei einem Pre-Paid-Handyvertrag neben ihrem Reisepass den Aufenthaltstitel vorlegen, den sie nur erhielt, weil sie bereit war, sich hierfür ihre Finger scannen zu lassen. Zum Handykauf für Ausländer in Deutschland gehört darüber hinaus ein aktueller Wohnsitznachweis, ausgestellt vom jeweiligen Bürgeramt mit amtlichen Stempeln verziert.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, diese Daten verknüpft zu sehen. Dergestalt dass ständig einer der Speschal Ätschends sein Team einfach nur fragen braucht: “Lara?”, um sofort zu wissen, was vorgestern Laras Stiefel gekostet haben.

Bald wird man auf die Fingerabdrücke aus dem Aufenthaltstitel verzichten können, denn es gibt gewissen vorauseilenden Gehorsam:

fingerabdruck

Der Bild-Untertitel ist ein zusätzlicher Joke.

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Als 1989 die Berliner Mauer fiel, dachten viele Ostdeutsche darüber nach, was sie einbringen könnten, in die für sie neue alte Bundesrepublik – doch außer grünem Pfeil fiel niemanden Bedeutendes ein. So blieb die wichtigste historische Erkenntnis aus der DDR ungenutzt: Auch das akribischste Datensammeln nützt nichts.

Wäre es anders, gäbe es die Stasi heute noch.

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gucken_nicht_street_artNur zum Spaß und hier nur zwei (von vielen möglichen) Beispiele: Nehmen Sie sich Ihr iPhone zur Hand und tippen Sie einmal *#5005*7672# ein. Oder *3001#12345#*

Anschließend ENTER nicht vergessen!

Die erste Kombination zeigt die jeweils aktuell verwendete SMSC-Nummer des iPhones an (die SMSC ist die Kurzmitteilungszentrale, also die Stelle, die die SMS empfängt und weiterleitet), die zweite Kombination öffnet den Feldtest-Modus Ihres iPhones (der Feldtest-Modus zeigt Informationen des iPhones im Zusammenhang mit dem Handy-Netz an und liefert eine Menge Informationen, z.B. zur aktuellen Verbindung und deren Qualität).

Gewisse Funktionen – rate ich einfach so – sind natürlich auch aus der Ferne zu bedienen. Von zahlreichen Speschel Ätschends oder – wir sind ja nicht blöd! – von deutschen Ämtern.

Treppenwitz der Geschichte: Wir wissen bereits, dass auch massenhafte Verletzung von Persönlichkeitsrechten ein System nicht stützt und lassen es trotzdem zu.

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Quellen:

http://www.iphone-tipps.de/die-apple-iphone-codes/
https://www.facebook.com/StreetArtGermany

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