Die Lebenszeit

Wahrscheinlich war es eine ur-ur-uralte Fabel. Notiert – und daher den Deutschen bekannt – wurde sie eines Tages von den Grimm-Brüdern.

“Als Gott die Welt geschaffen hatte und allen Kreaturen ihre Lebenszeit bestimmen wollte, kam der Esel … “

Kurz und knapp: Man bezweifelte in jener Fabel den großen göttlichen Plan, der allen irdischen Kreaturen gleiche Lebenszeit vorgab. Dem Menschen war es beispielsweise zu wenig, dem Esel zu viel. Tohuwabohu. Die größtmögliche Unordnung. Man feilschte so lange mit Gott, bis der klein beigab. Bis ER sich schließlich genötigt sah, sein Urteil zu korrigieren.

So nahm ER die Zeit des einen und gab sie dem anderen.

“… Also lebt der Mensch Siebzig Jahr. Die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre, die gehen schnell dahin; da ist er gesund, heiter, arbeitet mit Lust und freut sich seines Daseins. Hierauf folgen die achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach der andern aufgelegt: er muss das Korn tragen, das andere nährt, und Schläge und Tritte sind der Lohn seiner treuen Dienste. Dann kommen die zwölf Jahre des Hundes, da liegt er in den Ecken, knurrt und hat keine Zähne mehr zum Beißen. Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre des Affen den Beschluss. Da ist der Mensch schwachköpfig und närrisch, treibt alberne Dinge und wird ein Spott der Kinder.”

Nach dieser Rechnung – überlege ich mir heute früh – müssten meine Eselsjahre längst vorbei sein.

Hallo, Ihr Engel da oben! – Hier bin ich! – Hier! – Ich will mich endlich in die Ecke legen dürfen und knurren! – Aber nee: Mir wird eine Last nach der anderen aufgebürdet.

Notabene: Die Fabel scheint ungenau. Der menschlichen Lebenszeit fehlen zwischen Hund und Affe noch die Jahre des Oberlehrers und die des Polizisten.

Ach-ja und: Menschliches Verhalten ist hormonell gesteuert. Die biologische Uhr gibt die Muster vor. Das Ende der Lebenszeit ist vom Bedürfnis nach Nachhaltigkeit dominiert. Die Bilder der Enkel sind offenbar Haltegriffe in einer Schnellbahn namens Leben ~

~ hui, nun werde ich doch tatsächlich noch sentimental.

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Autor: Alex

Heute so, morgen so ...

2 Kommentare zu „Die Lebenszeit“

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