Zeit aus Beton

6. Tag

Manche Leute wollen sich nur “treffen”, weil ihnen nichts Besseres zum Leben einfällt.

Wobei das Sichtreffen mit relativ unbekannten Russen im Schnitt eine Stunde dauert und stets begleitet wird, vom einseitigen Wunsch, sich anfreunden wollen. Wovor mich Gott bewahre, weil man sich “als Freund” künftig nicht mehr entziehen kann. Man ist von da an nicht nur für sie und deren Freunde, sondern auch für die Freunde ihrer Freunde Jurist, Handwerker, Entertainer und Sobutilnik (vielleicht mit “Saufkumpan” noch am ehesten zu übersetzen, wörtlich heißt es “Mitfläschler”) in einer Person.

Der heutige Russe hatte sich bereits einmal mit mir getroffen, nur um mir in epischer Breite mitzuteilen, dass er einen Brief benötigt. Welcher demnächst etwa 8 bis 10 Minuten meiner Zeit in Anspruch nehmen wird. Dann will er sich erneut mit mir “treffen” –

“’tschuldigung, aber mein Internet ist kaputt. Daher kann ich keine elektronische Post empfangen”

– nur um den Brief persönlich in Empfang zu nehmen.

Anschließend soll ich mitkommen, ihn abzugeben, falls es irgendwelche Fragen geben sollte.

“Stecken Sie den Brief doch einfach in den Briefkasten!?”

“Aber auf die Post ist doch kein Verlass!”

“Ich meine doch: In den Briefkasten an der Tür der Verwaltung.”

“Ja klar. Aber wenn wir [sic!] ohnehin einmal dort sind, können wir den Brief auch persönlich abgeben. Und falls es Fragen gibt, können Sie ja gleich …”

* * *

Ostrowski fällt mir ein. “Как закалялась сталь” – “Wie der Stahl gehärtet wurde”:

“Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn sinnlos verbrachte Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer kleinlichen, inhaltslosen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten in der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht. Und er muss sich beeilen, zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen.”

Wenn man den Einschub – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – ersetzt oder völlig weg ließe, dann ist das Zitat, finde ich heute, ganz passabel.

Und: Jetzt wäre wohl die beste Zeit für einen Schulaufsatz.

* * *

Aaaber ~~~ A bissel fies bin ich gern.

Die Verwaltung schickte dem Migranten nämlich eine “Vereinbarung” zur Unterschrift, worauf ich meinen Russen Ukrainer  – YPS. Selbst mir passieren solche Fehler! – wie folgt (nicht) reagieren lasse:

“Gleichwohl bedanke ich mich für den Entwurf einer Vereinbarung in Ergänzung zu meinem Mietvertrag. Derzeit kümmere ich mich diesbezüglich um anwaltliche Rat. Noch ist unklar, ob ich die Vereinbarung unterzeichnen muss.”

Immer schön Öl ins Feuer!

Nicht “nein”, nicht “ja” und um Himmelswillen kein “vielleicht”. Jedes Unklar lässt Flammen lodern.

* * *

Der hier gefällt mir übrigens ebenfalls:

“Wie Sie sicher wissen, hat der Bundesgerichtshof zu ähnlichem Fall bereits geurteilt. Sie können es unter BGH AZ VII ZR 67/08 finden.”

<eigenlob>
Heute bin ich das Bayern München der Migrationsberatung.
</eigenlob>

* * *

Ein ukrainisches Gebet ist ausgerichtet auf die Strafe Gottes:

Lieber Gott, mach dass ihn furchtbare Diarrhö genau dann plagt, wenn nirgends Klopapier aufzutreiben ist!

Was auch immer sonst dahinter steckt, WIR HABEN STETS PAPIER IN ÜBERFLUSS. Wenn drei Rollen im Schrank, wird neues gekauft.

Heute findet ein Hamsterkauf deshalb statt, weil die TÜV-Hauptuntersuchung immer noch anstehend ist. Im Vorfeld derselben wird uns – möglicherweise – das Auto für eine gewisse Zeit nicht zur Verfügung stehen (drei, vier Tage). Also gilt es rasch zu horten, was zu horten geht.

Lara bestellte sicherheitshalber Klopapier.

klopapier

Und Granny kommt gleich selbst mit. Sie hat zwar weder Hund noch Katze, kauft aber immer wieder Hunde- und Katzenfutter. Derweil ich – der Fahrer – mir einige noch nicht benötigte Flaschen Bitter Lemon kaufe. Jeder Mensch hat so seine Marotten, jeder ist in sich widersprüchlich. Die Dame, die nicht mehr vor die Tür geht, studiert tagtäglich den Wetterbericht und der Herr, der nicht mehr lange zu leben hat, verbringt seine Zeit vorm Fernsehgerät.

* * *

“… Ach-ja und: Lotto. Bitter verlängere meine Scheine über den 9. Februar hinaus.”

“Das brauchst du doch nicht so lange, wenn du demnächst gewinnst?!”

“Aber ich gewinne doch nie.”

* * *

Lottostand. Bild.

bild-sport-steuer

Der Bericht über den berühmten Steuersünder steht unter der Rubrik “SPORT” und das finde ich komisch. Wenn das Schule macht, sehen wir im TV demnächst keine Krimis mehr, sondern Sportis.

* * *

Einen Trick ließ ich mir einfallen: Dem Ukrainer, der sich am Straßenrand postiert hatte, gab ich den Briefumschlag aus dem Auto mit laufendem Motor.

“Tutmirleid. Superdingend. Hochstrahldüse. Muss uuunbedingt weg. Dringenst.”

So spare ich etwa 45 Minuten.

Luftblasen ans Amt

Warum Russen Briefen so große Bedeutung beimessen, kann ich nur vermuten. Vielleicht ist ihnen jeder Brief so eine Art “Materialisierung des Standpunktes”, vielleicht ist es aber auch ein Überbleibsel aus jener Zeit, da noch nicht jeder des Schreibens kundig war.

“Ну, пока! Пишите письма!” sagte einst Ostap Bender, der große Kombinierer – und seither schreiben Russen lange Sätze und kommen zu mir, um sich Endlosigkeit  übersetzen zu lassen. Wohl weil ich so schön Deutsch kann ward ich zum Keyboard-Sisyphos.

Vor Jahren bemühte ich mich noch zu erklären, wie ein deutscher Beamter funktioniert. Was regelmäßig zu Diskussionen führte. Bis ich endlich erkannte: Man fühlt sich besser, wenn man sich so verhält, wie aus eigenem Kulturkreis gewohnt. Ob es Sinn macht oder nicht.

Und ich bin schneller fertig, wenn ich den aufgeblasenen Kram einfach übersetze. Denn macht man es richtig, kann man nur verlieren: Der Übersetzer trägt immer die Schuld für eine Ablehnung, wird jedoch bei Zustimmung vergessen.