Das späte Outing

Herr Hitzlsperger ist also schwul.

Die Journaille übertrifft sich derzeit gegenseitig mit „Respekt!“-Bekundungen, so als wäre dieses Outing vom Mars gefallen. Haben wir wirklich keine anderen Themen für unsere Titelseiten? Eishockey zum Beispiel? Viele Männer sind schwul – und das ist gut so. Es erhöht die Chancen der restlichen Mannschaft.

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Wirklich cool ist ein Hitzlsperger-Bekenntnis vor Antritt einer Karriere oder mitten drin – alles andere ist kalter doch Kaffee. Sicher sagte der schöne Thomas nur etwas, was ohnehin viele (die meisten?) in dessen Umfeld lange wissen.

Wie einst von Wowi aus Berlin als der endlich-endlich „ich bin schwul – und das ist gut so“ sagte. Was sich im Übrigen anfühlt als sage Lara „heute gibt es Soljanka“. Was nämlich so ist wie es ist und wie man es isst.

Offenbar sind wir nicht aufgeklärt genug, um ein stinknormales Coming-out ohne „Respekt!“ passieren zu lassen, und dieses alberne „Respekt!“-Gedöns beschreibt den eigentlichen Stand der gesellschaftlichen Toleranz.

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Hitzelsperger will die Diskussion über Homosexualität voranbringen – wozu, wenn Homosexualität normal sein soll?

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„Mir persönlich ist es egal ob jemand hetero-, homo- oder bisexuell veranlagt ist“, postete gestern ein Facebook-Friend.

„Mir persönlich nicht“, kommentierte ich diesen Satz. Bei der Wahl meiner Frau war Sexualität ein Essential, ein ausschlaggebendes Kriterium: Ich wollte unbedingt jemanden heiraten, der weiblichen Geschlechts UND heterosexuell veranlagt ist.

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Kurz vor dem Mauerbau, Anfang der Sechziger, wird ein Mann gestellt, der unbedingt in den Westen will. „Was wollen Sie denn drüben?“, wurde der Grenzverletzer von den Sozialisten gefragt, woraufhin sich diese mit Hinweis auf die Tendenz im Umgang mit Homosexualität zu rechtfertigen suchte:

„Unter Adolf kam man dafür ins KZ, in den Fünfzigern ins Gefängnis, inzwischen wird es überhaupt nicht mehr bezahlt – nun haue ich lieber ab, bevor es noch Pflicht wird.“

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Hätte Hitzelsperger etwas gesagt, wie „ich will, dass es der kleine Philipp nicht so schwer hat“ wäre wirklich eine Diskussion über Homosexualität in Gang gekommen. DAS wäre Domino-Day. Der Stern könnte zu alter Form auflaufen, mit einem Bild von der halben Fußballnationalmannschaft und dem Titel –

„Wir sind alle schwul – na und?“

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Autor: Alex

Heute so, morgen so ...

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