Entschleunigung

4. Tag

Ich bin putzmunter, fotografiere die Reste des Abends …

restalkohol

… und nenne das Bild “Restalkohol”.

Dazu erfinde ich einen Joke, den ich in das Jahr 1977 verlege. Irgendwelche Jungs sitzen zusammen und einer sagt:

“Stell dir vor, du hast eine Feier und niemand will Bier”.

*grööööhl* ~ *schenkelklopf* ~ ROFL!

Dazu passt ein Spruch aus dem Jahre 1968…

“Как говорит наш дорогой шеф, за чужой счёт пьют даже трезвенники… и язвенники!”

(“Wie sagt unser werter Chef: Auf andere Leute Kosten trinken sogar Alkoholgegner und Magenkranke.”)

… aus dem Kinofilm “Ein Arm voller Brillanten”.

Nichts davon ist inzwischen wahr.

* * *

Dieser Sonntag beginnt ruhig.

Demnächst – nehme ich mir vor – werde ich sonntags IMMER eine Stunde später aufstehen. Also nicht wie sonst 4:30 Uhr, sondern erst 5:30 Uhr. So könnte die Woche Struktur bekommen. Und: man spürt bereits so in den allerfrühesten Morgenstunden, dass Sonntag ist. Viel ausgeruhter beginnt solch Tag. Obwohl es heute – und somit isses wieder Quatsch – um 5:30 Uhr genauso spät ist wie gestern um 4:30 Uhr. Fuck the Zeitumstellung!

* * *

Ich pfeife den Hund UND LASSE DAS AUTO STEHEN. “Entschleunigung” ist das Motto des Tages.

Uns begegnen zahlreiche Trunkenbolde, die es nach durchzechter Nacht aus Berlin nach Hause spült. Lärm machen Potsdamer stets in der anderen Stadt, zu Hause kann man schlafen.

Der Nachtbus – fällt mir plötzlich ein – wird andernorts “Lumpensammler” genannt. Ein hübsches Wort – hier, in Potsdam, leider unbekannt. Auch kennt kaum noch jemand das Witzelchen aus der DDR, worin die Pforten der Betriebe erweitert werden mussten, damit die Zuspätkommenden nicht immer mit den Zufrühgehenden zusammenstoßen.

In der Konrad-Wolf-Allee sucht ein Mann seinen Schlüssel.

Derweil sich Mir, mein Unterbewusstsein, an Wilhelm Busch erinnert …

“Das Schlüsselloch wird leicht vermisst,
Wenn man es sucht, wo es nicht ist.”

… fängt der ehemalige Mensch an, zu urinieren.

Was mein Hund mit heftigem Bellen quittiert. Positiv denken heißt nun: Es ist gut, dass sich der junge Bursche nicht auch noch übergeben muss.

“Morning has broken …”

* * *

Granny erzählt beim Frühstück, wie es ihr gestern ging. Diesmal ging es ihr <ironie> ausnahmsweise einmal </ironie> schlecht, aber sie habe sich extra nichts anmerken lassen. Nur um uns nicht die Feier zu verderben.

Unser Geheimnis wird bleiben: Lara und ich hatten es wohl bemerkt, doch wir reagierten nicht. Aus dem selben Grund. Erfahrung lehrt. Egozentrik ist Stimmungskiller.

* * *

Zurück, in der Wohnung, finde ich den iTunes-Gutschein, den mir meine Tochter zum Geburtstag geschenkt hatte und pumpe mir Peer Gynts “Suite No. 1 Op. 46” aus dem Netz. Dazu auch “The First Cut Is the Deepest” von Rod Stewart.

Cat Stevens “Morning Has Broken” wollte ich ebenfalls kaufen, hatte ich aber schon.

Beginne nun, mein Tag!

* * *

Letzteres tippe ich, derweil Lara den Kopf ins Arbeitszimmer steckt:

“Immer hockst du vorm Computer! Hast du nichts besseres zu tun?”

Das habe ich wohl. Der anstehende Termin war sogar langfristig vereinbart. Was ich aber sooo nicht darstelle, sondern:

“Du hast recht. Jetzt suche ich mir aber wirklich eine sinnvolle Beschäftigung!”

Zische ab. Denn ein Russe Ukrainer braucht im Streit mit seiner Hausverwaltung meine Hilfe, weil <zitat> ich so hübsch Deutsch kann</zitat>. Einen Brief soll ich schreiben, der die beknackte Verwaltung wissen lässt, dass er seine TV-Schüssel von der Hauswand entfernen wird. Ich soll den Vermieter schriftlich zum XYZ schicken. Dazu will er sich mit mir extra treffen, obwohl man sich auch hätte einfach nur mailen können …

Solche Treffen sind immer unnötig lang. Daher drücke ich in den Skat, dass die Verwaltung im Recht ist. Guter Rat wird ohnehin selten bezahlt, schlechter Rat macht Kasse. Am lukrativsten ist ein langer Briefwechsel.

* * *

Eine Minute der 7. Symphonie von Schostakowitsch ist einer der Klingeltöne. It’s Granny.

“Wo bleibst du denn?”

@???

“Na wolltest du nicht …?”

Oh wie ich solche manipulativen Formulierungen hasse! Nicht ich, sondern sie wollte, dass ich – und sie hatte es mir darüber hinaus vergessen zu sagen.

20 Minuten später bin ich in im Garten, baue eine Wäschespinne auf und dazu ein Gartenzelt zum Kaffeetrinken nach Ostern und weitere 10 Minuten später …

Nun fällt mir zum ersten Male auf, dass es saukomisch ist, ausgerechnet dieses Posting “Entschleunigung” genannt zu haben.

… skypt mein Freund aus der Westukraine.

Verschiedenes passiert so, vor allem im Osten. Aber …

“… ich kann jetzt nicht, muss noch Wäsche hängen. Dann aber, skype ich dich an.”

Das die Ukrainer Skype so mögen!? Ich finde FaceTime ist besser, aber da niemand mit mir facetimen will, nützt mir das nichts.

* * *

Der nächste Anruf beginnt mit den Worten:

“Hast du heute schon was vor?”

* * *

1909. Am zauberhaften See. Dass sich Ljadow, Prokofjew und Rachmaninow getroffen haben mögen ist erwünschte Legende. In Potsdam wurde ein Konzert daraus gemacht..

Autor: Alex

Heute so, morgen so ...

Senf dazu? - Bitte schön:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s